Klappentext: Der kleine Cedric Errol erfährt in New York im Jahr 1900 unverhofft, dass er der Erbe eines englischen Grafentitels ist. Sein Großvater, der Earl of Dorincourt, lässt ihn nach England holen, um seine Erziehung zu übernehmen. Im ehrwürdigen Schloss des griesgrämigen Earls bringt der charmante amerikanische Bengel schon bald einiges in Bewegung…
Kritik: Mit reichlicher Verspätung erreicht Der kleine Lord auch diese Seiten. Aber: Alle Jahre wieder kommt das Christuskind – d.h. nach Weihnachten ist vor Weihnachten und diese Besprechung schon eine Empfehlung für kommende Weihnachtsgeschenke.
Bisher habe ich mich ja immer gesträubt, mich mit Der kleine Lord zu befassen. Ich gehe jedes Jahr zur Weihnachtszeit dem Film aus dem Weg: Zum einen möchte ich Sir Alec Guiness bis zu meinem Lebensende als weisen Jedilehrer in Erinnerung behalten, zum anderen schreckt mich dieser strahlende kleine Junge mit der blonden Pottfrisur ab. Dieses Vorurteil können auch Titania-Medien mit dem Cover der Doppel-CD nicht nehmen; auch hier sieht der blonde Junge auf dem Cover fürchterlich debil aus. Von seinem reinem, freundlichen Wesen ganz zu schweigen. Der kleine Lord gleicht weniger einem Kind, sondern vielmehr dem Messiahs – sowohl ein Fall für den Exorzisten als auch die Super Nanny.
Wenn man aber erst einmal seine Bedenken schlafen geschickt hat und tief auf dem Grund seiner Seele den Wunsch nach allumfassender Harmonie und peinlich guten Menschen entdeckt hat, dann ist Der kleine Lord Balsam für das von den Schrecken des Alltags vernarbte Gemüt. Der Klassiker von Frances Hogdson Burnett reißt die Brücken der Zwietracht und des Misstrauens nieder, fordert den Glauben an das Gute im Menschen und hebt den einfachen Menschen über den verbitterten ‚VIP’. Und dies alles kindertauglich, unterhaltsam und mit leichter Dramatik, die nicht durch Tragik schmerzt.
Und mit den großen Gefühlen spielen, das können die Herren aus Leverkusen. Den klassischen Charme eines Jugendhörspiels mit dem fröhlichen Charakter eines erfolgreichen Theaterstücks kombiniert – und Der kleine Lord wird auch heute noch in den Kinderstuben gehört. Für meine zukünftigen Kinder wünsche ich mir allerdings einen eher nordischen Charakter: Ein Schlingel wie den Michel, ein Kämpferherz wie die Ronja oder ein unbeschwertes Gemüt wie die Pippi.