Kaum zu glauben, aber wahr: Neil Young biegt nach dem letzt jährigen Album "Prairie Wind" nun schon wieder mit einem neuen Album um die Ecke. Aber Vorsicht, die Alben könnten unterschiedlicher nicht sein. Geschrieben und aufgenommen wurde das 2005er Werk während der Diagnose und der Operation des gefährlichen Hirn-Aneurysmas. Fungierte die Platte seinerzeit als musikalische Therapie, so ist „Living With War“ jetzt wohl eher als Protestalbum zu verstehen. Der Aufnahmeprozess war hier allerdings nicht unähnlich, denn auch hier war der inzwischen 60-jährige Kanadier wieder ziemlich flott. Die zehn Tracks wurden innerhalb von zwei Wochen geschrieben und aufgenommen. Seit dem 28. April 2006 konnte man sich „Living With War“ als Streaming auf seiner Website www.neilyoung.com anhören.
Wohin die Reise auf diesem Album geht, wird beim ersten Ton schon ziemlich schnell deutlich. Neil Young hat die Gitarre wieder eingestöpselt. Das Schlagzeug rumpelt dazu los, dass es eine Freude ist. Sofort denkt man an die vielen grandiosen Alben und Songs, die der Meister zusammen mit „Crazy Horse“ eingespielt hat. Doch weit gefehlt, denn hier wird er von Chad Cromwell an den Drums und Rick Rosas am Bass unterstützt, beides ihres Zeichen Könner an den Instrumenten. Wer jetzt in Gedanken schon meint zu wissen, wie sich denn so ein typisches elektrisches Young Album anhört und denkt, es gibt keine Neuerungen mehr, der sieht sich getäuscht. Mit Tommy Bray an der Trompete wir nämlich „Living With War“ ein ganz neuer Farbtupfer hinzugefügt. Man höre sich nur den Titelrack an, funktioniert erstaunlich gut, wie da Gitarre und Trompete harmonieren. Eine weitere feine, aber nicht unwesentliche Nuance ist der 100-köpfige Chor, der hier Neil Young begleitet. Bleibt an dieser Stelle festzuhalten, dass der Mann immer noch zu überraschen weiß! Musikalisch hört sich die ganze Geschichte hier sehr unproduziert, fast schon nach Garage an. Das Schlagzeug rumpelt, die Gitarre(n) schrammeln, es rockt! Nicht selten erinnert die Platte übrigens an das gemeinsame, im Übrigen hervorragende Album mit Pearl Jam „Mirrorball“.
Besonderen Wert wird natürlich hier auch auf die Texte gelegt. Wie wichtig der Inhalt und die Botschaft ist, zeigt schon, dass Young jeden Tag einen(!) Songtext von dem Album auf seiner Website zur Verfügung gestellt hat. Intensive Beschäftigung ist also erwünscht. Young nennt dieses Album selber ein „Metal Folk Protest“-Album. Das passt sicherlich musikalisch wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge, trifft den Nagel aber auch textlich auf den Kopf. Nein, belangloser Singsang gibt es hier nicht, der Mann hat uns, der Welt, etwas zu sagen und mitzuteilen. Young singt über Amerika, den Präsidenten, die Leute, die die Fäden im Hintergrund ziehen, ja er besingt und beschreibt den Zustand eines Landes. "Let’s Impeach The President" oder "Don’t need no more lies" sprechen wohl eine deutliche Sprache. Natürlich ist das alles durch und durch amerikanisch, aber es ist schon erstaunlich, dass Neil Young hier trotz allem die typischen Klischees gekonnt umschifft und keineswegs knietief im Kitsch badet.
Also wenn Young auf diesem Niveau weiter arbeitet und Songs schreibt, dann kann er von mir aus jedes halbe Jahr eine Platte raus bringen. „Living With War“ ist ein wirklich rund rum gelungenes Album und kann musikalisch und textlich überzeugen und zeigt einen Mann und seine Begleiter in Topform. Das hier ist ganz großes Kino, vielleicht der beste Neil Young seit Jahren und es tut gut und ist erfrischend, dass er die Gitarre wieder mit Strom spielt. 10,5 Punkte!