Im Grunde waren die Bright Eyes mehr oder weniger (und in diesem Falle eher mehr) das Solo-Projekt von Connor Oberst. Mit wechselnden Mitstreitern hat er bisher fünf Studioalben aufgenommen. Alben die allesamt mit einem hohen Niveau aufwarten konnten. Mittlerweile wird Oberst in eine Rolle gedrängt die schon einigen seiner Musikerkollegen vor ihm nicht unbedingt gut getan hat. Nicht wenige sehen in ihm den größten Hoffnungsträger der modernen Musikgeschichte. Hier und da genießt er sogar „Gottstatus“. Wieder einmal scheint ein Sprachrohr einer Generation gefunden zu sein. Das dies böse enden kann haben die letzten Jahrzehnte der Rockmusik leider immer wieder gezeigt. Wer Bright Eyes auf den letzten Touren gesehen hat, der musste den Eindruck gewinnen, dass Connor auch ein ernsthaftes Problem zu haben scheint. Er wirkte auf der Bühne oftmals etwas angeschlagen – nett ausgedrückt. Seiner Musik hat dies freilich nicht geschadet, weder live, noch aus der Konserve. Mit Cassadaga kommt nun der sechste Streich. Und nun handelt es sich doch tatsächlich um eine klassische Bandgeschichte. Multiinstrumentalisten und Produzent Mike Mogis und Nate Walcott bilden neben Oberst das feste Bandgerüst.
Was noch auffällt, Connor wirkt erwachsener. Zumindest wenn man die Pressefotos so betrachtet. Die Haare sind länger, dünner ist er geworden und sein Gesicht lässt erahnen was der Mann in seinem Leben bisher schon mitgemacht hat. Kaum zu glauben, dass er erst 27 Jahre alt ist. Bevor man überhaupt einen einzigen Ton des neuen Albums gehört hat, kann man sich schon sehr intensiv damit beschäftigen. Der CD liegt nämlich ein Spectral Decoder bei. Mittels diesem hat man die Möglichkeit die versteckten Botschaften des Front- und Backcovers zu entschlüsseln. Ein nettes kleines und zeitintensives Suchspiel. Die dort abgedruckten Texte sind auf Englisch, Russisch und Französisch verfasst und wirken allesamt etwas abstrakt. Das hat sich also nicht geändert, Connor Oberst ist halt anders als die anderen Kinder. Cassadaga ist ein Ort, eine Gemeinde für psychisch Kranke in Zentralflorida, den Oberst besuchte, um mit den Toten zu sprechen und sich die Zukunft vorhersagen zu lassen. Ach ja, was noch neu bzw. anders ist, dass zum ersten Mal nicht in Mogis´ eigenem Studio in Lincoln aufgenommen wurde, sondern mit einer wechselnden Zahl von Mitwirkenden zwischen Portland, Chicago, New York City und Los Angeles.
Doch kommen wir nun zum eigentlichen Kern einer jeden Rezension, der Musik. Diese ist wieder äußerst gelungen und großartig, anders kann man es nicht nennen. Wahrscheinlich wartet alle Welt darauf, dass Oberst nachlässt und schlechter wird. „Cassadaga“ steht seinen Vorgängern jedenfalls in nichts nach. Der Mann kann anscheinend keine durchschnittlichen Platten machen. Der beigefügte Pressetext spricht von seinem selbstsichersten und fast lebensfrohen Album. Nun ganz soweit sollte man nicht gehen. Hier sind doch wieder jeder Menge typisch traurige Momente versammelt. Die zum Teil brüchig und zerrissene Stimme verstärkt diesen Eindruck dann noch zusätzlich. Insgesamt widmet er sich hier wieder stärker dem Folk- und Country Genre. Garniert wird die ganze Geschichte dann mit Streichern und zum Teil einem Chor voller Harmoniegesänge, wie z.B. schon beim Opener „Clairaudients (Kill Or Be Killed)“. „Four Winds“ klingt dann mit Mandoline und Violine in der Tat fast fröhlich und ist so was wie ein Folkrocker. Ein erster Höhepunkt des Albums. „If The Brakeman Turns My Way“ ist danach wieder ein Paradebeispiel für den verletzlichen Connor Oberst. Durch den Einsatz von Pedal Steel wird der Eindruck noch verstärkt. Der druckvolle und treibende Refrain veredelt den Song noch zusätzlich. „Hot Knives“ rockt, jedenfalls für Bright Eyes Verhältnisse. Der Frauenchor verschönert den Track, ohne zu kitschig zu werden. „Make A Plan To Love Me“ kommt mit einem astreinen Orchester-Arrangement daher und schrammt haarscharf am Kitsch vorbei. „Soul Singer In A Session Band“ ist mit seinem Schunkelrhythmus ein weiters Beispiel für die neu gewonnene Fröhlichkeit. „Classic Cars“ kann man schon als Standard Stück bezeichnen, lässt sich so auf jedem Bright Eyes Album finden. Allerdings muss man das in dieser Qualität auch erstmal immer wieder auf die Reihe bekommen. „Middleman“ ist von der Grundstimmung ein tieftrauriger Song, wie auch das anschließende „Cleanse Song“. Beide großartig arrangiert und vorgetragen. Dass es noch eine Stufe depressiver geht zeigt das ganz und gar herausragende Stück „No One Would Riot For Less“. Nicht nur der Zuhörer bekommt einen Kloß im Hals, Oberst scheint ihn auch bei den Aufnahmen gehabt zu haben. Gänsehaut! Etwas schneller und heiterer geht es dann mit „Coat Check Dream Song“ weiter um dann in die Countrynummer „I Must Belong Somewhere“ überzugehen. Die ganze Bright Eyes Schönheit gibt es dann noch mal beim Albumrausschmeißer „Lime Tree“.
Fazit: Wenn man bedenkt, dass der Mann erst 27 Jahre alt ist und was da alles noch kommen mag, dann kann einem schon fast Angst und Bange werden. Ob es nun das beste Bright Eyes Album ist oder nicht ist völlig egal, es gibt nämlich nur beste Bright Eyes Alben. Der Retter der Musik ist hiermit sicher nicht gefunden, denn den braucht es gar nicht. Allerdings könnte sich Connor Oberst eines Tages bei den ganz großen seiner Zunft einreihen, wenn er es schafft dieses Niveau zu halten. Auch „Cassadaga“ wird wieder als ein herausragendes Album in die Jahreswertung eingehen!
Die frisch bestätigte Tourdaten:
18.06.2007 – München, Georg Elser Halle
19.06.2007 – Wiesbaden, Schlachthof
20.06.2007 – Essen, Weststadthalle
