Interviews mit NAPALM DEATH’ Shane Embury gelten als kleine Herausforderung. Der kauzig-bullige Basser mit der Schamhaarfrisur gurgelt heiser einen eigenwillig-britischen Akzent an der Grenze zu breitem Ami-Gequäke. Nichtsdestotrotz ist das Original mit den flinken Fingern allerdings ein Interviewpartner wie man ihn sich wünscht: Obwohl zum Zeitpunkt des Gesprächs bereits einen mehrtägigen Pressemarathon hinter sich hat und dementsprechend auch schon ein wenig müde wirkt, gibt er sich interessiert, äußerst auskunftsfreudig und gut gelaunt. Das muss dann wohl die viel zitierte britische Höflichkeit sein. Weitaus rabiater, angepisster, lauter und ungemütlicher ist jedoch die Musik seiner Band: Mit „The Code Is Red … Long Live The Code“ haben NAPALM DEATH ein weiteres Meisterwerk eingeprügelt, das dabei noch eine ganze Ecke ausgereifter wirkt als der reguläre Vorgänger „Order Of The Leech“ (Cover-Album „Leaders Not Followers part 2“ nicht mitgezählt) .
„Nun ja, das ist wirklich interessant, was Leute in dem Album teilweise sehen. Eben habe ich noch ein Review gelesen, wo es jemand es wieder mehr an der Basis ansieht, jemand anderes wiederum findet es komplexer.“ murmelt Shane. „Eigentlich haben wir nichts anders gemacht, als bei anderen Alben. Wir sind ja momentan nur als Quartett am Start, und Mitch (Harris, Gitarrist -d.Verf.) versucht bewusst, nicht zu viele Gitarrenspuren in die Songs zu packen, um alles live noch gut umsetzen zu können. Ansonsten haben wir nicht weiter darüber nachgedacht, was wir tun. Wir haben wieder mal sehr viele hyperschnelle Sachen eingebaut, aber vielleicht auch wieder mehr Groove-Parts als bei „Order Of The Leech“; sozusagen ist alles dabei, was gute NAPALM DEATH ausmacht.“
Eine Art „Keep It In The Family“-Mentalität behielten ND dann auch bei den Aufnahmen bei:
„Der Typ, der das Album produziert hat, war einige Zeit unser Live-Mischer. Im Nachhinein waren wir mit dem Drumsound auf „Order Of The Leech“ nicht ganz zufrieden, und wollten die Drums dieses mal Live-artiger, roher haben. Wir haben es übrigens ziemlich zügig eingespielt, was auch ein Unterschied zum letzten Album ist.“
Dabei ist auch zeitgenössische Aufnahmetechnik nicht an den sympathischen Grindcore-Urgesteinen vorbeigegangen, Shane besteht allerdings darauf, es damit nicht zu übertreiben:
„Wir benutzen schon Pro-Tools. Einige Dinge lassen sich damit etwas vereinfachen. Bei den Drums-Takes zum Beispiel möchten wir diese aber schon in einem Durchlauf aufnehmen. Wenn Du aber am Rechner zu viel daran rumdoktorst, nimmt das dem Ganzen wieder etwas an echtem Feeling.“
Mittlerweile ist es bekanntlich offiziell, dass NAPALM DEATH und Gitarrist Jesse Pintado getrennte Wege gehen, nachdem man zunächst einige Gigs ohne Jesse spielte und erst noch abwarten wollte, wie sich die Dinge entwickeln. Shane versucht in seiner britischen Gentleman-Manier aufzuklären, wo genau das Problem lag:
„Nun ja, da gab es im Grunde genommen einige Probleme. Jesse ist eine komplexe Persönlichkeit. Ich glaube, er musste mal ein paar Dinge für sich sortieren. Er muss etwas finden, das ihn glücklich macht. Sagen wir es mal so: Leute in Bands,sind unterschiedliche Charaktere.
Es ist eigentlich nicht nett, über so was zu reden, während er nicht hier ist. Aber wir haben beschlossen, erst mal ein Quartett zu bleiben. Wer weiß, was da in Zukunft mal passiert, aber im Moment ist es besser, erst mal so zu bleiben, wie wir gerade sind. Ich hoffe für Jesse, dass er irgendwie seinen Platz im Leben findet.“
Probleme, das ND-Infero live grundsätzlich nur noch mit einem Axtschwinger durchzuziehen, sieht der Basser allerdings nicht:
„Wie gesagt war sich Mitch dieser Sache sehr bewusst, als er die Songs schrieb. Im Studio ist man zwar bei all den Spielereien, die man zur Verfügung hat, wirklich versucht noch ‘ne Spur draufzupacken, und noch irgendwas darauf auszuprobieren. Wenn Du das live allerdings nicht wiedergeben kannst, hat die Sache auch keinen Sinn. Ein heftiges Riff ist ein heftiges Riff. Und da wir nie wirklich mit Leads gearbeitet haben, funktioniert es live nach wie vor auch nur mit einem Gitarristen sehr gut.“
Dafür haben NAPALM DEATH auf ihrem neuen Album erstmals in größerem Stil mit Gast-Shoutern gearbeitet. Mit dabei sind Ex-Dead Kennedys-Legende und notorischer Dauerquerdenker Jello Biafra, Hatebreed-Shouter Jamey Jasta und Jeff Walker von den aufgelösten Carcass, seines Zeichens selbst eine Ikone des Grindcore/Death Metal-Genres.
„Als wir mit dem Albumaufnahmen anfingen, fragten uns Century Media danach, ob wir nicht ein paar Guest-Vocals involvieren wollen. Und ich dachte mir dabei eher “Naja….ich weiß nicht. Irgendwie albern, so was”. Aber irgendwann fand ich, dass die Idee vielleicht doch nicht schlecht ist, wollte aber Leute dabei haben, denen Napalm irgendwas bedeutet, oder die wir wiederum sehr schätzen. Jeff Walker ist ein alter Kumpel von uns. Als sich Carcass auflösten, hatte er erst mal nicht mehr so viel mit der Szene am Hut, ist jetzt aber wieder auf dem Weg zurück. Er rief mich zufällig an, ob er mal bei uns im Studio vorbeischauen könne, und ich entgegnete sofort “Klar, dann kannst Du gleich ein paar Guest-Vocals machen”. Jamey Jasta kennen wir schon sehr lange, schon bevor Hatebreed bekannt wurden. Er hat vor Jahren mal NAPALM DEATH Shows in den USA organisiert. Das ist also eine eher hintergründige Sache und er ist ein großer Napalm-Fan. Die Sache mit Jello war da schon etwas kniffliger. Natürlich liegt die Sache auf der Hand, denn wir haben ja von den Dead Kennedys “Nazi Punks Fuck Off” gecovert. (was nach wie vor wichtiger Bestandteil einer jeden ND-Show ist -d.Verf.) Ich hatte ihn schon ein paar mal getroffen, als ich dieses Projekt mit meinem Kumpel Buzz Osbourne von den Melvins gemacht hatte (die Rede ist von Venomous Concept” -d.Verf.)., der wiederum sehr gut mit Jello befreundet ist. Wir haben ihn dann angerufen, und er hatte auch sofort Interesse mitzuwirken. Der knifflige Teil an der Sache war, dass wir ihn nicht nach England holen konnten. Also haben wir erst mal das Album fertig aufgenommen und gemixt. Als wir dann eine Show in San Fransisco hatten, gingen wir dort mit Jello in das Studio von meinem alten Freund Bill Gould (Ex-Faith No More -d.Verf.) und haben das dann mit nach England zurückgenommen.“
Was sich dann doch recht einfach anhört, dafür dass Jello allgemein als recht schwierige Person gilt, und ihm ganz andere Leute schon Wahnsinn und Paranoia nachsagten …
„Ich möchte mit ihm wohl eher nicht über Politik diskutieren, denn er würde mich dabei wahrscheinlich total niedermachen“ schmunzelt der gewichtige Basser. „Interessanter Charakter, wirklich sehr interessant. Da ist eine bizarre Aura um ihn. Ziemlich witzig. Es war eine sehr verrückte Erfahrung zu erleben wie Buzz und er, zwei Typen in den 40ern, sich angeregt über Politik unterhielten. Er ist wirklich sehr tiefsinnig, aber immer noch großer Musiknarr und an vielem interessiert.“
Zurück zum Album selbst. Dem einen oder anderem Genre-Freak dürfte nicht entgehen, dass der Track ‘Pledge Yourself To You’ (mit erwähntem Jeff Walker als Gastkeifer) eine recht hohe Ähnlichkeit mit ‘The Sixth Distinction’ vom letzten Lock Up Album aufweist. Ein Projekt, in dem Shane ebenfalls in die Bass-Saiten haut.
„Lass mich mal kurz einen Moment darüber nachdenken, das wird ja interessant jetzt. Da habe ich noch gar nicht drüber nachgedacht … (gibt fragende Seufzer von sich) …. jetzt wo Du’s sagst, das ist ja wirklich interessant. Dafür verpasse ich Mitch aber ‘ne Ohrfeige (macht eine „Schlach in’ Nacken“-Geste). Da ist tatsächlich eine große Ähnlichkeit beim Riffing. Da versuchen wir originell zu bleiben, aber kopieren gegenseitig unseren eigenen Kram. Wo ich gerade drüber nachdenke, ist das wirklich eine witzige Sache. Wir haben eigentlich unterschiedliche Stile, aber Mitch und ich wohnten schon zusammen, und möglicherweise hat er mich das mal spielen hören, ohne wirklich bewusst drauf zu achten.“
Eine wirkliche Besonderheit ist allerdings das Ende des Albums, das mit dem doomigen ‘Morale’ und der schrägen Soundcollage ‘Our Pain Is Their Power’ mit zwei recht ungewöhnlich experimentellen Tracks abschließt.
„In der Vergangenheit hatten wir schon ein paar wenige langsame Songs. Hier und da mal auf einem Album, z.B. der letzte Song auf “Utopia Banished” oder auch einige auf “Diatribes”. Barney fand die Idee gut, mal wieder ein Album mit einem langsamen Track zu beenden. Als wir dann daran arbeiteten, meinte ich zu Barney: “Mach doch mal nicht Dein normales Ding, sondern versuch mit Deiner Stimme mal was ganz anderes auszuprobieren” . Und ich finde, dass er das da wirklich gut gemacht hat. Nicht jeder wird diesen Song mögen, das kann ich schon verstehen. Für uns war es aber ein großer Spaß, mal was anderes auszuprobieren. Vor allem, weil wir da dann doch recht viele Gitarrenspuren übereinander gelegt hatten. Irgendwie hinterlässt das Ende des Albums so ein großes Fragezeichen beim Hörer. Beim folgenden letzten Track haben wir dann noch mal ein bisschen experimentiert, was schon ein ziemlicher Schnitt ist. Einige werden es verstehen, andere werden sich fragen, was das denn jetzt ist, und irgendwie mag ich diese Tatsache.“
Fans der Briten brauchen dennoch nicht befürchten, dass das Quartett in Zukunft gänzlich in derartige Regionen driften wird, wie Shane trotz Lust auf weitere Experimente versichert:
„Wir haben noch einen weiteren Song in der Art von ‘Morale’ aufgenommen, mit dem wir vielleicht das nächste Album eröffnen. Allerdings braucht niemand Angst haben, dass so etwas jetzt unsere zukünftige Ausrichtung wird, aber es ist schön, ein wenig Raum zu haben, um so etwas mal auszuprobieren. Hier und da werden wir so einen Song bestimmt immer wieder mal machen.“
Vor nicht allzu langer Zeit spielten NAPALM DEATH mal einige Shows ohne Basser, da Shane im Laufe der Tour gesundheitliche Probleme bekam. Da fragt man sich doch zwangsläufig, wie hart das Tourleben werden kann.
„Tourleben kann alles ein. Es ist so hart, wie Du es machst. Es ist kein Geheimnis für Leute, die mich kennen, dass ich viel getrunken habe. Ich bin kein Alkoholiker, ich kriege immer noch meine Sachen auf die Reihe und so weiter. Ich nehme auch immer noch mal gerne einen Schluck, hörte vor einem Jahr aber mal ganz auf, weil es wirklich schlimm wurde, und ich Probleme mit meiner Bauchspeicheldrüse bekam. Jetzt trinke ich schon mal einen Abend wieder 2-3 Bier, aber nicht mehr so häufig und viel. Andere Leute geben sich am Wochenende die Kante und sagen dann am Montag “Okay, jetzt gibt’s wichtige Arbeit zu tun”. Ich habe einige Zeit lang jeden Abend getrunken. Das fühlt sich jetzt schon etwas komisch an, denn ich hätte schon Lust, mir einen zu trinken. Aber es ist interessant damit aufzuhören und Dinge anders wahrzunehmen. Ich bin jetzt viel mehr aufs Musik machen fokussiert und habe auch eine viel positivere Grundeinstellung. Bier ist toll. Es ist großartig, mal ein paar Bierchen zu trinken, aber manchmal zieht Dich das auch runter und Du lässt die wichtigen Dinge beiseite. Deswegen bin ich jetzt vorsichtiger.“ zeigt sich der Kauz äußerst offen und nachdenklich, bevor er schmunzelt hinzufügt:
„Interessanterweise hat fast jeder schon mal bei einer Show gefehlt. Als Mitch krank war, spielten wir ohne ihn. Wir spielen ohne Jesse. Sie spielten ohne mich. Es kam sogar schon mal vor, dass wir eine Show ohne Barney spielten, als er erkältet war. Danny (Herrera, Drums -d.Verf.) ist der einzige, der da noch übrig ist. Eines Tages wird Danny wohl bestimmt mal eine Napalm-Show alleine spielen (trommelt Luftschlagzeug), das wäre doch wirklich mal witzig.“
Trotz aller Widrigkeiten hat Shane allerdings nie ans Aufhören gedacht.
„Nein, das kann man nicht sagen. Glücklicherweise haben wir bis heute mit NAPLM DEATH durchgehalten. Manchmal kommen Dir aber solche normalen, einfachen Sachen wie Beziehungen oder Familie in den Sinn. Ich habe mit der Musik angefangen, um von dieser “9 to 5”-Sache wegzukommen. Wenn Du aber die ganze Zeit Musik machst, wird das manchmal so ein “9 to 5”-Ding. Aber Du musst Dir darüber im klaren sein, dass Du wirklich Glück hast, damit da zu sein, wo Du bist. Man hat immer mal so einen Punkt, an dem man von diesem Business vielleicht etwas genervt ist, aber immer wieder passiert irgendwas , das einen wieder hochzieht damit weiterzumachen.“
Was Shane im Übrigen schon seit Jahren auch mit zig Nebenbands und -projekten tut, wozu er auch gleich mal einen kleinen Überblick über den Stand der Dinge gibt:
„Von Lock Up kommt bald ein japanisches Live-Album raus, was möglicherweise später auch auch hier veröffentlicht wird. Wir wollen auch auf jeden Fall ein weiteres Album machen, und ich hätte gerne beide Sänger dabei. Peter Tägtgren (Hypocrisy, Pain -d.Verf.) vom ersten Album und Tompa (Ex At The Gates Shouter Tomas Lindbgerg; außerdem mit The Great Deceiver, Disfear, Nightrage, oder Skit System unterwegs) vom zweiten. Das wird dann so eine Extreme Noise Terror-Sache. Hoffentlich machen wir da auch mal eine richtige Tour, weil wir bisher nur vereinzelte Shows hatten. Dieses Jahr konzentriere ich mich allerdings erst mal wieder auf Napalm. Bei Venomous Concept gibt es eigentlich schon genug Musik für eine weiteres Album. Ich warte nur noch darauf, dass Kenny (Sharpe, Ex-Brutal Truth -d.Verf.) die Vocals dazu beendet und Buzz macht, was auch immer Buzz macht. Das wäre das. Bei Brujeria weiß man nie was passiert. Manchmal passiert monatelang gar nichts, dann rufen sie dich an, und es geht wieder los. Was weitere Geschichten angeht, habe ich kürzlich auch bei Anaal Nathrakh mitgemacht, eine englische Black Metal Band. Das war für mich mal eine etwas andere Sache und hat echt Spaß gemacht, aber sie sind auch keine typische Black Metal Band. Außerdem habe ich auch ein Projekt mit Anders von Nasum geplant. Auf dem Album wollen wir Peter von Origin als Sänger haben, hoffentlich klappt das.“
Das nennt man wohl Workaholic.