Das Debütalbum „We Don´t Need To Whisper“ von Angels & Airwaves ist eigentlich noch recht frisch im Gedächtnis, da steht mit "I-Empire" nun auch schon das neue Album in den Läden. Die Kuh so lange melken wie es geht? Kreativer Anfall? Höhenflug? Nichts von alledem, die beiden Scheiben waren von Anfang an als eine Einheit angelegt, als klassisches Doppelalbum, die nur getrennt voneinander veröffentlicht werden. Alles klar soweit? Nachfragebedarf besteht da wohl auf jeden Fall. Wer jetzt aber vermutet, dass es sich bei „I-Empire“ um Ausschussware handelt und hier mal schnell die Schublade mit den vielleicht nicht ganz so guten Songs geöffnet wurde, der irrt gewaltig!
Ich muss gestehen, dass mich die Vorgängerband von Tom DeLonge nie sonderlich interessiert hat. Irgendwie fühlten sich meine Knochen schon zu alt für die, in meinen Augen, pubertierende Teeniemusik an. Die soll(t)en doch bitteschön die rebellischen Teenager aus den schönen Vorstädten mit ihrem sorglosen Leben hören, aber meine Ohren um alles in der Welt verschonen. Nun, die Vorgängerband lässt mich immer noch relativ kalt. Die Rede ist übrigens von Blink 182 und ab hier wird dieser Name nun nicht mehr fallen – versprochen!
Entsprechend wenig habe ich mich mit „We Don´t Need To Whisper“ beschäftig und entsprechend wenig von „I-Empire“ erwartet. Böse Zungen könnten hier auch von Vorurteilen sprechen. Nun bin ich doch einigermaßen von diesem Album geplättet.
Nicht dass hier das Rad neu erfunden wird. Auch lässt „I-Empire“ deutlich die Beteiligung von Tom DeLonge erkennen. Trotzdem scheint der Mann und seine Band einen Reifeprozess durchlaufen zu haben. Die vorliegenden zwölf Tracks klingen unglaublich, ähm, erwachsen! Hinzu kommt eine unglaubliche Vielfalt, die hier an den Tag gelegt wird. DeLonge sagt über dieses Werk selber, „dass es sich dabei in gewisser Weise um einen Hybrid sämtlicher Stile aus dem Alternative-Sektor handeln würde und ausnahmslos alles von Punkrock bis New Wave zu bieten hat“. Dies ist natürlich maßlos übertrieben, aber auch nicht so ganz von der Hand zu weisen. Am ehesten erinnert dies nun an Jimmy Eat World, Dashboard Confessional mit einem leichten bis großen Einschlag zu U2 und einigen Anleihen bei Depeche Mode, New Order und Punkrock. Große Melodien und große Hymnen. Hier wird nicht gekleckert, sondern geklotzt.
Schon der Albumeinstieg kommt mit „Call To Arms“ und „Everything´s Magic“ unheimlich druckvoll aus den Boxen und hat jeweils nach einem langsamen Aufbau eine schöne Gesangslinie zu bieten, die im Refrain in Stadionsphären abhebt. Ruhiger und gesetzter schält sich das an U2 erinnernde „Breathe“ aus den Boxen. Insgesamt hat der Song einige nette Popelemente zu bieten, die für den neuen, erwachsenen Sound von DeLonge stehen. Noch ein Stückchen ausgefeilter und vielfältiger ist „Love Like Rockets“ ausgefallen. Auch diese Nummer besticht durch einen langsamen Aufbau, bevor es dann rockiger, versehen mit einer melancholischen Note, zur Sache geht. Fast unnötig zu erwähnen, dass im Refrain die ganz großen Gesten ausgepackt werden. „Sirens“ kommt anschließend ohne Umschweife zum Punkt, ist in der Instrumentierung allerdings auch etwas langweilig und langatmig geraten, gefällt aber mit einer sehr netten Gesangslinie. „Secret Crowds“ haut zum Ende der ersten Hälfte erneut richtig einen raus und macht ordentlich auf dicke Hose. Vor dem geistigen Auge sieht man förmlich wie die Stadionmenge diesen Track lauthals mitsingt.
Die zweite Seite beginnt mit „Star Of Bethlehem“ mit einer sehr dichten Atmosphäre bevor der Song in „True Love“ fast unbemerkt übergeht. Na hier haben die Jungs aber ganz genau bei den vier Iren von U2 zugehört. Gänsehaut breitet sich aus – ganz großer Sport! Nach diesem Höhepunkt kommt so eine luftigleichte Durchatmpause wie „Lifeline“ gerade recht. Die Gänsehaut geht nur irgendwie nicht weg. Und DeLonge ist wahrlich mit einer großartigen Stimme gesegnet. Einige Elektronikspielereien hat „Jumping Rooftops“ zu bieten, ist aber nicht mehr als ein kurzes, weiteres instrumentales Zwischenspiel. Dies brauchte es jetzt aber auch, um den Emotionspegel wieder etwas zu senken. Der Übergang in „Rite On Spring“ ist fast nahtlos. Insgesamt eine sehr schöne Nummer, bei der Angels & Airwaves ein weiteres Mal ein Gespür für sehr schöne Melodien unter Beweis stellen. „Heaven“ lässt dann die Scheibe fast schon wie eine Messe ausklingen, ein Schelm, wer hier „Where The Streets Have No Name“ von U2 entdeckt.
Fazit: Angels & Airwaves haben mich in jeder Hinsicht geplättet. Eine rundherum gelungene Scheibe, die sehr viele schöne Momente zu bieten hat. Dies hatte ich jedenfalls nicht erwartet. DeLonge scheint wirklich ein Ausnahmetalent zu sein und hat ein sehr feines Gespür für Melodik, Atmosphäre und den Aufbau eines Songs. Ohne seine Mitstreiter David Kennedy, Atom Willard und Matt Watcher wäre dies aber ganz sicher nicht so umsetzbar gewesen. Wenn die Band dieses Niveau auch in Zukunft an den Tag legt, dann wird man von den Jungs sicher noch viel zu hören bekommen. Übrigens sollte die Scheibe unbedingt mit Kopfhörer genossen werden, da eröffnen sich noch mal ganz neue Welten!