Der aktuelle Release des sympathischen amerikanischen Bluesgitarristen und Sänger Spencer Bohren liegt nun schon seit ein paar Tagen auf meinem Schreibtisch und hart seiner Besprechung. Diese Wartezeit von „The Long Black Line“ resultiert dabei allerdings nicht aus einem Desinteresse meinerseits an diesem Werk, sondern vielmehr aus der Erwartung / Vermutung heraus, dass Bohren hier wieder einmal ein Werk geschaffen haben dürfte, für das man etwas Zeit mitbringen muss, weil es sich einem nicht in einer Besprechung zwischen Tür und Angel erschließen dürfte.
Diese Erwartung / Vermutung entpuppt sich heute als zutreffend, weswegen ich froh bin, mir zur Rezension dieses Werkes einen leicht trüb-grauen Sonntagabend ausgesucht zu haben, an dem man sowieso nichts anderes veranstalten kann, als sich auf die Couch zu legen, die Anlage schön aufzudrehen und mal wieder in aller Ruhe zu feinen Bluesklängen die Seele baumeln zu lassen. Dabei ein aufmerksames Ohr an die gesungenen Texte, die wieder einmal viele kleine, oftmals traurig schöne Geschichten erzählen, gehalten und ein Auge auf die Linernotes im Booklet, die erfreulich ausführlich und informativ ausgefallen sind, geworfen, damit einem möglichst kein Detail der insgesamt zehn Songs entgeht.
Bei der Zusammenstellung der Titel hat es Spencer Bohren - wie eigentlich zu erwarten war – wieder einmal geschafft, eine gute Mischung aus Eigen- und Fremdkompositionen zusammen zu stellen. Von den Titeln, die aus seiner Feder stammen, empfand ich persönlich vor allem „Long Black Line“, „Iowa Night“ und „Sand to Sand“ musikalisch und vor allem textlich sehr intensiv und beeindruckend, weil Bohren hier zum einen wirklich gute Melodien geschaffen hat und zum anderen mit seinen Worten die Hände ganz tief in die sozialen Wunden Amerika’s legt. Aber auch bei den Interpretationen der Songs anderer Künstler findet sich eine nette Auswahl auf diesem Album angefangen bei dem sehr bekannten „Ode to Billy Jo“ von Bobby Gentry über „Deportees“ von Woody Guthrie (Text) und Martin Hoffman (Melodie) und Henry Townsend’s „Cairo Blues“ bis hin zu „Somebody on Your Bond“ von Blind Willie Johnson, der ja von Spencer gerne und häufig zitiert wird.
Fazit: „The Long Black Line“ ist wieder einmal das erwartet typische Spencer Bohren Album und das ist auch gut so, denn genau so macht die Musik seinen Fans und Freunden des gefühlvollen Blues auch richtig Freude. 10 Punkte!