Wie kaum ein anderer Musiker steht Willie Nelson wohl für das Symbol des unangepassten Country-Musikers. Einen ähnlichen Status genießen wohl nur noch Johnny Cash und Kris Kristofferson. Wenn es den Prototypen eines Outlaws gibt, dann ist der gute Willie wohl als einer der Ersten zu nennen. Das fängt schon bei der Optik an (dürfte wohl nicht viele 73jährige Männer mit hüftlangen Zöpfen geben), geht über die Lebenseinstellung weiter (beeindruckend, wie stoisch der Mann seinen Weg geht und seine Sportzigarette lässt er sich auch heute noch nicht nehmen) bis hin zu seiner Musik (auch hier hat er sich nie von seinem Weg abbringen lassen). Willie Nelson könnte sich eigentlich ruhig in den Lehnstuhl setzen und voller Stolz auf sein Schaffen und Lebenswerk zurückblicken. Aber ausruhen ist immer noch nicht sein Ding, auch heute noch tourt sich der Mann gerne mal den sprichwörtlichen Popo ab und beglückt die Welt auch immer wieder mit seiner Musik. Gerade im letzten Jahr hat er sich einen lang gehegten Traum erfüllt und sein Reggea-Album „Countryman“ veröffentlicht.
Geboren wurde dieses Urgestein des Country 1933 im texanischen Abbott. Seine lange Karriere begann zunächst als Liederschreiber für andere, so konnte er z.B. seinen ersten Nummer eins Hit mit Patsy Cline und Faron Young im Jahre 1962 landen. Es sollte noch Jahre dauern, bis Nelson seine eigenen Lieder singt. Erst als die Nachfrage nach Auftragsschreibern sinkt, nimmt er im Jahre 1973 unter eigenem Namen sein erstes Album auf. Seitdem sind unzählige Alben, Compilations, Best Ofs, Greatest Hits und und und von ihm erschienen. Wahrscheinlich hat er schon selber den Überblick verloren und selbst beinharten Fans dürfte es schwer fallen da die Übersicht zu behalten. Natürlich hat sich in dieser langen Karriere Licht und Schatten abgewechselt und es war nicht immer alles Gold was glänzte, aber in seiner Summe ist es beachtlich, was der Mann musikalisch alles auf die Beine gestellt hat.
Daneben schenkte er der Welt noch die "Bad Boy Group" The Highwaymen, verdingte sich als Schauspieler, arbeitete mit Künstlern wie Bob Dylan, Merle Haggard bis hin zu Kid Rock zusammen und stellte mit Neil Young und John Mellencamp das jährlich stattfindende Benefizkonzert Farm Aid auf die Beine. Ein geruhsames Leben sieht wohl anders aus und trotz all´ dieser Aktivitäten ragen seine ersten beiden Alben "Shotgun Willie" und "Phases And Stages" immer noch heraus.
Diese beiden Alben wurden im Steresound nun in einer Prachtbox erneut aufgelegt. Für die Aufnahmen von „Shotgun Willie“ brach Nelson mit dem rigiden Studiosystem in Nashville und zog aus in das ferne New York. Herausgekommen ist alles andere als pure Country Musik. Der Titeltrack besticht z.B. durch seine Bläser und ein Gitarrenspiel, wie es wohl auch manchem Bluesmusiker gut zu Gesicht stehen würde. Die Platte wird auch gerne mal als Redneck-Rock bezeichnet. Das Wort ist ja nicht immer positiv belegt, wenn es aber so verstanden wird, dass „Shotgun Willie“ durch und durch amerikanisch ist, dann trifft das wohl zu wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Man höre sich nur mal „Whiskey River“ an, schließe die Augen und man wird sich an der Theke irgendwo in Texas wieder finden, den obligatorischen Stetson natürlich auf dem Kopf. Ganz großes Kino, so sollte authentische Roots-Musik, fernab vom Formatradio, klingen. Mit dem Song eröffnet er übrigens auch heute noch seine Konzerte. Egal ob das ruhige „Sad Songs And Waltzes“, das bluesige „Devil In A Sleeping Bag“ bis hin zum rührseligen „A Song For You“, das Album ist auch heute noch für dieses Genre in seiner Relevanz kaum zu übertreffen und darf gerne als Referenzwerk für junge Künstler herhalten.
Der Nachfolger „Phases And Stages“ aus dem Jahre 1974 war nicht minder interessant und genial. Der All Music Guide betitelte das Werk als „eins der großartigsten Konzeptalben überhaupt“. Die Thematik und die Umsetzung ist auf jeden Fall mehr als interessant und hat es in dieser Art und Weise sicher nicht wieder gegeben. Hier dreht es sich um den Kampf der Geschlechter, ein Thema dass im wahrsten Sinne des Wortes die Welt bewegt. Zunächst erzählt Nelson die Geschichte einer gescheiterten Ehe aus seiner Sicht, nur um danach die Perspektive einfach umzudrehen und die Frau sprechen zu lassen. Hier sollte man unbedingt sein Augenmerk auch auf die Texte richten, es macht einfach Spaß, mit welchem Witz Willie Nelson Songs wie „Pretend I Never Happend“, „Bloody Mary Morning“ oder „Heaven And Hell“ umsetzt.
Die schlichten Alben sind natürlich schon ein Fest, aber die hier vorliegenden Bonustracks dürften dem Fan Tränen der Freude in die Augen treiben. So gibt es auf „Shotgun Willie“ sage und schreibe gleich zwölf davon. Es handelt sich hier wohlgemerkt um bisher unveröffentlichte Tracks, wie „Save Your Tears“ und „I Drank All Of Our Precious Love Away“. „Phases And Stages“ wartet dann auch noch mal mit zehn Bonus-Tracks auf, davon sind acht bisher unveröffentlicht. Der heimliche Star dieser Box dürfte aber Disc drei sein, denn hier handelt es sich um eine Liveaufnahme aus dem Texas Opry House. Mitgeschnitten wurden die Auftritte in Austin am 29. und 30. Juni 1974. Die Band von Nelson hatte sich seinerzeit einen legendären Ruf erspielt. Es gab zwar schon bereits 1993 Aufnahmen davon zu hören, aber die hier enthaltenen (klanglich übrigens tiptop) „Shotgun Willie“, „You Look Like The Devil“, „Bloody Mary Morning“ sowie ein Medley seiner frühen Hits erblicken das erste Mal das Licht auf einer CD. Da es sich hier um eine Veröffentlichung aus dem Hause Rhino handelt ist es fast unnötig zu erwähnen, dass die ganze Aufmachung mal wieder erstklassig ist und die ganze Geschichte mit einem 44 Seiten starken Booklet abgerundet wird. Die Umsetzung kann nahezu als perfekt bezeichnet werden.
Für Fans und Sammler ist diese Box natürlich sowieso Pflicht und ich bin mir sicher, dass dieses kleine Prachtwerk einen Ehrenplatz im Schrein und auf dem Altar bekommt, aber auch Neueinsteigern und Entdeckern sei „The Complete Atlantic Sessions“ ans Herz gelegt, denn die ersten beiden Alben bieten doch schon einen ganz guten Überblick, der anhand der Live CD noch mal abgerundet wird.