Kann man nach acht Jahren von einem Comeback sprechen? Oder haben AC/DC einfach nur eine längere Pause eingelegt? Im Grunde scheint dies auch völlig egal zu sein, denn acht Jahre des Wartens waren definitiv zu viel. Wie die letzten Wochen zeigten, war die Fanmeute total ausgehungert. Mit „Black Ice“ steht ja nicht nur ein neues Album in den Startlöchern, sondern es wird selbstverständlich auch wieder eine Tour geben. Ende Oktober startet die Band zu ihrer ersten Welt-Tournee seit 2001. Die Tickets kamen noch vor Albumveröffentlichung in den Vorverkauf. Angeblich waren die Karten für die sieben Hallenkonzerte in Deutschland innerhalb von zwölf Minuten weg. Die Schwarzmarktpreise schossen in eine Höhe, die jenseits von Gut und Böse liegt und man kann schon jetzt davon ausgehen, dass sich die aktuelle Scheibe auf den vorderen Plätzen der Charts einsortieren wird und man darf annehmen, dass es auch noch einen Tournachschlag geben wird und die Jungs auch noch das ein oder andere Stadion der Republik bespielen werden. Schon beachtlich, welche andere Band schafft es schon, derart viele Zuschauer zu mobilisieren? Und das, wo auch die Kartenpreise mittlerweile in Dimensionen vorgedrungen sind, die eigentlich so überhaupt nicht mehr dem Spirit des Rock and Roll entsprechen. Musik, deren Ursprung ganz sicher nicht in der Oberschicht zu suchen ist, ist bei der Preisgestaltung mittlerweile aber genau da ankommen. Eine bedenkliche Entwicklung! Wie man sieht, spielt dies bei AC/DC absolut keine Rolle – der ganze normale Wahnsinn. Ohne Frage sind AC/DC somit immer noch einer der Top-Acts!
„Black Ice“ ist das mittlerweile 15. Studioalbum der Band. Die 15 neuen Songs entstanden unter der Regie von Produzentenlegende Brendan O´Brien (u.a. Pearl Jam, Bruce Springsteen und Rage Against The Machine) in den Warehouse Studios in Vancouver. Abgemischt wurden die Songs vom kanadischen Juno-Award-Preisträger Mike Fraser, der neben zahllosen AC/DC-Meisterwerken auch entscheidend an Alben von Aerosmith, Dio, Biffy Clyro, Motley Crue, Van Halen und Slipknot mitgewirkt hatte. Und diese Handschrift kann man deutlich heraushören – bisweilen muss man da ein leider hinzufügen.
Die erste Nummer „Rock ´N Roll Train“ kennt man ja mittlerweile. Solide rollt der Track aus den Boxen und macht natürlich sofort Lust auf mehr. Alle AC/DC Merkmale finden sich hier wieder, auch wenn die Welt hier natürlich nicht auf den Kopf gestellt wird. Der Rest lässt mir erstmal die Kinnlade auf den Tisch knallen. Allerdings nicht aufgrund der alles überragenden Qualität von „Black Ice“, sondern weil sich hier doch das ein oder andere Fragezeichen ergibt. Natürlich ist oberflächlich betrachtet alles wie immer. AC/DC gehören eben wie Motörhead oder die Ramones zu jenen Gruppen, die ihren Sound nur marginal ändern. Böse Zungen sagen, dass die eben immer wieder diesen einzigen Song neu aufnehmen. Trotzdem ist „Black Ice“ irgendwie anders. Unüberhörbar hat hier wohl „Back In Black“ Pate gestanden.
Die Gitarren kommen wieder knochentrocken aus den Boxen und die Rhythmusfraktion fährt wieder diese typischen und reduzierten Grooves auf, die man so eben nur von AC/DC kennt und gewohnt ist. Brian Johnson knödelt sich wieder wie gehabt durch die Songs - aber wo ist Angus? Seine bekannten Soliläufe halten sich diesmal merklich in Grenzen – die Riffarbeit steht dabei eindeutig im Vordergrund. Zudem ist der Mitgrölfaktor diesmal weitaus geringer ausgefallen. Nach der anfänglichen Enttäuschung ging es also an die Feinarbeit – die Scheibe musste schöngehört werden! Aber Angus hatte ja selber schon auf den Umstand hingewiesen „…manche Stücke muss man ein zweites und drittes Mal hören, aber das finde ich sehr positiv – wenn die Songs mit jedem hören wachsen“. Wie recht er doch hat!
AC/DC scheinen zudem eine neue Leichtigkeit für sich entdeckt zu haben. Klar, sie sind eine Hardrockband, aber wenn einem in Zusammenhang mit AC/DC urplötzlich die Kollegen von Whitesnake oder Aerosmith in den Sinn kommen, dann scheint etwas falsch zu laufen. Hier scheint sich eindeutig der Einfluss von Fraser bemerkbar zu machen. „Anything Goes“ oder auch „Rock N Roll Dream“ sind Beispiele dafür und wenn man nicht das markante Organ von Johnson vernehmen würde, dann könnte es eben auch von jeder X-beliebigen Softhardrockband sein. Aber keine Angst, AC/DC werden natürlich auch wieder mit – für sie – so typischen Elementen überzeugen. Was Cliff Williams und Phil Rudd aus „War Machine“ mit minimalistischen Mitteln herausholen, beherrschen in dieser Form eben nur die beiden.
„Spoilin´ For A Fight“ erfreut recht druckvoll das Rockerherz und auch „Wheels“ kommt recht gefällig aus den Boxen, wenn auch hier fast schon poppige Elemente zu vernehmen sind. Danach kommen – zumindest für mich – die stärksten Songs und Momente der Platte. Das bluesige „Decibel“ kommt staubtrocken um die Ecke gekrochen und mit dem Slide-Guitar infizierten „Stormy May Day“ folgt sogar der Höhepunkt der Scheibe, der den Hörer knietief in den Sümpfen begrüßt. So genial einfach und trotzdem würden andere Bands für so eine Nummer sterben. „She Likes Rock N Roll“ ist ebenfalls ein weiterer Glanzpunkt. Ein weiterer Song, der von dieser sensationellen und simplen Rhythmusarbeit getragen wird, dazu die Riffs von Malcolm Young und auch Angus darf sich hier wieder im Staub wälzen. Die Strophen sind übrigens um einiges Stärker als der etwas einfallslose Refrain – unter dem Stich aber eine klasse Nummer! Mit „Rocking All The Way“ befindet sich auf der Zielgeraden noch mal ein Blues-Stampfer der AC/DC-Schule auf der Scheibe. Und der Rest? Solide und wenn man böse ist, könnte man auch von Mittelmaß sprechen.
Fazit: Brian Johnson spricht übrigens von „..es ist das beste Album, das wir je gemacht haben. Schlicht und einfach.“. Nein, es ist ganz sicher nicht die beste Scheibe von AC/DC, schlicht und einfach trifft es da eher. „Black Ice“ hat unbestritten klasse Songs und tolle Momente zu bieten, ist in seiner Gesamtheit gesehen aber viel zu lang. Der ein oder andere Song weniger hätte es durchaus auch getan, denn so sind doch einige Füller dabei. Wäre dieser Gesichtspunkt nicht gegeben, dann könnte man unter Umständen vielleicht wirklich von einem Knalleralbum sprechen, so bleibt es ein mittelmäßig bis gutes Werk!