Da ist sie also, die erste große musikalische Depression des Jahres 2005. Das Positive dabei ist die Tatsache, das wir eine neue Sentenced vorliegen haben und das sie verdammt gut ist, weil alle Trademarks die die Finnen jemals hatten, auf dem Album zu finden sind. Das negative ist die Tatsache, das es das letzte Album der Herren ist. Schock, setzen. Viele schöne Stunden haben die Jungs mir bereitet, ob es vor fast 10 Jahren „Amok“ war oder heute „The Funeral Album“, das soll also vorbei sein. Man spielt aber noch ein paar Mal live, zum Beispiel auf dem Rock Hard Festival, und ne DVD erscheint noch. Ob das nun wirklich alles ist, wollte ich persönlich wissen und traf mich in den Hallen von Century Media Records mit Sänger Ville Laihiala.
SB: Als ich das erste Mal „The Funeral Album“ hörte, klang es wie ein Best Of nur mit neuen Stücken, weil wirklich jede Periode der Band vorkommt.
VL: In einer Art und Weise stimme ich dir zu, aber es war nicht unser Vorhaben, unsere Vergangenheit wieder aufleben zu lassen. Trotzdem ist „The Funeral Album“, wenn ich es jetzt höre, ein Querschnitt durch die Karriere von Sentenced. Einige Rhythmen oder Gitarren hätten auch auf „Amok“ oder „Down“ stehen können. Leute die unsere Karriere verfolgen, werden mit Sicherheit noch mehr Ähnlichkeiten finden können.
SB: „The Funeral Album“ wird das definitiv Letzte „Sentenced“ Album sein. Seit welchem Zeitpunkt wart ihr euch im Klaren, dass es das allerletzte jemals erscheinende Studioalbum der Band sein wird?
VL: Die endgültige Entscheidung ist letzten Sommer gefallen, als wir bereits die Hälfte der Songs geschrieben hatten. Darüber nachgedacht haben wir bereits seit zwei Jahren. Ich glaube, dass es eine derart lange Zeit braucht um sich individuell auf die Konsequenzen einzustellen. Die genauen Gründe jedes einzelnen zu nennen, ist ziemlich schwierig. Mein Grund war das Opfern des Privatlebens, mein Leben mit meiner Familie ist etwas, das ich mehr genießen möchte, als ich es bisher konnte. Die meisten von uns sind verheiratet und haben Kinder und wir haben schon soviel Zeit der Band geopfert. Für mich war der ganze Rock´N´Roll Lebensstil eh etwas, bei dem ich mich nie so wirklich wohl gefühlt habe. Man ist Wochen, Monate im Bus und lebt nur für die 90 Minuten auf der Bühne, 23 Stunden gähnende Langeweile. Wenn man die Produktionen und Schreibprozesse ausnimmt, hat man in den letzten Jahren die Hälfte des Lebens verschwendet. Das ist eine Sache, bei der sich alle Mitglieder einig waren. Ich muss aber immer wieder sagen, dass diese Entscheidung nichts mit der Musik an sich zu tun hat. Wir haben nie das Gefühl gehabt, dass wir nichts mehr zu sagen hätten, oder das wir anfangen uns zu wiederholen. Ich glaube einfach, dass wir den perfekten Moment gesucht und gefunden haben, um alles enden zu lassen. Trotzdem ist es eine traurige Erfahrung, diesen großen Teil unseres Lebens einfach zurückzulassen. Wir feiern uns selbst noch einmal mit diesem Album.
SB: Man spürt sofort, das euer Album kein Schnellschuss ist. Es ist in allen Punkten, egal Melodien oder Spannungen intensiver, als alle Alben die ihr bisher aufgenommen habt. Mit der neuen Scheibe habt ihr eine neue, leider die Letzte, Stufe eurer Karriere erklommen. Ihr müsst ziemlich hart daran gearbeitet haben, damit ihr diesen Standart erreichen konntet.
VL: Ja, das haben wir. Und es hat ziemlich weh getan, diesen Standart zu erreichen. Immerhin haben wir mit dieser Scheibe unsere gemeinsame, musikalische Schaffenszeit beendet. Als wir vor zwei Jahren anfingen an der Scheibe zu arbeiten, wussten wir ja noch nicht, wie das alles enden würde und trotzdem klingt es sehr natürlich. „The Funeral Album“ ist für uns natürlich etwas ganz besonderes.
SB : Ihr werdet gerne als Bindglied zwischen Gothic und Metal gesehen, womit ich ein paar Probleme habe, da gerade eure Gitarrenharmonien dem britischen Prog Rock ähnlich sind.
VL : Wenn man Musik hört, dann fängt man automatisch an, diese in Kategorien zu verteilen. Es ist dann einfacher, über die Band zu reden, weil man ja Vergleiche angeben kann. Wenn man Sentenced als GothRock Band tituliert, dann tut man sich und dem Gegenüber nicht gerade einen Gefallen, weil man dann nicht die gesamte Bandbreite der Musik oder mentale Seite damit abdecken kann. Bei den Songs „Vengeance Is Mine“ und „The End Of The Road“ haben wir zum Beispiel einen Kinderchor dabei. Bei „End Of The Road“ erzeugt er eine sehr beklemmende Stimmung und bei dem viel aggressiveren „Vengeance Is Mine“ stellt er einen sehr guten Gegenpol dar.
Dieser Chor war auch im Studio eine ganz neue Erfahrung für uns. Zig 10-12 Jährige Mädchen rannten durch das Studio und stellten Unmengen von Fragen. Wir hatten ne Menge zu tun, um die Mädels davon abzuhalten, auf jeden Knopf zu drücken. Eine wirklich neue und gute Erfahrung, die die Chance darstellte, aus dem sehr intensiven Studio und Aufnahmestress auszubrechen. Wir haben dann am Ende mit allem herumexperimentiert, was im Studio so rumlag, sogar Reißverschlüsse haben wir aufgenommen. Hauptsache ist, alles passt zu den Songs und wir konnten dem Lied eine neue, vielleicht verrückte Komponente hinzufügen. Ich find das nicht verrückt, nur können sich viele Leute nicht vorstellen, dass man als Metal Band auch mit Löffeln bei den Aufnahmen arbeiten kann.
SB: Musikalisch und lyrisch ist „The Funeral Album“ beklemmend dicht geraten, man muss sich nur den Song „We Are But Falling Leaves“ anhören. Was habt ihr zu den Vorgängeralben verändert?
VL : Dieser Song und alle anderen Songs sind musikalisch wie lyrisch Zeichen dafür, was die Band erlebt hat, was sie durchstanden hat und was nun im Endeffekt übrig bleibt. Sie sind persönlicher als jemals zuvor und wir benutzen nicht mehr so viele Metaphern wie auf den letzten Alben. Die Stimmung ist auch nicht immer gleichbleibend, mal ist es Trauer, mal Wut und auch mal glückliche Trauer. „End Of The Road“ zum Beispiel ist nicht nur der letzte Song auf der Platte, sondern auch der letzte Song der Band. Wir haben auch die Songs so aufgestellt, dass sie eine Richtung vorgeben.
SB: Also ihr macht die Musik selbst, ihr seid für das Artwork zuständig, aber ihr habt nie eines eurer Alben selbst produziert, warum eigentlich nicht?
VL : Wir sind einfach zu faul, glaube ich mal. Ich bin der Meinung, dass es immer gut ist, wenn man eine Person im Studio hat, die mehr oder weniger nichts mit der Band zu tun hat, am Entstehungsprozess der Songs nicht mitwirkte. Es war das bereits dritte Album, das wir mit Hiili Hiilesmaa (u.a Produzent von HIM aufgenommen haben, er kennt uns nun schon eine ganze Zeit. Wir geben im Studio und beim Schreiben immer 150 % und der Produzent ist dazu da, die letzten 50 % aus uns raus zu knüppeln, außerdem weiß er von der technischen Seite her am Besten, wie der typische Sound der Band ist. Außerdem ist es sehr entspannend, wenn man sich nicht auch noch um die Produktion kümmern muss.
SB: Eine DVD ist ja auch noch in Planung , werdet ihr die in Gelsenkirchen beim Rock Hard Open Air aufnehmen?
VL: Die DVD werden wir bei der allerletzten Show in unserer Heimatstadt Oulo im September aufnehmen. Der Grund dafür ist auch recht einfach, es ist die allerletzte Show. Wir würden uns zwar freuen, wenn alle unsere Fans zu dem Konzert kommen würden, aber da dies nicht geht, wird die letzte Show auf DVD gebannt und jeder hat die Chance, die Show zu sehen. Natürlich werden auch alle unsere Videos, zu denen noch zwei Videos neu hinzukommen werden, und zwar für die Songs „Ever Frost“ und „Despair Ridden Hearts“, und viel privates Material, das wir mit unseren eigenen Kameras aufgenommen haben, auf der DVD sein. Es soll etwas besonderes sein, etwas finales , für uns und für die Menschen die diese Band über die Jahre unterstützt haben.
SB: Wie habt ihr denn eure letzten Shows ausgesucht, bisher sind es ja nur an die sechs?
VL: Das Booking ist noch nicht beendet, weil die Platte noch nicht mal auf dem Markt ist. Wir werden bestimmt noch auf ein paar Festivals mehr spielen, ich weiß noch nicht wie viele es sein werden, aber der Plan ist es, auf so vielen wie nur möglich zu spielen. Wir wollen keine komplette „Good Bye“ Tour spielen, denn die müsste dann mindestens drei Jahre dauern.
SB: Was wirst Du persönlich nach dem Ende Sentenced machen?
VL: Ich habe ja noch meine andere Band Poisonblack und wir werden auch noch ein Album herausbringen. Ich werde noch bis zum Ende des Jahres 2006 Musik machen und touren, danach nehme ich eine lange Auszeit und beende meine Karriere damit, dass ich nicht mehr auf Tour gehen werde. Ich habe Interesse am produzieren, ich habe ja auch das letzte Poisonblack Album produziert. Das ist etwas was ich sehr gerne Lernen würde. Eins weiß ich aber genau, alle Musiker der Band werden der Musik in der einen oder anderen Art und Weise erhalten bleiben.
Was soll man denn dazu noch sagen. Eine der einflussreichsten Bands verlässt die Bühne und uns bleibt nichts anderes über, als die letzten Shows der Finnen zu besuchen. So Long!