Rezensionen

Otherland: Fluß aus blauem Feuer TIPP

(Hörverlag)

Autor: DJ / Wertung: 11.0 von 12 Punkten / Kommentare: Bisher keine

Bild von Otherland - Fluß aus blauem FeuerInhalt:
Die Saga geht weiter.

Ende des 21. Jahrhunderts: Das Eintauchen in den Cyberspace ist zur ultimativen Freizeitbeschäftigung geworden. Doch weltweit fallen Computerkids in ein mysteriöses Koma. Eine Gruppe Angehöriger macht sich auf die Suche nach den Ursachen. Die Spuren führen ins Otherland, ein virtuelles Universum von ungeahnter technischer Perfektion.

Mit insgesamt 250 Schauspielern und der Musik von Pierre Oser hat Regisseur Walter Adler die größte Hörspielproduktion der Radiogeschichte geschaffen. Zu hören ist die Crème de la Crème des deutschen Schauspiels: Sophie Rois, Ulrich Matthes, Nina Hoss, Sylvester Groth, Hans Peter Hallwachs, Ernst Jacobi, Judith Engel, Peter Matic u.v.a.

Fluß aus blauem Feuer ist der zweite von vier Otherland-Teilen.

Kritik:
Beim ersten Otherland Hörspiel Stadt der goldenen Schatten wurde ein wenig Pfusch betrieben. Das eigentliche Ende des Buches wurde dem Hörer vorenthalten. Und somit beginnt der zweite Teil der vierteiligen Geschichte um das Gralsnetzwerk, einem Meisterstück der virtuellen Realität, welches einer Gruppe von äußerst wohlhabenden und einflussreichen Personen das ewige Leben schenken soll, nun mit dem Ende des ersten Teils. In der Welt von Bolivar Atasco treffen die Protagonisten aus dem ersten Teil, die es nach Anderland geschafft haben, zusammen. Das sind Renie Sulawejo und ihr Schüler !Xabbu, die Jugendlichen Orlando Gardiner und Sam Fredericks, sowie die blinde Martine Desroubins. Zu der Gruppe stoßen vier weitere Charaktere: der Robotersim T4b, der transsexuelle Sweet William, die Asiatin Quan Li und die schweigsame Florimel. Alle zusammen wurden sie von Patrick Sellars, einem merkwürdigen alten Mann, der unter Hausarrest auf einem Militärstützpunkt in North Carolina gefangen gehalten wird und mit Hilfe der kleinen Christabel in ein unterirdisches Versteck auf dem Stützpunkt fliehen konnte, nach Anderland gelockt. Als er den verschiedenen Charakteren zu erklären versucht, wer er ist und warum er sie nach Otherland geholt hat, wird Bolivar Atasco und seine Frau in der realen Welt von einem Söldnerkommando im Auftrag Felix Jongleurs, dem ältesten Mann der Welt und Initiator des Netzwerkes, unter Leitung von Jongleurs Ziehsohn Dread getötet. Sellars rät der Gruppe zur Flucht aus Atascos Welt und lässt sie anschließend alleine in Otherland zurück. Unfähig die virtuelle Welt zu verlassen, nutzt die Gruppe den Fluss aus blauem Feuer, um über ein Gateway in einen anderen Teil von Otherland zu gelangen. Sie scheinen ihren Jägern somit erst einmal entkommen zu sein. Was die Gruppe nicht weiß, ist dass Dread und seine Assistentin Dulcinea Anwin in der realen Welt ein Mitglied ihrer Gruppe ausfindig machen und liquidieren konnten und in Otherland den Sim der Person übernommen haben. Dread erhofft sich, Osiris, Jongleurs Sim, in Otherland zu stürzen und selber die Kontrolle über das Projekt zu gewinnen. Aber in einer Welt, in der die Abenteurer winzig klein sind, ihre Umwelt hingegen gigantisch groß ist, werden sie getrennt. Renie und !Xabbu gelangen schließlich in eine pervertierte Version der Märchenwelt Oz, während Orlando und Fredericks in einer Comicküche zusammen mit einem Indianer den Ansturm von Piraten auf einen Kühlschrank beiwohnen.

Paul Jonas, der sein Gedächtnis verloren hatte, beginnt sich langsam zu erinnern und erfährt durch ein Mitglied des ominösen Kreises, einer ideologischen Organisation, die das Netzwerk zu stören versucht, dass er sich in einer virtuellen Realität befindet. Aber irgendetwas in dieser Realität hat sich verändert, so dass seine Bewohner diese Welt nun nicht mehr verlassen und in ihr wirklich sterben können, d.h. der Tod in Otherland ist auch gleich dem Tod in der wirklichen Welt.

Neben den bekannten Personen führen weitere Handlungsstränge Catur Ramsey, den Anwalt der Fredericks, der versucht aufzuklären, warum Sam und Orlando ins Koma fielen, die Onkel Jingle Darstellerin Olga Pirofsky und die Polizistin Calliope Skouros ein, die einen ungelösten Mordfall aufzuklären sucht.

Wie im ersten Teil bietet auch Fluß aus blauem Feuer eine äußerst facettenreiche Geschichte, die dank ihrer schnellen Handlungsabläufe und –wechsel nicht langweilig, aber dafür auch sehr schwer nachvollziehbar bleibt. Im Unterschied zum ersten Teil findet der Großteil der Geschichte nun direkt in Otherland statt, was Tad Williams als Autor genutzt hat, um viele Zitate bekannter Literaturklassiker einzuflechten – als Beispiel sei hier die düstere Version von Oz genannt oder das magische Xanadu. Regisseur Walter Adler hat diese Szenerie genutzt, um sich als Fadenzieher auszutoben. Unter seiner Regie bekommen die jeweiligen Orte Form, der Hörer Augen und Ohren, um Otherland wahrzunehmen und mit den Figuren durch dessen Weite zu reisen. Schade nur, dass im Rahmen des Hörspiels einiges an Material aus dem Buch der Schere zum Opfer fallen musste. Auf der einen Seite wurden gerade äußerst gewalttätige Szenen raus geschnitten, z.B. als Osiris die Sims zweier Angestellter mit ihren Phobien foltert oder in der Insektenwelt Lenore, eine Forscherin, von Ameisen zerfleischt wird. Auf der anderen Seite fielen einige langatmige oder für die Handlung in Walter Adlers Augen wohl weniger wichtige Szenen raus. Als Beispiel sei hier ebenfalls die Insektenwelt genannt, in der Renie,!Xabbu und Cullen von einer Gottesanbeterin im geplünderten Forschungsinstitut bzw. Stock gejagt werden und nur knapp mit einem Käferflieger entkommen können. Unverständlich ist mir allerdings, warum die Treffen der Gralsbruderschaft nicht nur stark beschnitten worden, sondern teils ganz fehlen. Gerade die Sitzung, in dem die einzelnen Mitglieder der Bruderschaft gegen Osiris aufbegehren, weil im Netzwerk sich Störungen häufen, halte ich für nicht unwichtig.

Aus diesem Grund bleibt auch beim zweiten Teil das gleiche Resümee wie schon bei Stadt der goldenen Schatten: wer Otherland wirklich verstehen will, muss neben dem Hörspiel auch noch zu den Büchern greifen. Wer Otherland gelesen hat, findet in den Hörspielen nicht nur wegen der teils von den Büchern abweichenden Handlung, sondern auch wegen dem fabelhaften Sprecherensemble, das diesmal nicht namentlich erwähnt werden soll, eine höchst unterhaltsame Interpretation von Williams farbenfrohen Werk. Ob nun blinde, singende Schweinchen ohne Schwanz neben martialischen Gemüse in der Comicwelt für einen Spritzer Humor sorgen, ob die verzweifelte Suche von Paul Jonas nach seiner Identität ihn von der Eiszeit durch den Krieg der Welten nach Xanadu und schließlich den Maskenball in Venedig führt oder die Welt in Oz Kopf steht, wenn sich die Vogelscheuche, der Blechmann und der Löwe um die wahre Dorothy bekriegen, bleibt Otherland auch als Hörspiel trotz seiner immensen Länge und vielen unverständlichen Momenten beste Unterhaltung. Ich freue mich schon auf den dritten Teil!

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