Seaweed ist ein Projekt von „Woza“ Wayne Harker, Multi- Instrumentalist, Sänger, Komponist und Produzent. In Südafrika geboren, hatte er mit der Ethno- Pop Gruppe è-Void in den späten 80er Jahren große Charterfolge. è-Void erlangte in Südafrika Kultstatus. Nach è-Void wirkte er bei zahlreichen Gruppen und Produktionen wie z.B. Askari, Sally Davis Junior, Skunk Allstars in unterschiedlichster Funktion mit (Produzent, Komponist, Musiker etc.). Über London kam er dabei nach Köln, wo er Seaweed gründete.
Seine neue CD Culture Shock stellte Wayne am 29.03. im Stadtgarten Köln unter dem Motto „CD-Release, Concert & Party“ vor. Einige Wochen später traf ich ihn in einem Kölner Café:
SB:
Ich hoffe, du hast ausgeschlafen. Als wir eben telefonierten, hast du noch ziemlich müde geklungen. Ich habe übrigens gelesen, dass schlafen dein Hobby ist. Ist zwar ne seltsame Einstiegsfrage, aber wo wir gerade beim Thema sind: Warum ist schlafen dein Hobby?
Wayne:
Schlafen hält jung. Außerdem macht es Spaß und entspannt mich.
SB:
Beim Schlafen kann man sich in seine Träume flüchten. Du sagtest mal, dass du Musik als Flucht vor der Realität ansiehst. Besteht da ein Zusammenhang?
Wayne:
Musik ist für mich meine Realität. Das ist meine Welt. Es war jedoch hier in Deutschland zunächst schwierig, musikalisch Fuß zu fassen. Wenn man immer in Südafrika gelebt hat, kriegt man hier erst mal einen Kulturschock. Ich war erst mal sprachlos, weil ich kein Deutsch konnte. Ich musste mich total umstellen und das, was ich bisher musikalisch erreicht hatte, hat mich ja hier nicht direkt weitergebracht. Man muss sich neue Ziele stecken Dauerhoffnung, Dauerpower…ich probier´s nochmal.
SB:
Möchtest du hier bleiben?
Wayne:
Deutschland ist kein Dauerland für mich. Ich merke, dass der Markt für mein Seaweed-Projekt eher in Holland, Belgien, Frankreich zu finden ist, weniger hier in Deutschland. Da ich aber nunmal hier auf diesem Boden gelandet war und mir hier einen Freundeskreis aufgebaut habe, probier ich mal aus, was von hier aus zu erreichen ist. Deutschland ist ziemlich zentral. Wenn ich an Südafrika denke, allein die Distanz zwischen Kapstadt und Johannesburg ist 1400 Kilometer. Wenn du solche Strecken von Köln aus fährst, dann bist du schon in Südfrankreich. Es ist nur eine Frage des Willens.
SB:
Du hast deine neue Platte auf dem Konzert am 29.03. im Stadtgarten Köln vorgestellt. Wie war dein Gefühl im Vorfeld? Warst du eher nervös oder eher in Partystimmung?
Wayne:
Ich fühl mich wohl auf der Bühne und bin knapp vorher etwas nervös, aber nach den ersten 4 bis 8 Takten ist das vorbei. Hier war es besonders spannend, weil wir viele Musiker waren, die wenig zusammen geprobt haben. Ich musste mich auf diese Musiker verlassen. Da macht man sich natürlich schon Gedanken. Wir sind keine über Jahre eingespielte Gruppe.
SB:
Wie war die Stimmung während des Konzerts? Ihr habt ausgesehen, als hättet ihr Spaß in den Backen. Habt ihr euch wohlgefühlt?
Wayne:
Ja, wenn wir auf der Bühne stehen, wollen wir echten Spaß haben. Das ist die beste Voraussetzung für alle weiteren Bedingungen. Für mich war auch sehr wichtig, dass mehr Leute kamen, als ich erwartet hatte. Das war sehr schön. Natürlich waren es viele Bekannte, aber das Publikum wächst mit der Zeit. Wenn es jemandem gut gefallen hat, kommt er nochmal und bringt noch jemanden mit. Das Konzert ist gut angekommen bei den Leuten, mit denen ich gesprochen habe.
SB:
Du hättest gerne gehabt, wenn die Leute mehr getanzt hätten, oder?
Wayne:
Die Leute hier brauchen etwas länger - eine Aufwärmphase. Das heißt nach 2 Stunden (zwinker) haben die dann ihre 3-4 Bier schon drin und denken nicht mehr an Morgen. Ich wollte die Leute schon am Anfang etwas herausfordern. In Amerika würde ein Sänger auf der Bühne zu den Leuten sagen „I kick your as if you don´t move it!“ So ein bisschen Druck geben. Ich möchte schon, dass man in meine Musik reinkommt bis zum Ende der Nacht. Die Leichtigkeit meiner Musik überzeugte schließlich die Menschen. Nach und nach fingen alle an zu wippen.
SB:
Wie ist die Platte entstanden? Erst getüftelt, dann Musiker gesucht?
Wayne:
Genau.
SB:
Warum hast du das so gemacht? War das von Vornherein dein Plan oder hattest du erst mal keine Musiker?
Wayne:
Du hast es auf den Punkt gebracht. Es war schwer, die richtigen Musiker zu finden. Da ich ja nicht in Afrika wohne, finde ich den musikalischen Stil, den ich suche, nun mal nicht jeden Tag. So was baut sich ja erst mal auf. Ich habe viele negative Erfahrungen gemacht mit Musikern, die ich bisher getroffen habe. Deswegen dachte ich mir, okay, ich mach das jetzt für mich. Ich produziere die Platte. 90 Prozent davon habe ich selber aufgenommen. Ich dachte mir, lass mal erst die Platte machen, ich guck mal, was ich damit erreichen kann. Dann habe ich was Konkretes in der Hand und kann mir die Musiker gezielt aussuchen.
SB:
Welche schlechten Erfahrungen hast du mit Musikern gemacht?
Einerseits war wie gesagt die stilistische Frage problematisch, andererseits ist es schwer, Musiker zu finden, die kompromisslos Musik machen wollen und nicht z.B. am Wochenende ihre Oma besuchen müssen oder sagen, ich kann dann und dann nicht, weil…Wenn du wirklich Musiker sein willst, musst du auf einiges verzichten und sagen, jetzt mach ich mal Musik.
SB:
Du variierst die unterschiedlichsten Stilmixe in deiner Musik. Gibt es eine Stilrichtung, in der du richtig zuhause bist?
Wayne:
Schwer einzuschränken. Ich denke mir, egal ob ich z.B. Funk oder Reggae mache, es kommen immer Afro-Einflüsse hinzu. Ich verbinde alles mit Rhythmen. Selbst wenn ich einen Rocksong kopieren würde mit einer Rockgitarre, würde ich es trotzdem so biegen, dass am Ende des Tages eigentlich Afro-Reggae-Funk mit einem Hauch Rockgitarre entsteht. Es würde nicht umgekehrt sein. Aber ich war immer offen. In Kapstadt hattest du einerseits das ganze Afro-Zeug, andererseits amerikanische Einflüsse im Radio oder TV.
SB:
Obwohl Südafrika Culture-Mix pur ist (Sprachen, musikalische Einflüsse etc.), würdest du deine Ausreise als „Culture-Shock“ bezeichnen?
Wayne:
Ja schon. Die Menschen hier sind ganz anders. Die Wirtschaftsstruktur in Südafrika ist zwar sehr nah dran an Europa. Wenn du nach Kapstadt gehst, denkst du wahrscheinlich du bis in Paris. Die ganze Architektur ist so wie in Europa. Das ist nicht Afrika. Du musst nicht gucken, ob ein Löwe vorbeikommt. Das ist schon längst vorbei. Aber es ist trotzdem ein Kulturschock, weil du merkst, dass du in einem anderen System bist. Du spürst einfach eine andere Geschwindigkeit, das Klima ist anders, die Leute sind oft voll mit Depressionen, du hast hier nicht so viel Platz…Platz haben ist ein Wohlgefühl. In Südafrika hast du eine andere Perspektive. Dann kommst du hierher und – bong! Hast du plötzlich Hektik. Alle stehen um 8:00 Uhr auf. Sweet Bob Marley sagte “Rat Race” (Konkurrenzkampf). Wenn du in ein fremdes Land kommst, musst du außerdem schauen, dass du die Sprache beherrschst. Du musst dich auch ein bisschen anpassen und kannst nicht nur in deiner Clique bleiben. Man braucht einen neuen Freundeskreis usw. Das läuft nicht, wenn du dich in einer Ecke verkriechst. Dann bist du nicht Teil der Kultur.
SB:
Auf deiner Platte sind auch melancholische Stücke. Teilweise hörst du dich etwas rastlos an. Gehört dazu auch Einsamkeit und Traurigkeit?
Wayne:
Auf jeden Fall!
SB:
Ist diese Stimmung erst durch den „Culture Shock“ gekommen?
Wayne:
Ich bin weg von dem, was ich mein ganzes Leben lang gekannt habe. Das hat sich in meiner Musik ausgedrückt. Es ist nun mal für mich ein Thema. Manchmal fühle ich mich nicht zu Hause, manchmal fühl ich mich allein und traurig, obwohl ich Freunde habe. Am liebsten würde ich ein halbes Jahr hier und ein halbes Jahr dort verbringen, so wie alle erfolgreichen Leute es machen (lacht), aber das ist ohne das nötige Geld nicht alles machbar. Das heißt, wenn ich was schreibe, kommen solche Sachen hoch. Wobei ich trotzdem immer versuche - selbst wenn ich was zu sagen habe politisch oder sozial - dass ich das mit der Leichtigkeit der Musik verbinde, damit die Musik selber erst mal den Menschen anspricht. Erstmal ein bisschen mitgehen, genießen, noch nicht genau wissen, worum es geht. Und dann komm ich – klopf klopf – mit meiner Message durch die Hintertüre.
SB:
Heißt das auch, dass erst die Musik entsteht und danach der Text?
Wayne:
Das ist unterschiedlich, da habe ich kein System. Manchmal fällt mir eine Frage ein, die ich stellen will und dann bau ich damit ein Lied auf und manchmal greife ich zur Gitarre und spiele vor mich hin , dann bau ich was darauf auf.
SB:
Stimmt es, dass du dir alles an Instrumenten und Singen selber beigebracht hast, einfach durch spielen und ausprobieren, ohne graue Theorie?
Wayne:
Ja, das liegt vielleicht daran, dass ich nicht gerade aus einer reichen Familie komme, die mich z.B. zur Musikschule schicken konnte. Ich habe mit einem Schlagzeug angefangen, dann Bass, Gitarre, dann Keyboard, ich habe viel Percussion gemacht. Dann hier in Europa hab ich mich mehr und mehr damit beschäftigt, als Musiker für andere Leute zu arbeiten. Ich habe meine ganze Erfahrung genommen und versucht, hier was eigenes zu machen.
SB:
Kann das Seaweed-Projekt so weiterlaufen, wenn’s nach dir geht?
Wayne:
An der Seaweed-Platte habe ich jahrelang gearbeitet, weil ich es besser und besser machen wollte. Man hat wenig von mir gesehen, weil ich jede freie Minute gebastelt habe. Diesmal werde ich es auf jeden Fall anders machen. Diesmal will ich nicht die Musiker im Nachhinein finden und sagen, das sind die Songs, rein damit, Studioaufnahme, fertig. Es waren 5 sehr harte Jahre. Im Musikgeschäft brauchst du sehr viel Glück. Die richtigen Leute, zum richtigen Zeitpunkt. Ich habe gerade von einer Plattenfirma erfahren, die noch neue Künstler sucht. Es ist noch nichts zustande gekommen, aber es könnte eine neue Möglichkeit sein. Du musst immer gucken und fragen. Wenn du natürlich sagst, Platte fertig, ich lehne mich zurück - das geht nicht. Platte fertig, jetzt fängt die Arbeit erst richtig an. Also, wenn ihr jemanden kennt, der sich für meine Platte interessiert – sagt mir bescheid.
SB:
Culture-Shock ist von Funkhaus Europa zur CD der Woche gekürt worden…
Wayne:
Da hab ich mich natürlich auch gefreut, denn auf diesem Wege hören es natürlich viele Leute. Das ist gut für das Marketing. Wenigstens haben die Leute dann den Namen schon mal gehört.
SB:
Wie kams dazu? Zufall oder hast du die Initiative ergriffen?
Wayne:
Ja, ich hab n 1000er unter den Tisch geschoben (lacht)…
SB:
Na ja, man muss ja wahrscheinlich an so einen Sender herantreten und sagen, schaut, das ist meine neue Platte?
Wayne:
Das war wieder so eine Glücksfee, die vorbeigeflogen ist. Es ist über einen Journalisten gelaufen, der den nötigen Kontakt hatte. Er hat einem Bekannten von mir erzählt, der hat gesagt, ich bin freiberuflich, lass mich da was machen. Daraufhin hat er mich beim WDR im Archiv untergebracht. Dann kam ein weiterer Journalist, wollte etwas über Künstler aus Südafrika machen, hat mich im Archiv gefunden und mit mir etwas arrangiert.
SB:
Wo und wann kann man dich wieder sehen und hören?
Wayne:
Am 17.06. im Topos in Leverkusen. Diesmal unplugged!
SB:
Vielen Dank fürs Interview und viel Erfolg für Seaweed!