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Bob Dylan: Chronicles (Volume 1) Tipp

(Kiepenheuer & Witsch)

Autor: schlimm / Wertung: 10 von 12 Punkten / Kommentare: Bisher keine

Robert Allen Zimmerman, der Welt besser bekannt als Bob Dylan, ist vermutlich der bedeutendste Lyriker der modernen Musikgeschichte. Der Mann ist eine lebende Legende und haufenweise Mythen ranken sich um ihn und seine Person. Ebenso wurde er immer als Sprachrohr einer Generation gesehen und auserkoren, die Welt zu retten und zu verbessern. Legende? Mythos? Sprachrohr einer Generation? Dylan hasst all´ diese Begriffe und Attribute über seine Person. Dementieren hilft da aber nicht und anders lautende Rufe von ihm selbst verhallen fast ungehört. Im Gegenteil, seine Person war und ist für viele Leute immer noch ein gefundenes Fressen und so gibt es massenhaft kluge und weniger kluge Dinge über ihn zu lesen. Unzählige Bücher über Bob Dylan und seine Musik überfluten den Markt. Es geht sogar soweit, dass sich ganze Werke nur mit einem einzigen Song aus seiner Feder beschäftigen. Alles schön und gut, aber dies ist immer nur die Sicht und die Interpretation von Außenstehenden. Können Dritte überhaupt ansatzweise den Menschen Robert Allen Zimmerman begreifen? Jetzt bringt der Mann, der die Geschichte am besten kennt, selber zu Papier. Auf „Chronicles“ hat die Musikwelt lange gewartet!

Die etwas mehr als 300 Seiten sind erstmals schon eine dicke Überraschung. Dies verwundert doch sehr im Hinblick auf diese bewegte und üppige Karriere. Folgerichtig ignoriert Dylan hier wieder bewusst die Erwartungshaltungen. Wer eine umfassende Biografie erwartet, wird ganz sicher enttäuscht werden. Nein, dieses Buch ist nicht mal ansatzweise eine Biografie. Voyeure werden ebenfalls nicht bedient. Zudem dürften Neueinsteiger in den Bob Dylan-Kosmos mit diesem Werk ihre Problem haben. Zeitliche Abläufe und Reihenfolgen werden nicht erklärt oder gar großartig durch Daten beschrieben. Eine gewisse Grundkenntnis über den Karriereverlauf von Dylan wäre also von Vorteil um die Ereignisse, die er hier beschreibt, zeitlich richtig einordnen zu können.

Wenn „Chronicles“ nun schon keine Biografie und Abhandlung über das musikalische Schaffen ist, was ist es dann und was gibt es hier zu lesen und warum ist dieses Werk so lesenswert? Es ist schlicht und ergreifend Dylan pur. Er entpuppt sich als Essayist. Mit einem präzisen Sprachstil schildert er erfrischend uneitel die Dinge, die ihm wichtig erscheinen und die einen Blick auf den Menschen Robert Allen Zimmerman freigeben. Dieses Buch ist zwar von und über den weltbekannten Musiker Bob Dylan geschrieben, wer aber aufmerksam zwischen den Zeilen liest, bekommt einen Einblick in die Gedankenwelt des Menschen – des Menschen Robert Allen Zimmerman.

Dieser wiederum hat viel zu erzählen. Z.B. wie er seinen ersten Vertrag unterschrieben hat und wie es zu den Umständen gekommen ist. Überhaupt liest sich manches hier wie ein Roadmovie. Wie Dylan seine Ankunft im winterkalten New York schildert hat einfach Stil. Er beschreibt mit voller Hingabe seine Zeit in den Kaffeehäusern und den Spelunken. Dabei kreuzen jede Menge Gestalten und bekannte und unbekannte Kollegen seinen Weg. Und zur Verblüffung des Leser kennt er noch jeden einzelnen Namen (und derer gibt es hier wirklich viele zu lesen – viele hat man auch noch nie gehört) und kann jede noch so unwichtig erscheinende Bedeutung schildern. Er schreibt dabei fast aus der Sicht eines Fans. Mit Anerkennung und Respekt begegnet er den alten Weggefährten. Seine Schilderungen haben dabei fast schon Züge von „Unterwegs“ von Jack Kerouac. Die Zeit in New York beschreibt er derart anschaulich und kraftvoll, dass man sich selber in all´ diesen Hinterzimmern diverser Spelunken wähnt, Schutz suchend vor den immer kalten Temperaturen draußen.

Selbstverständlich kommt auch sein Idol Woody Guthrie nicht zu kurz. Dylan schildert mit viel Hingabe liebevoll von den Begegnungen. Ebenso schafft er es auch immer wieder Seitenstränge über fast unbekannte Personen in seine Erzählungen einfließen zu lassen, die einem als Leser plötzlich sehr bedeutsam vorkommen. Sind sie auch, jedenfalls für Dylan.

Fast wütend schreibt er die Zeit nach dem Motorradunfall nieder. Es ist schon unglaublich und erschütternd zu lesen, wie Dylan durch seine vermeintlichen Fans vereinnahmt wurde. Wie sie in Woodsstock sogar in sein Haus eingebrochen sind und ihn und seine Familie belagert haben. Seine damalige Hilflosigkeit ist bei der Lektüre des Buches besonders stark spürbar. Seine Versuche den eigenen Mythos zu zerstören kommen nicht nur zur Sprache, sondern werden sehr nachhaltig beschrieben – verstanden haben dies seinerzeit wohl die Wenigsten. In dieser Phase schildert er dann auch die Entstehung von „New Morning“. „Bringing it all Back Home"? ,„Highway 61 Reviseted"? „Blonde and Blonde"? Dylan verschwendet kein Wort über seine Großtaten. „Chronicles“ ist eben das etwas andere Buch und Dylan erfüllt eben keine Erwartungen sondern schreibt das nieder, was für ihn wichtig und von Bedeutung erscheint.

Nachhaltig bringt er auch seine Verwunderung darüber zum Ausdruck, dass er die Stimme einer ganzen Generation war. Er wusste nichts über diese Generation, wollte er auch nicht, sondern einfach seine Lieder singen. Dylan sah sich eben nie als Sprachrohr. Viel lieber schildert er die Entstehung und die Zusammenarbeit mit Daniel Lanois und „Oh Mercy“. Diese Ausführungen sind bisweilen anrührend zu lesen

Fazit. Dieses Buch ist anders und ganz sicher keine Biografie. Dafür kehrt ein Mann hier sein Innerstes nach außen und lässt den Leser ein Stück an der Gedankenwelt von Bob Dylan teilhaben. Viel größer ist allerdings der Blick auf den Menschern Robert Allen Zimmerman. Mit feingliedrigem Humor erweist sich dieser als toller Beobachter seiner Umgebung, der scharfsinnig mit einigen Klischees aufräumt. Wer also eine lückenlose Biografie über Bob Dylan lesen möchte, der ist hier ganz sicher falsch aufgehoben! Wer allerdings den Menschen hinter dem Mythos Bob Dylan kennen lernen möchte, der wird dieses Buch verschlingen! Willkommen in der Gedankenwelt von Robert Allen Zimmerman! Übrigens gibt es die deutsche Taschenbuchausgabe für günstige 8,95 € zu erwerben! Also? Worauf noch warten…?

http://www.bobdylan.com

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