Rezensionen

Revolverheld: Revolverheld

(Sony BMG)

Autor: DJ / Wertung: 5.5 von 12 Punkten / Kommentare: Bisher keine

Bild von Revolverheld - RevolverheldDie neue Welle populärer deutschsprachiger Musik wächst inzwischen zu einer bedrohlichen Riesenwelle. Das Wort ‚Tsunami’ möchte man seit Ende letzten Jahres ja nicht mehr in den Mund nehmen. Aber dennoch dürfte der Vergleich packen, denn wenn in Deutschland weiterhin alles gehypt wird, was drei Akkorde spielen und aus fünf Wörtern einen Satz bilden kann, dann ersäuft das neu gewonnene Glück deutscher Identität innerhalb kürzester Zeit in einem Meer der Tränen. Und in diesem Zusammenhang geht auch der Rock’n’Roll baden. Inzwischen kann man es schlicht nicht mehr hören: ich mach jetzt Rock, ich habe schon immer Rock gemacht, meine Wurzeln liegen im Rock, meine Eltern spielten mir immer Rock Platten vor, ich denke nur in Rock, ich esse Rock, ich rieche nach Rock, ich kacke in Rock, ich schlafe in Rock und auch in intimen Momenten, da dreht sich alles um Rock. ‚Rock’ ist auf dem Weg das Unwort des noch jungen Jahrtausends zu werden, der schlimmste Trend seit ‚Acid’ und ‚Girlie Power’.

Aus dem Norden Deutschland kommt im Zusammenhang mit ‚Rock’ meistens Gutes. Aber auch nicht immer. Revolverheld kommen zwar Ecke Hamburg, Ecke Bremen, spielen nach eigener Aussage natürlich auch ‚Rock’, durften sogar schon mit Udo Lindenberg rocken und treffen im Moment sowohl musikalisch als auch lyrisch den Nerv der Kids. Mit anderen Worten: statt auf dem Rolling Stone, dem Metal Hammer, dem Rock Hard oder dem Visions lächeln die Herren von der Bravo, Mädchen und Just4Fun. Dass sich diese Popularität nur schwer mit ehrlicher, kerniger und authentischer Rock Musik verbinden lässt, dürfte in 99% aller Fälle zutreffen. Dabei proklamieren sie nach Guns’n’Roses den Rockolymp für sich (Ein Jahrzehnt nach Guns’n’Roses sind wir am Start / Wir spielen weil Rock’n’Roll uns adoptiert hat - Generation Rock ) und entschweben in Größenwahn (Gebt mir alles was noch geht / Denn ich bin euer Rockprophet / Zum Castingwahn sind wir der Gegenpol / Was hier passiert ist Rock’n’Roll… - Rock’n’Roll). Als hart arbeitende Rockband wird dabei natürlich gegen die Industrie und ihre Marionetten gestänkert (Willst Du Popstar oder Casting / Komm vergiss doch diesen Schwachsinn / Spielen kein Playback / Sind kein Show-Act / Der nur Arsch leckt - Arme hoch) und auch die Massenmedien abgelehnt (Revolverheld geht jetzt auf GO! / Gegen Massenradio /Wir sind im Haus und bringen den Rock zurück / Seid ihr bereit für unseren SHIT? - Rock’n’Roll). Was man dabei unterschlägt und kulant gegen sich selber übersieht, ist nur, dass man selber im Programm eines Majorlabels steht, dass man neben einigen netten Ansätzen gerade 08/15-Gitarrenmusik für die breite Masse schreibt und dass man sich neben den harten Worten mit möglichst viel Schnulz und Kitsch gerade in die Herzen der Teenagermädels singt. Songs wie Die Welt steht still, Romeo oder Mit dir chilln werden der Feuerzeugindustrie erneut einen phänomenalen Gewinn bescheren.
Das Anbiedern der Jungs an momentane Trends ist das Ärgernis an Revolverheld, das vollkommene Abgehen wirklichen Rock’n’Rolls. Somit machen selbst die lichten Momente keine Freude. Hätte man lyrisch nicht so sehr auf den Topfdeckel gehauen, hätte man über die musikalische Belanglosigkeit hinwegsehen können. Aber wie so häufig wird die Großschnäuzigkeit zum Bumerang. Hart treffen dürfte es das Quintett nicht. Das Zielpublikum ist schon aktiviert. Für ein, zwei Platten dürfen die Burschen jubeln, dann geht es ab in den Dschungel oder den BB-Container.

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