Mirco Buchwitz ist ebenso wie ich Jahrgang 1974 und Mirco Buchwitz scheint nach Lektüre seiner neusten Veröffentlichung Schlösser für Deine Schätze eine ähnliche Adoleszenz, ein plötzliches Erwachsensein und nun auch noch den Anfang vom Ende, die Dreizig, neben einigen ausgefallen Haaren plötzlich morgens in seinem Bett vorgefunden haben. Mirco Buchwitz hat sicherlich in seiner Jugend lange, vielleicht sogar bunte, aber auf jeden Fall unsortierte Haare getragen, Slime, aber mindestens Ton Steine Scherben gehört, selber Musik gemacht, sicherlich Krach produziert, den kein Arsch hören wollte, aber alle natürlich toll fanden und irgendwo unter dem Dach gewohnt und an schwülen Sommerabenden bei einer Kippe und lauwarmen Dosenbier oder Tetrapackwein kleine Prosageschichten geschrieben, als Ausdruck der persönlichen, pubertären Desorientierung. Die waren nicht doll, aber gut, sind heute noch gut.
Nach der Schule Zivildienst, nach dem Zivildienst Studium. Natürlich Geisteswissenschaften. Weil man gerne gelesen und geschrieben hat. Und weil man gerne bei Bier und Zigarette, bei Tüte und Schokolade philosophiert hat. Und dann sicherlich festgestellt, dass an den Universitäten der Verstand still steht, man nicht mehr gerne liest, nicht mehr gerne schreibt, nicht mehr gerne diskutiert und nicht mehr gerne philosophiert. Mirco schmeißt, ich knabber mich bis zum heutigen Tag durch.
Vielleicht ist es bei Mirco Buchwitz so gewesen, vielleicht war es aber doch ein wenig anders. Aber Anzeichen, dass es so gewesen sein könnte, zeigen sich in seinen sicherlich autobiographisch gefärbten Stücken. Denn das seine Stücke autiobiographisch sind, erklärt er in einem Interview schlicht mit den Worten Irgendeinen Auslöser muss es ja geben.. Ob es allerdings der Realität entspricht, läßt er offen. Realistisch ist es aber trotz vieler absurder, surrealistischer Stellen. Das auf der Bank in der Morgendämmerung Sitzen, angetrunken, nachdenklich, um sich dann plötzlich in einem Traum wiederzufinden, dessen Symbolik eine tiefe Bedeutung signalisiert, dessen Symbolik man aber nicht zu durchschauen mag. Wofür steht das Zähe der Kaugummis, wofür steht die Gegensätzlichkeit in der Entwicklung der ihn umgebenden Wesen? Vielleicht weiß Buchwitz es, vielleicht weiß er es aber auch nicht. Halt wie bei einem Traum? Oder bei all den anderen Dingen, die man sich fragt, ohne jemals eine Antwort darauf zu finden. Und so zitiert er passend an dieser Stelle auch aus Hesses Siddartha.
Neben diesen eher introvertierten Momenten, die die innere Philosophie in bildstarker Sprache verpackt in Metaphern, Symbolen und Rätseln präsentieren, und vor allem Ausdruck in Stücken wie Change the station oder Revolution Calling finden, zeichnet sich Schlösser für Deine Schätze aber vor allem auch durch Humor in verschiedenen Tönungen aus. Der Dreißigste Geburtstag besitzt das Flair von Filmen wie Sven Regeners Herr Lehmann und präsentiert mit dem Spruch Wo ich hingeschissen habe, mußt du erst einmal hinriechen auch feingeistige Zoten, die einem Lotto King Karl im Letzen Luden gerecht geworden wären. Absurd wird es, wenn Buchwitz im Supermarkt mit singendem Gemüse über die Vorteile von frischem und Dosengemüse diskutiert, bevor eine in drescheden Metallklängen gekleidete Fleischtheke schließlich dazwischen fährt (Pizza Essen ist Fachistisch). Sexualität, die Suche nach dem anderen Geschlecht oder einfach nur dieser eine Kuss sind auch immer wieder Motive, die Nummern wie den erwähnten Track Der Dreißigste Geburtstag, Die Extra Lange Nr., In der Kammer, C’mon Rockbitch! Rock my fuckin’ world! oder Frühling - La Baum Style durchziehen. Punktlose Diskussionen, das bodenlose Geschwaffel, den Meinungsclash findet man wiederum thematisiert und karikatusiert besonders in einer Nummer wie Highway to hell oder Stressbewältigungsseminar. Und für die Freunde von feingezeichneten, einfühlsamen Geschichten gibt es dann auch noch etwas fabel-haftes mit Das Märchen vom großen Sturm.
Klasse statt Masse, aber auch klasse Masse. Schlösser für Deine Schätze ist nicht immer verständlich, irgendwie halt auch eigen, wenn die Motive auch bekannt vorkommen. Nach 3x Hören, einigen Interpretationsansätzen will dennoch nicht jede Nummer ihr Geheimnis offenbaren. Und es bleibt auch die Frage, hat sie überhaupt eins. Radio Freies Bottendorf schreit einem ja geradezu ins Gesicht, den Buchwitz auch nicht überzuinterpretieren und ihm Eigenschaften zuzulegen, die er nicht hat, nicht haben will. Hinter all dem steckt schließlich auch einfach Aktionismus, wie ihn Revolution Calling (Queensryche-Fans aufgepaßt!) fordert. Sitz nicht da, mach was! Schnapp dir ein Instrument, schnapp dir einen Stift. Nicht nur kauen, sondern auch selber anbauen. Und da trennen sich dann auch unsere Wege, ist mein lyrischer Fluss schon längst trocken gelegt. Aber das Faible für die eigenen Fußnägel, das teile ich mit ihm.
Klasse ist auch für meine Ohren Buchwitzs musikalisches Beet für seine lyrischen Ergüsse. Den Punk hat er bis auf wenige Striche abgelegt, heute regieren groovigere, seichtere Töne, Easy Listening, der Stimmung der Texte angepaßt. Und die Personen in seinen Geschichten, die spricht er natürlich auch (fast) alle selber. Mit Unterstützung simpler Studiotechnik natürlich. Oder einfach ein, zwei Packungen Zigaretten extra am Tag. Auch wenn manch einem dies sicherlich nicht gefallen wird. Aber das Produkt liegt nun einmal alleine und komplett in Buchwitzer Hand. Texte, Stimmen, Musik, Produktion, Fotos, Cover. Und das muss ihm erst einmal jemand nachmachen. Frag mich nur, wo der Junge die Zeit her nimmt, wenn er neben gewerblicher Tätigkeit auch noch häufig in Fragen versinkt und/oder dem anderen Geschlecht hinterherhechelt. Aber auch hier scheinen wir wohl getrennte Wege zu gehen - auf die zur Verfügung stehende Zeit bezogen. Ich kann dennoch, oder gerade deswegen gut auf den Hannoveraner.