Ja, wenn alle Menschen reich wären, wenn es keine sozialen Unterschiede mehr zwischen den Menschen gebe, alle gleich viel und dazu noch reichlich hätten, dann wäre die Welt doch ein paradiesischer Ort. Zumindest meint dies Hiroshi Kato, der in Japan in eher ärmlichen Verhältnissen aufwächst, alleine mit seiner Mutter, sein Vater ist ihm unbekannt. Dann trifft er auf Charlotte, Tochter des französischen Botschafters in Japan, die wohlhabend und wohlbehütet aufwächst. Beide Kinder verfügen über außergewöhnliche Fähigkeiten: Während Hiroshi ein überdurchschnittliches technisches Verständnis besitzt, lernt Charlotte jede Sprache in unglaublicher Geschwindigkeit nur beim Zuhören und spürt außerdem die Geschichte eines Gegenstandes, wenn sie diesen berührt. Als Hiroshis Vater nach Jahren überraschend in Japan auftaucht und den Jungen nach Amerika holt, damit dieser dort studiert, wird der Grundstein gelegt, für eine Erfindung, die die Welt verändern soll. Ja, wenn da nicht noch das Vermächtnis aus der Vergangenheit der Menschheitsgeschichte wäre.
Bis es allerdings soweit ist, muss sich der Leser durch einen äußerst zähen Anfang quälen. Andreas Eschbach meint es mit seiner Erzählweise etwas zu gut, möchte sowohl die Anhänger von schlichter Belletristik als auch die Freunde von philosophischen Schriften oder wissenschaftlichen Exposés begeistern. Dabei steht ihm eins im Weg: Er ist kein großer Schriftsteller.
Die Idee hinter Herr aller Dinge ist gut, die Umsetzung kränkelt an zahlreichen Dingen. Mein Hauptkritikpunkt: Das Buch ist leidlich spannend. Bis zum Ende ist es so, dass die Geschichte nicht wirklich in Schwung kommt. Immer wenn man meint, dass es jetzt losgeht, das der Knoten platzt, haut Eschbach die nächste Schleife rein. Und stellenweise versaut er es durch den einen oder anderen Vorgriff selber. Beispiel?! Da heißt es mitten im Buch über Charlottes Verlobten zu Studentenzeiten, James Bennett, dass er Hiroshi nie wieder begegnen wird. Dass Bennetts Jagd auf Hiroshi im restlichen Verlauf der Geschichte erfolglos bleibt, überrascht dann auch niemand mehr. Hätte Eschbach sich sparen können.
Weiterhin verläuft sich Eschbach immer wieder in technische Details. Naturwissenschaftler bzw. naturwissenschaftlich Begeisterte dürfen sich über die Fülle an Hintergrundinformationen – wohlmöglich sogar gut recherchiert – freuen, für den Rest ist dies zum Teil verschenkte Zeit.
Und dann verschenkt Eschbach auch noch das Potential seiner Charaktere. Vor allem Charlotte und speziell ihre Fähigkeiten bleiben blass.
Natürlich ist Der Herr aller Dinge kein kompletter Reinfall. Die Ereignisse auf der Insel vor der Küste Russlands sind hier sicherlich das Highlight des Buchs, aber auch Hiroshis beinahe wahnhafte Suche nach dem Schlüssel zu globalem Reichtum weiß zu unterhalten. Aber dies reicht nicht, damit das Buch wirklich lesenswert wird. Dass ich beinahe 1 ½ Monate für das 700 Seiten starke Werk benötigt habe, dürfte dies unterstreichen.