Kurdt Vanderhoof…dieser Name dürfte jedem in der Metalszene ein Begriff sein. Ist er doch der Hohepriester der Metal Church und dort für die tonnenschweren Riffs zuständig, die diese Band ausmachen. Auch seine Soloscheiben unter dem Namen Vanderhoof dürften einigen Menschen bekannt sein, gehen sie doch in eine ganz andere Richtung. Nun liegt das erste Album seiner neuen Band Presto Ballet vor und es hört auf den Namen „Peace Among The Ruins“. Anstatt knallhartem Power Metal, bietet Mr. Vanderhoof hier klassischen Prog Rock an, verzichtet komplett auf Keyboards und verwendet nur Mellotron oder Hammond Orgel. Es bestand die Chance, auf der Tour mit Metal Church ein Interview mit dem genialen Musiker zu machen, und so eine Chance lässt man sich natürlich nicht entgehen. Das Interview habe ich mit dem Kollegen Dominic Türk von metalearth.de geführt, da der Terminplan des Herrn Vanderhoof eng gesteckt war.
SB: Wie ist Presto Ballet entstanden?
KV: Es war eigentlich nur ein Projekt für mich und die Mitglieder der Band, die einfach Lust darauf hatten, irgendwas in Richtung Progressive Rock zu machen. Die Songs wurden in einem Zeitraum von drei Jahren aufgenommen und waren eigentlich nur dazu da, um uns Freude zu bereiten. Ich hab nie daran gedacht, dass es ein Album werden oder sogar veröffentlicht werden würde. Das „Peace Among The Ruins“ nun auf den Markt kommt fasziniert mich, weil es so überraschend ist. Vor ein paar Monaten waren es nur ein paar Tapes. Der Fakt, dass die Scheibe bei Insideout rauskommt ist großartig, weil beinahe alle Platten, die ich mir in den letzten sechs Jahren gekauft habe, auch auf Insideout erschienen. Nun auch ein Teil davon zu sein ist eine ganz große Sache für uns.
SB: Musikalisch ist „Peace AMong The Ruins“ viel organischer als alles, was du bisher gemacht hast.
KV: Es ist eigentlich eine Weiterführung der Vanderhoof Alben, nur dass wir den Anspruch einige Zacken höher gesetzt haben. Das war auch der Grund, warum ich wollte, dass es einen eigenen Namen bekommt. Es ist auch mehr eine Band. Ich wollte nicht, dass es wie ein Solo Projekt aussieht. Es ist eine Band aus Mitgliedern, die nur wegen der Musik zusammen sind und Musik machen, die sie spielen wollen!
SB: Das ist auch der Grund, das keinerlei digitale Aufnahmeverfahren verwendet worden sind?
KV: Ich habe ein analoges Studio und ich sammle alte Keyboards. Das digitale Zeugs ist hilfreich, ich habe auch einen Computer und ich schreibe alles Mögliche auf ihm, aber das ist nur für meinen persönlichen Gebrauch. Für den kreativen Prozess ist „Cut and Paste“ und alles eine tolle Einrichtung. Wenn du aber ein Rockalbum aufnimmst, etwas, was andere Menschen hören sollen, dann solltest du deinen Teil spielen und außerdem klingen analoge Tapes bei Rockalben einfach besser. Es klingt wärmer, ist viel dynamischer und einfach das, was ich bevorzuge. Digitale Aufnahmen gefallen meinen Ohren einfach nicht, auch wenn das bestimmt nicht viele Menschen interessiert. Ich liebe den Sound von Gitarren, die von einem fetten Tape kommen. Ich liebe diesen klassischen Sound einfach. Es hört sich einfach besser an und es kommt dem näher, was ich wirklich mag.
SB: Eure Musik läuft unter dem Banner „Progressive Rock“, ist aber nicht der typisch europäische Stil, wie man ihn aus England oder Deutschland kennt, sondern eher eine Mischung aus dem amerikanischen Stil dieser Musik und dem klassischen europäischen. Wo würdest du deine Vorbilder sehen?
KV: Alte Kansas, Rush, Genesis einige der neueren Progressive Bands wie IQ, Flower Kings, Spocks Beard, Porcupine Tree gerade von letzteren bin ich absolut begeistert. Ich weiß nicht mal ob die ein Teil der Progressive Szene sind. Ich habe in den letzten fünf bis sechs Jahren herausgefunden, dass es doch eine Menge Musiker gibt, die in etwa dasselbe über die Rockmusik heutzutage denken. Speziell aus Amerika ist vieles vorgefertigt oder talentfrei. Keine Gitarrensoli, kein vernünftiger Gesang und es muss doch mehr geben als das!? Deswegen habe ich mich auch besonders um die Musik gekümmert, die ich niemals müde werde zu hören. Das Vanderhoof Projekt ist mehr die rockigere Seite und Presto ballet ist die Herausforderung für mich. Ich habe eigentlich nie etwas technischere Musik gespielt, es war immer Metal oder straighter Rock. Ich wollte wissen, ob ich Songs auf einem hohen technischen Level schreiben kann und trotzdem melodisch bleibe. Wenn ich alles mische, was ich persönlich gerne höre, wäre ich ein kompletter Brite! Ich wollte immer ein Engländer sein, denn alles was ich cool finde, kommt aus Groß-Britannien. Es ist also kein Wunder, dass das durchscheint. Ich bin stolz auf die gesamten Einflüsse. Wenn jemand auf mich zu kommt und sagt, das klingt nach Kansas oder Genesis, dann ist das cool, aber nicht das, was beabsichtigt ist. Es ist meine Herangehensweise an diese Sachen, alles in einen Topf zu werfen und sein eigenes Ding daraus zu machen. Ich schäme mich nicht für meine Einflüsse, denn jeder Mensch ist durch irgendwas oder irgendwen beeinflusst.
SB: Kann man „Peace Among The Ruins“ also als Tribut an deine Idole sehen?
KV: Nicht als Tribut an bestimmte Leute, sondern als Tribut an eine gewisse Zeit. An die Zeit, als alles noch Pop Musik war. Pop Musik ging von diesem ganzen Discostuff bis hin zu Black Sabbath und Genesis, also alles was in deiner Plattensammlung war. Als ich aufwuchs hatte ich alles in meiner Sammlung, von Hardrock bis zu Jazz. Heutzutage ist alles streng abgegrenzt, man hört nur noch diese eine Richtung oder halt die andere. Ich vermisse die Zeit, gerade in Amerika ist alles so trendy und schnelllebig. Das schädigt die Plattenindustrie und macht es für einen richtigen Musiker schwer, überhaupt noch Karriere machen zu können. Bands werden nicht mehr unter Vertrag genommen, um sie aufzubauen, entweder hast du jetzt eine Hitsingle oder ein Hitalbum, oder du bist weg vom Fenster.
SB: Wenn sich einige der „neuen“ Bands das Album anhören, dann werden sie einige Instrumente nicht erkennen, geschweige denn spielen können!
KV: Sie müssen es ja auch nicht mehr. Gerade Keyboarder müssen ihr Instrument nicht mehr beherrschen. Sie programmieren den Track und wenn was nicht funktioniert, dann wird einfach das Programm geändert und auf der Bühne haben sie dann ein wunderschönes Sample, das sie einspielen können. Aber das ist es doch nicht, worum es geht! Es geht darum, spielen zu lernen. Das ist das, was jeder, den ich kenne, getan hat. Wir haben eine lange Zeit in unseren Zimmern gesessen, Platten angehört und gelernt, wie man spielt. Jetzt machst du nur deinen Computer an und er spielt. Das hat ein ganzes Genre von Musik entstehen lassen, die komplett von Computern generiert wird. Es ist okay, wenn du es magst, aber die Grenze der Qualität ist dermaßen weit nach unten gerutscht. Es ist eine Beleidigung für jeden Musiker, der noch gelernt hat, richtig zu spielen. Du spielst ein Sample ein und rappst darüber, das ist alles, um erfolgreich zu sein. Inzwischen werden auch klassische Themen gesampled, Stücke die irgendjemand wirklich mal eingespielt hat und das ist einfach nicht okay. Es ist für mich schwer dies zu akzeptieren und wenn ich hier den Fernseher anschalte, dann sehe ich denselben Rapmist wie daheim und denke: „No, it´s everywhere“!
SB: „Peace Among The Ruins“ ist die persönlichste Platte die ich bisher von dir gehört habe. Bands die früher analog aufgenommen haben, machten Fehler! Besser gesagt, sie hatten keine Angst, Fehler zu machen.
KV: Und aus den Fehlern ist meistens was Cooles geworden. Wenn man ein heutiges Album mit einem Album aus dieser Zeit vergleicht, ist es perfekt und der Sound ist auch großartig. Wenn man aber genauer hinhört, gerade bei der alten Scheibe, dann bemerkt man vielleicht einen kleinen Fehler und es macht die ganze Sache viel menschlicher. Dann sah man sich diese Band Live an und spürte diese Wärme auch live. Es ist eine Art Magie und wegen dieser Art von Magie, bin ich in diesem Business gelandet. So mache ich auch in meinem Alter immer noch das was ich will. Ich hab vor kurzem Dio live gesehen, der Mann ist 63 Jahre alt und immer noch großartig. Es ist wirklich wichtig, dass Musiker, egal welches Genre, wieder das sehen was wirklich wichtig ist, dass sie dahin zurückkehren, denn langsam geht die Seele der Musik verloren. Das soll nicht heißen, dass nun jeder analog aufnehmen muss, aber ein ehrlicherer Zugang zu dem was wichtig ist würde die Qualität der Musik wieder steigern.
Und Qualität ist doch alles was wir wollen, oder? Im weiteren Verlauf des Interviews versprach Kurdt noch, dass er mit Presto Ballet auf Tour kommt, wenn das Interesse groß genug ist. Nur die Transportlogistik für die ganzen Orgeln, Synthies und Hammonds stellt noch ein Problem dar. Schauen wir frohen Mutes in die Zukunft!