Es ist immer wieder verwunderlich, wie es viele Bands schaffen, mit dem ersten Album zwar bemerkt zu werden, aber trotzdem keinen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Dann hat man plötzlich das zweite Album in der Hand und denkt sich: “Kann man ja mal hören.“. Genau dieses macht man dann und fliegt rückwärts vom Stuhl. Der Qualitätssprung, den Redemption von ihrem Debüt zu „The Fullness Time“ gemacht haben ist wahrhaft erschreckend. Mastermind Nick van Dyk hat auch Möglichkeiten, die einfach kein mittelmäßiges Album zu lassen. Nicht nur, dass er ein musikalisches Genie ist, er hat auch die Möglichkeiten, dieses umzusetzen. Sein Freundeskreis hat ihn dabei tatkräftig unterstützt und wenn man zu seinem Freundeskreis Leute wie Ray Alder (voc, Fates Warning) oder Bernie Versailles (git, Fates Warning, Agent Steel) dann steht einer Legendenbildung nichts im Wege.
Es ist natürlich ein klarer Fall, dass man sich mal mit Mister van Dyk unterhalten sollte. Habe ich getan und hier das Ergebnis.
SB: Ersteinmal Glückwunsch zu eurem neuen Album. Du hast alle Songs geschrieben, alle Texte verfasst, aber produziert hat Tommy Newton. Das hättest du doch auch noch machen können, oder?
NvD: das Produzieren hat zwei Seiten, die kreative Seite und das Mastern und Mixen um den richtigen Sound zu bekommen. Ich habe zwar ziemlich viele kreative Ideen, aber die sind immer abhängig von meinen Mitmusikern. Als ich die Songs schrieb, kam unser Drummer uns spielte was er selbst geschrieben hat. Ich machte dann hier und da ein paar Vorschläge und so haben wir die Songs gemeinsam ausgearbeitet. Mit den Basslines war es dasselbe. Ich habe auch alle Melodylines vorbereitet, aber was Ray daraus gemacht hat ist besser als ich es jemals hätte schreiben können. Tommy war nicht so früh in den Prozess eingebunden, wie ich es gerne gehabt hätte und das hauptsächlich aus finanziellen Gründen. Das nächste Mal hoffe ich, dass wir ein wenig früher mit ihm arbeiten können. Die Ideen die er hatte, wie man einige Teile abmischen sollte oder wie man Solis verschieden Texturen geben kann. Die Dinge die er beeinflussen konnte klingen einfach besser und der Grund ist seine Mitarbeit daran. Das nächste Mal wünsche ich mir, dass er früher dabei ist.
SB: Also können wir davon ausgehen, dass er bei der nächsten CD wieder dabei sein wird?
NvD: Das hoffe ich doch. Wir schreiben bereits neue Songs. Tommy ist nicht nur ein fantastischer Produzent, sondern auch ein großartiger Mensch und wir hatten jede Menge Spaß zusammen. Und gerade weil die Musik eigentlich nur mein Hobby und nicht mein täglich Brot ist, ist mir der Spaß dabei sehr wichtig.
SB: NUR ein Hobby, es ist schwer zu glauben, dass solche musikalische Perfektion als Hobby entstanden ist. Aber wie auch immer. Wenn man sich eure neue Scheibe anhört, dann fällt besonders auf, dass die Musik mehr auf den Hörer als auf den Musiker ausgerichtet ist.
NvD: Das ist auch unsere Absicht. Bei der Art von Musik, die wir spielen, kann man schnell den Song aus den Augen verlieren und dann ist es nur noch eine Plattform auf der man den Leuten zeigt, wie toll man spielen kann oder wie kompliziert man Dinge machen kann, nur um kompliziert zu sein oder wie lang man einen Song strecken kann, nur um noch einen längeren Song zu schreiben. Progressive Metal bietet natürlich den Platz für Komplexität, musikalische Virtuosität oder lange Kompositionen. Meine Sorge ist es, dass es immer ein Song bleibt. Deswegen freue ich mich, dass du dies auch bemerkt hast, denn ich versuche die Balance zwischen zwei Dingen zu halten und ich bin der Meinung, dass mir dies auf der neuen Scheibe besser gelungen ist, als bei unserem Debüt. Das eine ist Balance zwischen progressiver Musik und Melodie. Der zweite Aspekt ist die Balance zwischen Komplexität und dem Fokus auf den Song, ein Song wie „Sapphire“ ist 16 Minuten lang und er muss auch so lang sein, damit er alle musikalischen Ideen transportieren kann die er beinhaltet. Auf der ersten Platte war ein Song wie „Something Wicked This Way Comes“ einfach nur unheimlich lang ohne so lang sein zu müssen. Da haben wir uns echt verbessert und wenn nun ein Song lang wird, dann weil der Song die Länge braucht und nicht weil der Gitarrist Lust hat noch ein wenig zu fideln.
SB: Ein weiterer Vorteil, neben der absoluten künstlerischen Freiheit, ist die Tatsache, dass du bisher immer mit erstklassigen Sängern zusammengearbeitet hast. Was hättest du denn gemacht, wenn dir nicht einer der besten Metalsänger aller Zeiten, namentlich Ray Alder, zur Verfügung gestanden hätte?
NvD: Das war eigentlich eine schöne Überraschung. Ich bin als großer Fan von Fates Warning aufgewachsen und vor sieben oder acht Jahren bin ich in einem Club in Los Angeles einfach in ihn reingelaufen und seitdem sind wir gute Freunde. Das er Sänger bei Fates Warning ist, überschattete anfangs unsere Freundschaft, doch mit der Zeit wurde er einfach einer meiner besten Freunde mit einem coolen Job. Er hat mir auch in der Vergangenheit oft geholfen. Unsere erste Platte (Anm. des Verf.: auf der Rick Mythiasin (ex Steel Prophet gesungen hat) war sehr experimentell und Ray muss immer total hinter den Sachen stehen, die er macht. Eigentlich wollten wir mit Corey Brown (Balance Of Power) die Platte aufnehmen, er ist in Atlanta auch mit uns aufgetreten. Doch als Ray die vorproduzierten Tracks hörte und da hat er darauf bestanden sie zu singen. Ich konnte ihm auch nicht absagen, denn er ist der beste Sänger des Genres.
SB: Ihr habt mit „The Fullness Of Time“ ein Album abgeliefert, an dem ihr euch ab jetzt immer messen lassen müsst.
NvD: Wie schon mal gesagt, unsere erste Platte hat nur Auszüge von dem gezeigt, was wir als Musiker imstande sind zu leisten. Mit unserem zweiten Album sind wir nun erst wirklich angekommen. Ich würde uns noch nicht auf dem Level von sehen, aber bei denen ist es auch so, dass alles was sie auf den Markt bringen mit „Images & Words“ verglichen wird. Dieses Album hat das Denken der Menschen über diese Art von Musik grundlegend verändert.
Als „The Fullness Of Time“ geschrieben wurde, war ich mir ganz sicher, dass die Scheibe besser werden würde, als es das Debüt war. Jeder Song ist besser, oder zumindest genau so gut, wie es der beste Song auf dem Debüt war. Nun haben wir Erwartungen etabliert, so dass wir hart arbeiten müssen um Material zu schreiben, dass so gut oder besser ist als die Songs auf „The Fullness Of Time“. Ich bin mir bewusst, dass wir nun mit den Songs identifiziert werden
SB: Das ihr musikalisch ganz weit oben seit, dass wird jeden bewusst, der sich eure Scheibe nur anhört, aber auch die Texte sind auf einem sehr hohen Niveau. Du musst viel Arbeit und Anstrengungen in sie gesteckt haben.
NvD: Das ist auch das Gebiet, in dem ich mich, im Vergleich zur ersten Platte, am meisten steigern musste und wollte. Auf der ersten Platte waren die Lyrics durch Bücher, also den Gedanken anderer Menschen, beeinflusst. Und das ist nicht dasselbe, als wenn man über Selbstzweifel oder Gedanken singt bzw. Schreibt, die man selbst hat oder durchmacht. Die Songs auf der neuen Scheibe sind persönlicher, Gedanken die ein Mensch hat und doch Texte, in denen jeder etwas für sich finden, sie nachvollziehen kann. Jeder hat schon einmal eine Geschichte wie in „Sapphire“ erlebt, eine Beziehung die sich auftürmt, wo man nicht weiß, ob man sie weiterführen oder beenden soll und wo sich im Endeffekt alles klärt, sich die Teile wieder zusammenfügen und es weiter geht. Es ist auch für den Sänger einfacher, denn er kann einen näheren Bezug zu den Songs aufbauen und mehr Gefühl rüberbringen.
SB: Auch muss es ziemlich schwer sein Songs wie „Sapphire“ oder „The Fullness Of Time“ zu schreiben. Multi Part Songs, die trotzdem in einer Art und Weise zusammenpassen müssen um einen vernünftigen, nachvollziehbaren Kontext zu bilden.
NvD: Beide Songs sind so lang, wie sie sein müssen, damit alle musikalischen Ideen auch vernünftig untergebracht werden konnten. „Sapphire“ besteht aus drei oder vier verschieden Ideen die ich hatte, und die alle einen Bezug zu einander haben. Da ist zum Beispiel ein Part in der Bridge, wo die Gitarren etwas anderes als die Gesangslinien spielen und das Keyboard einen Stück aus einem vorherigen Teil wiederholt, diese Ideen finden sich normalerweise besonders in der klassischen Musik wieder. Bei „The Fullness Of Time“ ist es ein wenig anders, die vier Teile hängen textlich zusammen, aber haben keinen musikalischen Zusammenhang, sie stehen als vier eigene Songs. Bei dem Song „Transcendence“ ist am Schluss eine Stelle wo vier Vocallines zusammenspielen, wie bei einem Queen oder Savatage Song, dort werden die prägnanten Vocallines der ersten drei Songs mit der vierten zusammengeführt.
SB: Eine Frage die sich bei den Mitgliedern von Redemption einfach von selbst stellt ist, ob es sich um eine Band oder nur um ein Projekt handelt!
NvD: Ich glaube wir sind eine richtige Band. Eine echte Band muss ein konstantes Line Up haben, so gut es dem Umständen entsprechend geht, damit sie eine gewisse Sound etablieren können. Das geht nicht nur im Studio, sondern muss auch auf einer Bühne möglich sein und wir haben nun ein ziemlich stabiles Line Up. Was besonders an Ray liegt, da er nicht in einem Projekt singen will. Ich habe große Respekt vor den Sachen, die er mit Fates Warning und Engine macht und will nicht das es da zu Problemen führt, wenn er noch in einer dritten Band singt. So haben wir uns unterhalten und er ist fest im Line Up, wir haben einen eigenen Sound und schreiben auch schon neue Songs. Auch setzen wir gerade Live Shows an. Vielleicht auch in Europa, wenn wir dort denn ein Publikum haben.
SB:Gerade in Deutschland und Holland hat Progressive Metal eigentlich einen ziemlich treuen und festen Fankreis.
NvD: Oh das ist cool, in Holland hab ich bestimmt noch ein paar Verwandte rumlaufen.
Dann komm deine Verwandten doch einfach mal besuchen und spiel hier einige Shows, denn das ist etwas, was bestimmt niemand von Redemption erwartet und doch ist es vielleicht möglich. Ich lass mich überraschen….