Ohne Zweifel dürften sich an The Mars Volta die Geister scheiden. Manche halten sie für die Rettung der Musik schlechthin, andere für zu verkopft und eigenartig. Diskussionen wird wohl jedes neue musikalische Lebenszeichen von den beiden Hauptprotagonisten Omar Rodriguez-Lopez (Kreativkopf/Songschreiber/Gitarrist) und seinem kongenialen Partner Cedric Bixler-Zavala (Texter/Sänger) hervorrufen. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo in der Mitte. Auch bei „Amputechture“ wird es wieder diejenigen geben, die das Album in den höchsten Tönen loben und hier und da wird auch die ein oder andere kritische Stimme laut werden. Alles wie immer also. Wirklich? Ist in Bezug auf diese Band nicht schon alles gesagt? Können sie selber noch ihre Musik weiter (vor-)antreiben und neue Nuancen und Facetten für sich selber entdecken und schließlich verarbeiten und musikalisch umsetzen? Fragen über Fragen. Eine klare Antwort und Aufschluss darüber gibt es auf „Amputechture“.
Mittlerweile werfen uns Rodriguez-Lopez und Bixler-Zavala schon ihren dritten Longplayer vor die Füsse. Wenn man bedenkt, dass nach dem Ende von At-the-Drive-In das erste musikalische Lebenszeichen von The Mars Volta mit der „Tremulant“-EP aus dem Jahre 2002 datiert ist das ein verdammt guter Schnitt. Gab es bisher immer einen roten Faden, so wurde diesmal gänzlich darauf verzichtet und sich die Freiheit genommen, kleine Geschichten einzuflechten. Ein gänzlich neuer Ansatz also. Omar schrieb auch bei dem neuerlichen Album die Musik, inklusive der Bläser-Sektionen(!), Cedric steuerte wieder die Texte bei.
Volle Konzentration ist bei dieser Band immer von Vorteil und so erfordert bereist „Vicarious Atonement“ die volle Aufmerksamkeit des Hörers. Über sieben Minuten verteilen sich hier verschiedene Klangcollagen. Die Gitarre spielt hier bluesig und psychedelisch zu den traurigen und schleppenden Vocals von Bixler-Zavala. Im Hintergrund wabern allerlei Soundeffekte. Gegen Ende des Tracks driftet die ganze Nummer in eine free-jazzige Richtung ab. Sehr stimmungsvoller Auftakt, wenn auch ein langsamer. Zu langsam für einen Opener? Mitnichten, denn so ist man gleich voll bei der Sache. Rockig geht es dann aber bei „Tetragrammaton“ zur Sache. Die berühmt und berüchtigten Zutaten für einen Mars Volta Song sind hier alle vorhanden. Gitarren-Läufe mit plötzlichen Brüchen, verschachtelte Rhythmen, elektronische Verfremdungen und allerlei Spielereien. Das ganze verteilt auf sechzehn Minuten und fertig ist das Songmonster. Komplexität ist hier das Zauberwort. Trotz seiner Zerrissenheit rockt das Stück ungemein. Die komplette Rolle rückwärts macht da fast schon wieder das vier Minutenstück „Vermicide“. Dem Stück kann durchaus Radiotauglichkeit und Eingängigkeit attestiert werden. Man kann den Song auch einfach als Auflockerung zwischen zwei Monstern ansehen. Bei „Meccamputechture“ handelt es sich nämlich wieder um eine etwas längere Sitzung – insgesamt elf Minuten. Ist schon beeindruckend, wie man erst ein Thema minutenlang aufbauen kann um es dann im Chaos versinken zu lassen und (vermeintlich) einzureißen, nur um es dann wieder mit einem einleitenden Sax-Motiv wieder aufzunehmen.
„Asilos Magdalena“ ist die typische Mars-Volta-Latino Nummer. Eine Akustik-Gitarre bestimmt hier das Klangbild zu spanischem Gesang. Der Track besticht insgesamt durch seine dichte Atmosphäre. Bei „Viscera Eyes“ merkt man zunächst deutlich, dass die Jungs ihre Hardcore- und Punkwurzeln und Einflüsse nicht verleugnen können. Zur Hälfte hin fällt das Kartenhaus dann zusammen und baut sich zu einem Latin-Teil in eine völlig andere Richtung wieder auf. Improvisation heißt die Marschroute beim 12-minütigen „Day Of The Baphomets“. Hier darf sich jeder Musiker ausgiebig an seinem Instrument austoben, egal ob laut und/oder doch eher jazzig. Der letzte Song auf der Platte, „El Ciervo Vulnerado“ beendet den Silberling so, wie er auch angefangen hat. Atmosphärische Klangcollagen bestimmen das Bild und warten auf den Hörer. Anstrengend, aber sicher auch von morbider Schönheit.
Wer The Mars Volta bisher nicht zu seinen Lieblingsbands gezählt hat, der wird dies sicher auch nicht nach „Amputechture“ tun. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass der Band hier wieder ein hervorragendes Werk gelungen ist, wo so gut wie alle Einflüsse moderner Musik verarbeitet wurden. Stellt sich die Frage, wo das hinführen soll? Vielleicht mal eine Oper? Einstweilen wird man hier sicher wieder von Progrock sprechen, in seiner Gesamtheit gesehen ist dies aber auch durchaus Crossover. Im Grunde ist es völlig egal, wie sich dieser Stil nennt, The Mars Volta sind halt The Mars Volta und haben es sich in ihrer eigenen Nische gemütlich gemacht. So lange dabei so spannende Musik entsteht habe ich nichts dagegen.