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Bob Dylan: Tell Tale Signs Rare And Unreleased 1989-2006 (2CD-Version) Tipp

(Sony BMG)

Autor: schlimm / Wertung: 11,5 von 12 Punkten / Kommentare: Bisher keine

Und wieder wurde ein Schatz gehoben. Mittlerweile gibt es derer schon acht an der Zahl. Acht Schätze, auf die man hingefiebert hat, wie bei kaum einem anderen Künstler – mit Ausnahme vielleicht von Neil Young. Was macht denn „The Bootleg Series“ von Bob Dylan überhaupt so speziell? Sind rare und unreleased Tracks mittlerweile nicht per Definition immer auch Ausschussware, die eben schlechter als die Songs sind, die es letztendlich auf die regulären Studioalben geschafft haben? Sind B-Seiten und Demos überhaupt geeignet – abgesehen von der Fangemeinde – einem größeren Publikum zugänglich gemacht zu werden? Ja und nochmals Ja! Wir reden und schreiben hier schließlich von und über Bob Dylan!

Songs von Dylan sind sowieso immer nur der momentane Ist-Zustand - Momentaufnahmen des immer in Bewegung bleibenden Künstlers. Stillstand gibt es bei dem Mann nicht und so entwickelt er seine Songs immer und immer weiter, egal ob diese schon Jahrzehente auf dem Buckel haben oder taufrisch sind. Alben von Dylan sind wie Fotografien, sie halten den Augenblick fest.

„The Bootleg Series Vol. 8 Tell Tale Signs Rare And Unreleased 1989-2006“ (damit man auch einmal den Titel in seiner Gänze sieht) widmet sich nun nicht dem Live-Repertoire (Ausnahmen bestätigen die Regel), sondern den Perlen der Jahre 89-06. Die ganze Geschichte ist übrigens nicht chronologisch angeordnet, sondern wird wild durcheinander gewürfelt. Ohne einen expliziten Blick auf die Trackliste oder das Basiswissen, wann denn nun die einzelnen Songs entstanden sind, fällt dies auch überhaupt nicht auf, da die 27 Songs wie aus einem Guss aus den Boxen fließen.

Es ist schon höchst erstaunlich, was uns Dylan als Rare And Unreleased hier verkaufen möchte. Andere Künstler wären heilfroh, wenn sie nur ansatzweise auf derartige Songs für ihre regulären Alben zurückgreifen könnten. Dies zeigt dann auch wieder die Extraklasse von Dylan. Die, zugegebenermaßen sehr guten, Dylan-Klone vom Schlage eines Springsteen, Petty oder Mellencamp sind Lichtjahre von dem Genius eines Dylan entfernt. Der Mann ist so viel mehr als ein schlichter Musiker und Texter. Einer der letzten wirklichen Poeten im, weitesten Sinne, Rockzirkus.

Beide CDs beginnen mit unterschiedlichen Versionen des bisher unveröffentlichten „Mississippi“. Man fragt sich, welcher Teufel Dylan hier geritten hat, diesen Song nicht auf „Time Out Of Mind“ zu packen. Diese Karrierephase von Dylan war aber sowieso nicht arm an Kreativität, denn auch das großartige und sagenumwobene „Red River Shore“ entstammt diesen Sessions. Vielleicht ist dies sogar die beste Nummer von „Time Out Of Mind“, nur dass der Track eben gar nicht auf dem Album vertreten war. Fast unspektakulär ist der Auftakt, typisch Dylan und auch wieder nicht. Das Akkordeon verzaubert und umschmeichelt den Zuhörer und bevor man sich versieht, ist man wieder vollkommen versunken und gefangen im Dylan-Kosmos.

Aber auch vom Album „Oh Mercy“ gibt es unveröffentlichtes Material, welches nachhaltig unter Beweis stellt, dass die kleine künstlerische Krise, die Dylan in den 80ern durchlaufen musste, endgültig beendet war. Das entspannte „Born In Time“ ist oberflächlich betrachtet eine nette Nummer, aber unter der Oberfläche kommt der poetische Dylan zum Vorschein und somit ist auch der Song eine Klasse für sich. Aus den Schuhen wird man anschließend aber endgültig von der alternativen Version von „Can´t Wait“ gehauen. Drums, Bass, Gitarre und Klavier und ein Dylan, der stimmlich nicht nur unglaublich druckvoll klingt, sondern auch außergewöhnlich gut. Genau, der Mann, der mit seinem nasalen Nichtgesang bisweilen auch auf Unverständnis stößt. Dylan entdeckt hier kongenial den Blues wieder. Den Nachschlag gibt es mit dem rockigen „Everything Is Broken“. Danach folgt eine weitere Dylan-Sternstunde. „Dreamin´ Of You“ baut sich sphärisch auf, entwickelt sich mit einem fast flüsternden Dylan zu einem Rockmonster. Ganz großes Kino! Fast unverständlich, dass auch diese Nummer im Giftschrank von „Time Out Of Mind“ landete - ebenso wie der Blues-Standard „Marchin´ To The City“. Mit „High Water“ beendet dann schließlich doch ein Song aus dem schier unerschöpflichen Livefundus die erste CD.

Arm an Höhepunkten ist natürlich auch der zweite Silberling nicht. „33-20 Blues“ aus dem Jahre 93 steht für einen Dylan, der mal eben ein kleines Schätzchen nonchalant aus dem Ärmel schüttelt. Dass Dylan zum Ende der 80er - mit Hilfe von Daniel Lanois - den Rock endlich wieder entdeckte kann man auf „God Knows“ nachhören. Glanzlichter sind aber auch die enthaltenen Livesongs. Das entspannte „Ring Them Bells“ oder das großartige „Cocaine Blues“ überzeugen ebenso, wie das mit voller Bandbesetzung intonierte „Lonesome Day Blues“. Nachdem es mit „32-20 Blues“ von Robert Johnson schon eine Verbeugung vor einem alten Helden gab, ist das wunderschöne „Miss The Mississippi“ von Jimmi Rodgers eine weitere. Dylan findet halt immer wieder zu seinen Wurzeln zurück! „`Cross The Green Mountain“ beendet „Tell Tale Signs“ auf beeindruckende Art und Weise und lässt den Hörer sämtliche Höhen des Dylan-Kosmoses erleben.

Fazit: Die vorliegenden 27 Songs, die sich aus raren, unveröffentlichten und live Songs zusammensetzen, sowie einige Soundtrackbeiträge dieser Zeit enthalten, sind eine Bereicherung für jede Musiksammlung. Oberflächlich betrachtet ist dies natürlich ein Fest für Sammler und Jäger. Auch, wenn manches vielleicht auf den ersten Blick obskur erscheint, ist dies unter dem Strich von solcher Genialität durchzogen, dass es einem fast den Atem raubt. Zudem ist die ganze Geschichte wieder sehr schön aufbereitet und neben dem schicken Pappschuber erhält man mit einem dicken Booklet noch ein Nachschlagewerk an die Hand, wo man reichlich Informationen der Dylan Jahre 1989-2006 nachlesen kann. Zudem stellen die beiden CDs eindrucksvoll unter Beweis, dass Dylan für „Time Out Of Mind“ Material für zwei herausragende Alben gehabt hätte. Beeindruckend! Man ist fast schon geneigt hier die Höchstwertung zu vergeben, aufgrund des beeindruckenden Backkatalogs ist dies aber fast unmöglich.

http://www.bobdylan.com

 

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