Rezensionen

USK: Die grosse Casting Affäre (1)

(Universal)

Autor: DJ / Wertung: 7.0 von 12 Punkten / Kommentare: Bisher keine

Bild von USK - Die grosse Casting Affäre (1)Inhalt: Sam (Katharina Wackernagel) begibt sich in Begleitung ihrer Schwester Jule (Emily Behr) zu einer Casting-Show und sie will dort ihr Talent unter Beweis stellen. Doch es gibt Probleme, denn der Ausrichter des Castings treibt ein dreckiges Spiel, doch was sind seine genauen Absichten? Wird Sam auf diesen schmierigen Kerl reinfallen oder können ihre neuen Freunde ihr beistehen und dem Casting-Chef das Handwerk legen?

USK ist der Abschied von traditionellen Jugendserien hin zu einer Serie direkt aus dem Mund der VIVA-Generation. Weg vom gepflegten Wortschatz ohne Jugendsprache und Soziolekt hinein in einen Hagel an Anglizismen, Neologismen, Fachjargon und Werbesprache. Wo die TKKG-Bande ihre Abenteuer in gezwungenen sprachlichen Entgleisungen erleben durfte, entspringen die Geschichten um die USK-Jugendlichen direkt aus den Forschungsergebnissen des letzten Soziologen und Linguistentages. Die Welt der USK-Kinder ist in verständlichen Momenten nur ‚grell’, ‚krass’, ‚geil’, ‚scharf’, in babylonischen Augenblicken nur noch ein Wirrwarr an Sprachsalven, die ältere Generationen höchstens mit Übersetzer verstehen dürften.

Geblieben ist dabei allerdings das Grundgerüst. Es gibt das frühreife Früchtchen, den Außenseiter, den starken Max, den Schweigsamen und das Quoten-Tier. Wo TKKG ihren Oskar und die fünf Freunde ihren Timmy, da haben USK diesmal ein Fretchen namens Dee. Man hat sich bei Universal wohl auch gesagt: ‚Das ist einfach hipper, als so ein oller Köter!’ Und wo die Pizzabande ihren Italiener inklusive Eltern mit Pizzeria, da haben USK ihren türkischen Freund, dessen Eltern eine Dönerbude haben. Da allerdings zu Zeiten der Pizzabande eine Pizzeria noch ein Novum war, hat man das gängige Dönerfleisch-Etablissement etwas angeschraubt und präsentiert es in einem stylischen Neonlook. In der Türkei wird man die Hände über den Kopf zusammenschlagen, ist der Döner dort eh verpönt.

In Zeiten von Jamba-Abos, einer Zweitwelt im Internet und Chartbetrug darf natürlich auch der aktuelle Bezug nicht fehlen. Das fängt damit an, dass der Vater seine Töchter nicht mehr versteht, da deren Sprache ja nur durch Anglizismen überhaupt lebt. Der Generationskonflikt als Ursache von Sprachwandel. Ansonsten ist der Vater schnell aus dem Haus, die Kinder scheinen sich selbst überlassen.
Gleiches Bild bei Fritte, der Spitzname von einem der Kinder, dessen Vater einst dadurch zu viel Geld gekommen ist, indem er türkische Gastarbeiter ausgebeutet hat. (Solch politische Dimensionen erwartet man auch nicht wirklich bei einem Hörspiel für eine Zielgruppe im minderjährigen Bereich) Dessen Mutter ist auf einer Charity-Veranstaltung der Krebshilfe, während der Vater im Golfclub den Krebs lieber durch Zigarrenrauchen fördert. Damit sich der Richy Rich der Serie, der sich selber eher als ‚Kevin allein zuhause sieht’, nicht langweilt, hat man ihm die komplette Elektronikabteilung des nächsten Mediamarkt ins Zimmer gestellt. Das Team hat seinen ungeliebten, aber so wertvollen E-Freak.
Und auch wenn die Casting-Welle nun wohl endgültig zu einem Schwappen im Spülbecken verkommen ist, erinnert man sich im Haus Universal doch gerne an manchen Charterfolg mit den Hitparaden-Clonen. Aber Selbstkritik muss sein. Und so offenbart sich Casting als das, was es nun einmal ist: Abzocke der willigen Opfer. Und als eine Art Prostitution der Teilnehmer. Um das Ganze aber noch zu schärfen, gesellt sich dazu ein Hauch von Kinderpornografie, die durch Ausdrücke wie ‚flachlegen’ und obszönes Umgarnen der 13jährigen Protagonisten äußerst deutlich Konturen verliehen bekommt. Hoppla, fragt sich der Hörer, schießt man damit nicht etwas über das Ziel des Unternehmens Jugendhörspiel hinaus?
Irgendwie ist USK eh eine Serie, bei der man nicht weiß, wer als Publikum anvisiert wird. Die Jugendlichen finden sich nicht wirklich in einer sympathischen Darstellung wieder. Viel mehr hat man den Eindruck, das verwöhnte Jungvolk bekommt hier den Spiegel vorgehalten. Das schreien die Mädchen auf, als sie auf der Bühne jemanden erblicken, der die neusten Nike-Schuhe hat, ätzen aber, als jemand in ‚Obachlosen-Klamotten’ mit schräger Stimme performt. Du bist was du hast, hast du nichts, bist du nichts. Und weil teure Marken und die neusten Klamotten und Geräte wichtigstes Indiz für einen integren Charakter sind, setzt man auch bei USK auf Namedropping. Die Nike-Schuhe worden schon erwähnt, das Sony Ericson Handy mit Kamera und Endlosspeicher soll als zweites Beispiel aufgeführt. Bei Lohndumping und steigenden Arbeitslosenzahlen dreht sich einem der Magen um. Wo bleibt der pädagogische Witz in der Serie?

USK kommt für mich einige Monate zu spät. Auf der Suche nach Hörspielen für mein damaliges Magisterarbeitsthema zur Jugendsprache in Jugendbüchern- und hörspielen wäre es ein Paradebeispiel gewesen. Vielleicht profitieren andere hiervon. Ob die erste Folge allerdings den Startschuss für ein erfolgreiches Unternehmen liefert, wage ich zu bezweifeln. Für Kinder und Jugendliche dürfte das hier Alltag sein. Und den erleben sie und müssen ihn nicht vorgelebt bekommen. Die Generation der Kassettenkinder, der ich entstamme, dürfte sich schwer tun mit den unsympathischen Protagonisten und der modernen Darbietung. Und alles was nach uns kommt, wird den Weg nicht über die Sprachbarriere finden. Wie man der Länge dieses Artikels ablesen kann, war der 70minütige Mix aus Biggi- und TKKG Hörspielen geschrieben von VIVA-Moderatoren aber doch irgendwie interessant.

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