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Mirco Buchwitz

Autor: DJ / Kommentare: Bisher keine

Bild von Mirco BuchwitzEr redet mit Hunden, die von gigantischen Kaugummiblasen erstickt werden. Zusammen mit dem lieben Gott, Elvis und Bonham spielt er den Blues. Zusammen mit Dosengemüse, Frischgemüse und der Fleischtheke wähnt er die Vor- und Nachteile von gesunder Ernährung ab. Und wenn es ihn in die Wirklichkeit verschlägt, gesellt er sich auf irgendeinem 30-Geburtstag zu seinen geifernden Kumpanen an die Theke, um ins Bierglas zu philosophieren. Mirco Buchwitz, Jahrgang 74 und Jungliterat aus Hannover präsentiert auf seinem neusten Streich ‚Schlösser für Deine Schätze’ nicht nur Kaugummiautomaten auf dem Cover, sondern sowohl introvertierte Stücke, bei denen er verbal die Pauke schlägt und nicht nur sich, sondern auch sein Umfeld vorführt, als auch introvertierte Stücke, die eine Ambivalenz der Person Buchwitz aufzeigen. Was knochentrocken klingt, ist aber bierherb und – feucht, eine Karussellfahrt durch die Buchwitzer Gedankenwelt seit seiner mir bekannten letzten CD ‚Diktiergerät – Weekend Edition’. Wer ist also Mirco Buchwitz und wie würde er jemanden, der noch nie von ihm gehört hat, das beschreiben, was er tut?

Mirco: Was ich mache, lässt sich ganz hervorragend mit lauter abschreckenden Begriffen beschreiben, die den eigentlichen Kern der Sache dann doch nicht wirklich treffen. Es ist eine Mischung aus Literatur/Lesung und Comedy/Kabarett. Hörspiele und Musik spielen auch eine Rolle. Am Anfang steht der Text. Der ist mal eher humorvoll, mal eher melancholisch reflektierend. Manchmal entstehen daraus absurde Dialoge, bei denen ich sämtliche Stimmen spreche, manchmal unterlege ich meine Texte mit Musik, die ich komponiere und einspiele. Diese Stücke gibt es dann zum einen auf CD, um sie gemütlich zuhause zu hören. Ich toure mit meinen Texten allerdings auch durch die Republik und präsentiere das Ganze live. Die erwähnten Dialoge sehen dann so aus, dass ich eine Stimme live spreche, während die übrigen von Band kommen und ich mit der Luft interagiere. Bei den mit Musik unterlegten Stücken erzähle ich den Text live und die Musik kommt aus dem Off. Zusammengehalten und verbunden werden die einzelnen Texte live von kurzen StandUp Nummern, wobei ich Wert darauf lege, dass sich das Niveau meiner Nummern deutlich von dem gängigen Pro7, etc. Kram abhebt.

Sound Base: Was verbindest Du mit dem Jahr 1974? Und was verbindest Du mit dem Jahr 1992?

Mirco: 1974 wurde ich geboren, ansonsten verbinde ich mit dem Jahr nicht viel mehr als ein schlimmes Lied vom ‚Freundeskreis’ (Deutschland ist Fußball-Weltmeister geworden, Du Banause! ;-) – d. Fragesteller). 1992 war auf verschiedenste Weise ein ganz wichtiges Jahr. Zum einen was die Bands angeht, die zu der Zeit Platten raus gebracht haben, zum anderen die (Selbst-) Erfahrungen, die ich gemacht habe. Die Tatsache volljährig zu werden an sich war nicht wirklich bedeutend, da ich von vorher schon ausreichend Freiheiten hatte, obwohl es schon angenehm gewesen ist, endlich den Führerschein zu haben. Am wichtigsten waren aber in der Tat die ganzen Bands aus der Zeit. Das klingt jetzt vielleicht ganz blöd nostalgisch, aber ich kann mich noch genau daran erinnern, wann ich wo das erste Mal ‚Smells like Teenspirit’ gehört habe und wie wir alle ausgerastet sind. Keine vier Monate später wussten dann auch die Eltern meiner Freunde ‚Ach, is das der Kerl im Ringelpulli?’. Da war es echt noch merkwürdig, wenn jemand im Video so rumlief. Und diese Art sich zu präsentieren fand ich ganz großartig, nachdem ich vorher unter anderem auch viel Metal und Hardrock gehört hatte. Dann kamen noch die Chili Peppers, etwas später Pantera und Biohazard und Konsorten. Alles Bands, die einen damals ganz eigenen Sound, eigenes Outfit und eigene Art sich zu präsentieren hatten. Rückblickend kann man da natürlich auch vieles albern und prollig finden, aber es war eben ein Riesenkontrast zu dem Kram, der die 80’er geprägt hatte.

Sound Base: In welcher Umgebung bist Du aufgewachsen? Und wann hast Du Dir Deine Kreativität zu nutzen gemacht und angefangen, etwas bewusst (auch für andere) zu produzieren?/ Welche persönlichen Erfahrungen, welche Einschnitte in Deinem Leben, welche Grenzüberschreitungen waren Dir bei der Produktion dienlich?

Mirco: Ich bin auf dem Dorf in ländlicher Region groß geworden. Zum studieren bin ich dann weggezogen, wie die meisten meiner Freunde. Meine Familie war wohl Teil der oberen Mittelschicht. Wenn ich mich richtig erinnere und sofern ich einen ‚schlimmen’ Teil nicht einfach verdrängt habe, hatte ich eine tolle Kindheit. Meine Familie hatte einen Betrieb, der Anfang der Neunziger pleite ging. Ich denke, das war sehr prägend: zu sehen, dass sich alles ständig verändern kann. Von der finanziellen Absicherung plötzlich ins gesellschaftliche Abseits zu rutschen (ein wenig überspitzt formuliert) und auch zu sehen, wie Leute, die früher jahrelang von meiner Familie profitiert haben, sich plötzlich nicht mehr blicken ließen. Eine der zentralen Erfahrungen in meinem Leben ist: "Alles verändert sich fortwährend, Du kannst nichts halten und wirst niemals erfahren, weshalb das so ist, also mach gefälligst das Beste draus!" Und ich sehe das nicht aus der Sicht des sich selbst bemitleidenden ‚Opfers’, sondern ganz positiv, eben mit der Konsequenz: "Jammer nicht, krich deinen Arsch hoch!"

Sound Base: Welche Künstler haben Dich nachhaltig beeindruckt? Welche Arbeiten haben in Dir den Wunsch erzeugt, dem nachzueifern? /Haben bestimmte Arbeiten Dich in Deiner ‚Entwicklung’ in eine bestimmte Richtung gelenkt?

Mirco: Ich bin mir gar nicht sicher, ob ich jemals irgendjemandem nacheifern wollte. Mir war in allen Bereichen immer wichtig, dass ich mich eher über Abgrenzung definiere. Es gibt viele Musiker, Autoren und Künstler, die mich geprägt haben, aber ich habe diese Künstler auch immer für ihre Individualität bewundert, und von daher hatte ich nie den Anspruch, sie zu kopieren, sondern eher, im gleichen Maße wie sie, meine eigene Nische zu finden. Wobei ich mir an dieser Stelle ein wenig widersprechen muss. Auf meinen letzten CDs variierte die musikalische Richtung von punkigen Sachen bis hin zu rein elektronischen Geschichten, ohne, dass es ein einheitliches Klangbild gegeben hätte. Das habe ich jetzt zu ändern versucht, und auf meiner kommenden CD hört man schon recht deutlich, dass ich den Sound der frühen Tom Waits, der letzten Nick Cave, Calexico und Vincent Gallo Platten mag. Eine Liste meiner Helden sieht wohl so aus: Tom Waits, Chaplin, Hesse, Nick Drake, Wipers, Loriot, Karate, Remarque, Pantera, Melville, PJ Harvey, Michael Ende, Heinz Erhardt, Vincent Gallo, Mordred, … tausend andere. Beim Autofahren höre ich zur Zeit die ersten vier Maiden Platten und die Ramones Anthology im Dauerrepeat. (Was sicherlich eine gute Wahl ist – d. Fragesteller)

Sound Base: Würdest Du aus heutiger Sicht manch einem ‚Künstler’ das Kompliment machen, dass er Dich vor einem ‚bürgerlichen Leben’ bewahrt hat? (Hat er Dich wirklich davor bewahrt?)

Mirco: Da ich von meinen künstlerischen Aktivitäten noch nicht leben kann, führe ich zum großen Teil ein bürgerliches Leben, so gerne ich das auch verdränge ;-) Ich mache einen 30 Stunden Job, der mir ausreichend Freiräume lässt. Wenn ich in meinen Texten vom ‚bürgerlichen Leben’ spreche, und mich davon distanziere, meine ich damit gar nicht so sehr das so genannte ‚geregelte’ Leben. Es gibt ja genug Menschen, die mit ihrer Familie und dieser Art Leben wirklich glücklich sind. Womit ich Schwierigkeiten habe und auch schon immer hatte, ist die Vorstellung, dass Menschen einen Job haben, der sie nicht ausfüllt, mit einem Partner zusammen sind, der ihnen nichts bedeutet, Kinder in die Welt setzen, denen sie nichts mit auf den Weg zu geben haben und darüber hinaus Musik, Filme und Literatur ausschließlich als Ablenkung betrachten, ohne sich damit auseinanderzusetzen. Leute die im Raucherraum so etwas sagen wie: ‚Ich habe mich jetzt die nächsten Wochen für Überstunden gemeldet. Was soll ich zuhause rum sitzen?!’ Das wirkt so verschwendet, so völlig frei von Leidenschaft, und ich begreife nicht, wie man in einem solchen Tran seine Zeit verbringen kann. Zum Glück scheinen die meisten Menschen, die so ein Leben leben, ja aber gar nicht zu bemerken, dass ihnen etwas fehlt.

Sound Base: In Deiner Bio findet man interessante Aktionen wie z.B. die Buslesung oder das Literaturtelefon? Was hat es damit genau auf sich? Wie bist Du auf die Idee gekommen bzw. wie kam es zu Deiner Beteiligung? Mit welchen Erwartungen ist man an solche Aktionen herangegangen und wie wurden diese Erwartungen erfüllt?

Mirco: Sowohl meine Teilnahme am Literaturtelefon als auch an der Buslesung sind leider eher unspektakulär. Ich bin einfach gefragt worden, ob ich mitmachen will. Das war keine Aktion, die von mir ausging. Ein damals sehr aktiver Hildesheimer Literaturveranstalter, Jo Köhler, hat damals beides initiiert. Hat in jedem Fall Spaß gemacht. Literaturtelefon bedeutet auch ‚nur’, dass ich einen drei Minuten Text auf Band gesprochen habe, der bei Anruf ablief. Die Buslesung war sehr lustig. Da sind wir (verschiedene Autoren) pünktlich zur Feierabendzeit in Busse und haben die Leute ‘belesen’. Einige fanden es unterhaltsam und angenehm, andere waren eher genervt. Es gab ein schickes Rahmenprogramm und noch ein paar andere Aktionen, wie z.B. einen lyrischen Busfahrplan. Zu der Zeit habe ich meine Texte auch nicht vertont, sondern habe sie ganz einfach vorgelesen und in kleinen kopierten Heftchen verteilt … zu verkaufen versucht ;-) Ich sehe mich auch in erster Linie als Autor. Musiker, Hörspielproduzent, Sprecher, trallalla ist auch alles richtig, aber kommt erst an zweiter Stelle. Für Autoren, die eher im subkulturellen Bereich aktiv sind, ist Förderung seitens der Stadt immer schwierig zu bekommen, so dass man immer bemüht ist, irgendwie Aufmerksamkeit zu bekommen. Derartige Aktionen sind dabei natürlich hilfreich. Man wartet nicht, bis die Zuschauer zu den Veranstaltungen kommen, sondern man drückt den Leuten die Veranstaltung einfach aufs Auge. Diesen Sommer, am 30.Juli, organisieren wir bspw. in Hannover das RUNNING MIC. Das ist eine mobile Speakers Corner für Autoren, die durch die Innenstadt zieht - diesmal als Demo angemeldet und elektrisch verstärkt. Und ob der Autor nun Konsumkritik loswerden oder nur unterhalten will, steht ihm völlig frei. Das schöne an derartigen Aktionen ist dann ihre Unberechenbarkeit, denn das Ganze kann auch sehr schnell kippen und Du hast da komplett grenzwertige Vorträge. Es war die letzten Male in jedem Fall immer sehr lustig. Wer Lust hat dabei zu sein, meldet sich vorher bei uns und kommt vorbei. Wir hatten das letzte Mal schon etwa 30 Autoren und gehen davon aus, dass es diesmal noch deutlich mehr sein werden.

Sound Base: Wie ‚stark’ fällt Deine Produktivität aus, d.h. in welchen Abständen veröffentlicht Du etwas?

Mirco: Ich bin eigentlich ständig am Schreiben und Produzieren. Eine CD pro Jahr ist das Ziel.

Sound Base: Deine Hörspiele werden beinahe komplett von Dir alleine produziert, d.h. Du nimmst auch fast alle Stimmen selber auf. Findest Du keine verwandten Seelen, die mit Dir auf einer Wellenlänge liegen? Oder möchtest Du die komplette Kontrolle über das Produkt haben? Oder siehst Du Deine Arbeit als etwas Intimes, wo niemand anderes in diesen Kreis einbrechen darf?

Mirco: Ich bin, seit ich 14 war, riesiger Chaplin Fan. Besonders beeindruckt hat mich an ihm, dass er wirklich die komplette Kontrolle über seine Filme hatte. Drehbuch, Hauptrolle, Regie, Musik - und das Ganze wurde in den eigenen Studios gedreht. Er hatte die absolute kreative Freiheit, ohne Kompromisse eingehen zu müssen. Ich bin davon überzeugt, dass es auch nur so funktionieren kann. Ich habe jahrelang in Bands Musik gemacht und es war immer ein Krampf, wenn jemand mir in meine Songs reingegeredet hat. Ich hatte nie das Gefühl, dass sie dadurch besser geworden sind. Vielleicht habe ich diese verwandte Seele einfach noch nicht gefunden, aber ich suche auch nicht nach ihr. Mein Prinzip ist: Ich mache alles so, wie ich es haben will, und wenn es fertig ist, befrage ich kritische Leute, auf deren Meinung ich etwas gebe und nehme anschließend ggf. Änderungen vor. Für die Produktion der neuen CD, die im Verlag Zeterundmordio erscheinen wird, arbeite ich jetzt zum ersten Mal mit einer Lektorin zusammen. Impulse von außen sind natürlich wichtig, weil sie mich oft auf Dinge aufmerksam machen, die ich im Rahmen der Produktion übersehe - aber in den eigentlichen kreativen Prozess an sich lasse ich niemanden rein. Ich denke, Kreativität funktioniert als Diktatur am Besten.

Sound Base: Viele Deiner Stücke haben - so interpretiere ich es - die ‚Unabgeschlossenheit’ von etwas als Thema. Weißt Du, wonach Du konkret suchst? Gibt es Hoffnung, dass Du es finden wirst? Und wie sehr schmerzt Dich diese ‚Unabgeschlossenheit’? Oder ist gerade sie eher ein freudiger Antrieb?

Mirco: Es kann sein, dass meine Texte einen anderen Eindruck vermitteln, aber ich bin eigentlich ein ganz zufriedener Typ. [Pathos Modus/On] „Ich suche nicht nach etwas bestimmten, ich warte einfach ab, was sich so findet.“ [Pathos Modus/Off] Ich bin mir auch gar nicht sicher, dass es einen wirklichen Abschluss für ‚Lebenssituationen’ geben kann. Es entwickelt sich meiner Erfahrung nach immer alles weiter, und das ist genau das, was es so spannend macht. Ich selbst verändere mich ja auch, und wie fürchterlich wäre es, wenn eines Tages irgendetwas, an das ich anknüpfen will, unwiederbringbar abgeschlossen wäre. Klinge ich eigentlich zu hippiemäßig?!

Sound Base: Wie viel Buchwitz spiegeln Deine Stücke wieder? Wenn ich ‚Diktiergerät’ und ‚Schlösser für Deine Schätze’ nehme, bildet sich im Kopf doch ein gewisser Charakter: ein nachdenklicher, melancholischer, triebgesteuerter Einzelgänger, der sich gerne mitteilt, aber im direkten Gespräch nicht wirklich das sagt, was ihn tief im Inneren bewegt. Und der sowohl fasziniert aber auch abgestoßen wird vom Bürgerlichen. Die Gesellschaft sucht, um immer wieder die Bestätigung zu finden, dass er sie nicht mag (sehr spontan formuliert).

Mirco: Ganz schwierige Frage. Also ich bin nie eins zu eins der Erzähler meiner Texte oder einer der Charaktere, aber natürlich steckt das schon alles in mir. Das kann man nicht wirklich trennen oder definieren. Ich bin auf der einen Seite schon ein sehr geselliger Typ, der einen großen Freundes- und inzwischen sehr großen Bekanntenkreis hat. Auf der anderen Seite brauche ich aber auch meine Ruhe zum Schreiben. Entweder bin ich da ein wenig indifferent oder aber auch nur wie jeder andere, nur dass man es mir anmerkt, weil ich eben Texte drüber schreibe. Ich bin definitiv kein zynischer Misantroph, der seinen Mitmenschen ausnahmslos die Pest an den Hals wünscht. Ich weiß aber durchaus, wie man die Welt als ein solcher Mensch betrachten kann ;-) Momentan habe ich einfach zuviel Spaß am Leben, um noch länger Zeit damit zu verplempern, am ‚Vorhandensein-an-sich’ zu leiden. Da sollen sich mal schön die Anfang 20jährigen mit abmühen. Es gibt eigentlich nichts, das so schlimm wäre, dass mir nicht irgendein Witz dazu einfallen würde, den ich für einen Text verwenden kann.

Sound Base: Schreibst Du eher für Dich selber oder bist Du auch sehr daran interessiert, wie Deine Stücke aufgenommen werden? Wie oft kommt es zu Diskussionen? Und wie überrascht bist Du über die unterschiedlichen Interpretationen? Wenn Deine Intention und die Interpretation Deiner Zuhörer/Leser stark von einander abweichen, siehst Du dann Schwächen in Deiner Darstellung? Oder eine schlechte Auffassungsgabe des Rezipienten? Oder findest Du es schlicht faszinierend, was in Deine Stücke hineingelegt wird?

Mirco: Auch eine schwierige Frage. Ich habe gerade ein wenig Angst, mich in irgendwelchen Klischeeantworten zu verlieren, aber ich versuche es trotzdem mal: Ich bin natürlich mein erster Leser und würde nichts schreiben, nur um einem potentiellen Publikum zu gefallen. Aber natürlich habe ich Interesse daran, dass meine Stücke gefallen, und die Konsequenz daraus ist, dass ich sie so schreibe und produziere, dass sie mir gefallen. Damit fahre ich bislang ganz gut. Was der Hörer dann in meine Stücke hineininterpretiert, steht ihm frei. Bislang habe ich auch noch keine Interpretationen gehört, denen ich komplett widersprechen würde.

Sound Base: Wie groß ist die Enttäuschung, wenn Du das Gefühl hast, dass sich Dein ‚Publikum’ zu wenig mit Deiner Arbeit beschäftigt hat?

Mirco: Schon ärgerlich, weil ich zunehmend mehr Wert auf Details lege. Besonders ärgerlich finde ich es, wenn ich Kritiken bekomme, denen ich anmerke, dass der jeweilige Autor nicht nur ‚nicht verstanden’ hat, was er gerade gehört hat, sondern auch gar kein Interesse hatte. In einer Kritik stand mal sinngemäß sowas wie: "Mirco kann Zusammenhänge gut zusammenfassen - Tolle Hörspiele!" Das klingt dann irgendwie so nach: ‚3 Plus, Versetzung nicht gefährdet.’
Was das Publikum angeht habe ich in letzter Zeit aber schon den Eindruck, dass die Leute, die meine Sachen mögen, sich auch wirklich damit auseinandersetzen. Es kommt halt ab und zu vor, dass Leute einzelne Sätze zitieren oder wegen bestimmter Passagen nachfragen.

Sound Base: Deine Arbeiten leben häufig von alltäglichen Beobachtungen. Gehst Du bewußt los, um Beobachtungen zu machen? Stellst Du bei Dir inzwischen eine höhere Empfindlichkeit fest? Suchst Du bewusst nach gewissen Situationen? Oder reicht Dir die Alltäglichkeit vollkommen aus, um genügend Stoff als Inspiration zu erhalten?

Mirco: Bewusst losgehen ist, glaube ich, eher kontraproduktiv. Ich glaube, jeder der sich selbst als ‚schreibenden Menschen’ begreift, ist immer mit offenen Augen und Ohren unterwegs. Das ist irgendwann einfach eine Angewohnheit. Viele meiner Texte sind Alltagsbeobachtungen, in letzter Zeit schreibe ich aber auch häufig rein fiktive Stücke bzw. versuche ich, persönliche Erfahrung in den Rahmen einer Geschichte zu betten, die nicht direkt meinem Leben entsprungen ist, die aber die Erfahrung, die ich gemacht habe, nichtsdestotrotz greifbar werden lässt.

Sound Base: Welche Rolle haben Drogen in Deinem Leben gespielt oder spielen Drogen in Deinem Leben?

Mirco: Da muss ich mal einen großen österreichischen Philosophen, namentlich Falco zitieren, der in der NDR Talkshow gefragt wurde, wie er die Zeit erlebt habe, in der er mit Drogen experimentiert hat. Er lächelte die Moderatorin an und antwortete, mit gewohntem Wiener Schmäh: ‘Schatz, ich habe damit nicht experimentiert, ich habe das Zeug einfach genommen.’ Ich weiß nicht, ob das die Frage beantwortet.

Sound Base: Wird Mirco Buchwitz auch irgendwann entgleisen (was ich als ‚seßhaft werden’ verstanden habe)? Oder rollt der Zug heute noch genauso gut geölt flott die Schienen in eine ferne Zukunft?

Mirco: Ich ‘korrigiere’ normalerweise keine Interpretationen, weil ich denke, dass jede Interpretation ihre Berechtigung hat. An dieser Stelle muss ich aber kurz erklären, da ich sonst die Frage nicht beantworten kann. Das ‘Entgleisen’ steht für mich nicht wirklich für ’seßhaft werden’, sondern in erster Linie für ‘die große Liebe finden’ (was auch immer das heißen mag), und erst an zweiter Stelle (damit verbunden) dann vielleicht auch ‘für seßhaft’ werden. Ob das bei mir irgendwann der Fall sein wird, weiß ich beim besten Willen nicht. Ich vermisse zur Zeit nichts, würde aber auch nicht ausschließen, dass es irgendwann passiert.

Sound Base: In ‚Revolution Calling’ forderst Du zu mehr Aktionismus auf, willst nicht nur, dass die Leute auf die Straße gehen, sondern einfach irgendetwas machen, um aus dem Alltäglichen auszubrechen, um vielleicht ihr eigener kleiner Künstler zu sein? Kann solch ein Aktionismus nicht gefährlich werden? (Heute morgen flatterte mein Nervenkostüm, weil einige Pubertierende anscheinend auf dem Weg zum nächsten ‚Superstar’-Casting waren und Ihr R’n'B-Katzengejammer schon im Zug präsentierten! Das finde ich gefährlich! ;-) )

Mirco:Um ehrlich zu sein habe ich keine Ahnung, was die Botschaft oder Konsequenz dieses Textes ist. Mir ging es darum Gründe ‘für’ und ‘wider’ Aktionismus und Lethargie gegenüberzustellen. Der zentrale Satz des Textes ist meiner Meinung nach die Frage: ‘Gibt es noch irgendetwas, das dich wütend macht außer Kritik an der eigenen Person?’ Ich tippe mal, niemand wird diese Frage gerne mit ‘Nein’, beantworten, also ist der nächste Schritt, zu überlegen, was einen denn wütend macht und ob es sich lohnt, aufzustehen und (in welcher Form auch immer) aktiv zu werden.
Ganz am Rande: Ich denke, es gibt viel zu viele schlechte Autoren, von daher wäre es ein Drama, wenn ich mit dem Text dafür sorge, dass es noch mehr werden.

Sound Base: Wie hast Du Deinen dreißigsten Geburtstag erlebt? War es für Dich wirklich der Albtraum, wie Du ihn im gleichnamigen Stück schilderst

Mirco: Alles halb so wild! Ich habe meinen 30. Geburtstag mit zwei Freunden zusammen ziemlich groß gefeiert (die Fotos kann man sich auf meiner Homepage anschauen). 30 zu werden war völlig in Ordnung, es hat sich einfach angeboten, ein Stück draus zu machen. In meinem Leben wird seit zehn Jahren kontinuierlich alles besser, von daher habe ich keine Probleme mit dem Älterwerden. Passt schon.

Sound Base: Wenn man Dir anbieten würde, bei den Privaten im Rahmen einer Comedy-Veranstaltung zusammen mit den Üblich-Verdächtigen (angeführt von Sonja Kraus, Elton und Michael Mittermaier) aufzutreten, würdest Du annehmen oder wäre Dir Dein ‚guter’ Name zu schade dafür?

Mirco: Wenn ich so die Gelegenheit bekomme vor großem Publikum meine Vorstellung von guter Unterhaltung und anspruchsvollerer Comedy zu präsentieren, würde ich sofort mitmachen, klar. Ich habe ja nicht das Ziel, mich der breiten Masse zu verschließen, es ist mir nur wichtig, mir selbst treu zu bleiben. Ich würde mich eben nicht mit irgendwelchen flachen Gags auf die Bühne stellen, nur um auf dieser Bühne zu stehen … und Elton ist wirklich sehr grenzwertig.

Sound Base: Wie ‚trainierst’ Du Deine eigenen Fähigkeiten? ‘Learning by doing’? Sich inspirieren lassen von anderen Werken? Oder nimmst Du gar Ratgeber und Sachbücher zur Hilfe, um an der Stilistik zu feilen?

Mirco: Hm, … ‘Learning by doing’ würde ich sagen. Definitiv keine Ratgeber.

Sound Base: Was hat es mit den ‚Fußnägeln’ auf sich? Und welche Macken hast Du sonst noch?

Mirco: Hihihi… also um ehrlich zu sein, war das halt nur so eine Idee ;-) ich bevorzuge den Nagelknipser. Macken habe ich trotzdem genug. Ich habe zum Beispiel so gut wie nie was zu essen im Haus, sondern renne jedes mal in den Supermarkt, wenn ich Hunger habe. Sobald ich Nahrung im Kühlschrank habe, bekomme ich einen Fressflash nach dem nächsten bis mir schlecht wird und der Kühlschrank wieder leer ist.

Sound Base: Was war für Dich bisher das schönste Erlebnis im Rahmen Deiner ‚Arbeit’? Und was das unangenehmste? Wie hoch würdest Du Deine Nervosität bei solchen Aktionen und auch bei Auftritten beziffern? Ziehst Du Nutzen aus dieser Nervosität oder bist Du nur ihr Opfer?

Mirco: Das unangenehmste war sicherlich auf einem Punk-/Hardcore Open Air (Steaknife, Hammerhai, …) in den Umbaupausen vor etwa 250 hackendichten Asipunks aufzutreten. Ich bin früher selbst als Zecke beschimpft worden - wenn ich jemanden einen Asipunk nenne, kannst du davon ausgehen, dass es auch wirklich ein Asipunk gewesen ist (so mit Dosenbier palettenweise im Einkaufswagen vor sich herschieben). Naja, jedenfalls war es von den 250 Leuten 200 scheißegal, dass ich da oben stehe und einen erzähle, vielleicht 25 haben zugehört und die anderen haben dazwischengebrüllt und bei meinem letzten Set (drei mal 15 Minuten, oder so) flogen dann Bierbecher. Seitdem bin ich allerdings vor einem Auftritt nie wieder so richtig nervös gewesen - hat doch alles sein Gutes.
Die schönsten Erlebnisse sind dann zum einen Situationen, in denen man merkt, dass die Texte wirklich bei den Leuten ankommen und ihnen wichtig sind. Zum anderen sind das aber auch Momente, wenn man gutes Geld für das bekommt, was man so macht.

Sound Base: In einem Forum habe ich einen Beitrag von Dir entdeckt, wo Du das Medium Hörspiele erst jetzt wieder richtig für Dich entdeckt zu haben scheinst? Was verbindest Du mit dem Medium Hörspiele? Welche Hörspiele hast Du in Deiner Kindheit gehört? Und welche Hörspiele sind bei Dir besonders in letzter Zeit hängen geblieben? Welches Hörspiel kannst Du aktuell empfehlen?

Mirco: Also, um ehrlich zu sein, bin ich alles andere als ein Hörspielkenner. Ich bin da, glaube ich, eher so der Old School Typ. Ich habe mir die erste 30 Folgen der Drei ??? in den letzten Monaten neu gekauft, nachdem ich sie mit 18 verschenkt habe, und ich entdecke gerade John Sinclair für mich. Ich habe mich jahrelang nicht für Hörspiele interessiert, und auch erst lange, nachdem ich selbst welche produziert habe, wieder damit angefangen, Hörspiele zu hören. Ich habe meine Stücke auch lange Zeit nicht als ‚Hörspiele’ wahrgenommen. Das waren für mich einfach „vertonte Dialoge“ oder „mit Musik unterlegte Texte“- der Begriff ‚Hörspiel’ war mir zu dem Zeitpunkt scheinbar abhanden gekommen.
Außer den paar erwähnten Hörspielen habe ich noch ein paar Hörbücher. Was ich zur Zeit häufig höre ist, um mal Werbung für einen hannoveraner Kollegen zu machen, ‘Der Sündenpfuhl am Frühstückstisch’ von Christian ‘Sölti’ Sölter, seines Zeichens Sänger der Ska Punk Band Hammerhai. Sehr witzige, unterhaltsame Geschichten, sehr gekonnt vorgelesen. Kann ich nur empfehlen.

Sound Base: Womit finanziert sich Mirco Buchwitz? Und warum hat er damals und nach wie viel Semestern sein Studium geschmissen?

Mirco: Oh, eine lebenspraktische Frage! Immatrikuliert war ich wohl für 8 Semester, wirklich studiert habe ich davon vielleicht drei- dann war mir klar, dass das zu nichts führt. Anschließend habe ich eine Ausbildung gemacht, in dem Beruf aber nie gearbeitet. Momentan jobbe ich auf 30 Stunden Basis, versuche aber gerade, mir das abzugewöhnen ;-) Das gute an dem Job ist, dass ich verhältnismäßig viel verdiene und ein großes Maß an Flexibilität habe - aber eine intellektuelle Herausforderung sieht anders aus.

Sound Base: Gibt es irgendwelche Projekte, die Dir im Kopf rumspinnen, die Du aber aus irgendwelchen Gründen noch nicht umgesetzt hast? Wenn ja, woran scheitert die Umsetzung bisher? Was können wir in naher Zukunft von Dir erwarten?

Mirco: Ich denke die meisten Projekte scheitern (nicht nur bei mir) an zu wenig Zeit und Geld - ganz klassisch. Es gibt noch etliche Ideen, von denen ich aber nicht weiß, ob sie jemals Realität werden, aber momentan produziere ich erstmal den Nachfolger für die ‘Schlösser für deine Schätze’ CD, der wohl im Oktober/November über den Verlag zeter&mordio erscheinen wird. Dann werde ich wieder durch die Gegend tingeln und hoffentlich nach und nach größere Läden bespielen und anständige Gagen bekommen. Wir versuchen dann auch für den Herbst/Winter eine kleine Tour zu buchen, um die CD zu präsentieren und ich bin gerade mit mir am kämpfen, in der Tat zu versuchen, auch ein wenig TV Präsenz zu bekommen. Ich habe noch keine Ahnung, wie man das macht und welche Konsequezen es haben wird, aber wenn durch derartige Auftritte mehr Leute zu meinen eigentlichen Shows kommen, um meine Texte zu hören, ist es das denke ich wert.

Sound Base: Also als Schlußplädoyer - Augen und Ohren auf, wenn der echte Buchwitz irgendwo zu sehen oder zu hören ist. Lohnt sich!

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