Eine klassische Musikausbildung kann auch befangen machen. Sobald der Künstler einmal weiß, was die schwarzen aufrechtstehenden Spermienkleckse auf dem Notenpapier bedeuten, wird’s schnell verkopft. Pina Kollars – eine aus Wien stammende Sängerin, Gitarristin und Komponistin – hat im Konservatorium ihrer Heimatstadt klassische Gitarre studiert. Doch ließ sie sich zunächst von den Doors, U2, Eddie Brickell und den Stondes inspirieren. Das merkt man.
Zwar setzt Kollars auf „Guess you got it“ ihre Stimme oft wie ein Instrument ein – in geschwungenen Figuren geht es rauf und runter -, die Songs indes klingen schlüssig, wenig prätentiös und fließen gediegen, mal rockig, dann folkig, poppig oder bluesig aus den Boxen. Keine Frage, die Dame versteht ihr Hand-, oder besser gesagt ihr Mundwerk. Vergleiche mit Größen der Branche bräuchten Songs wie „Brand new Face“ oder „Butterfly“ zwar nicht zu scheuen, doch ist dies nicht notwendig. Denn „Pina“ kopiert nur selten, ist stattdessen nahezu durchgehend auf einem eigenständigen musikalischen Streifzug durch die Genres. Kein Wunder, dass sie vor drei Jahren Peter Gabriel als Mentor gewinnen konnte, auf dessen Weltmusik-Label „Realworld“ ihr Debüt erschien. Jetzt steht der EMI-Schriftzug auf der Rückseite des Covers.
Das verwundert dann aber doch. Denn – trotz der offensichtlichen Qualitäten von „Guess you got it“ -, es bleibt fraglich, ob die Dame ein größeres Publikum mit ihrer durch Musik mit Bodenhaftung wird erreichen können. Ich wünsch es ihr.