Interviews

Knorkator

Autor: UG / Kommentare: Bisher keine

Bild von KnorkatorInterview mit der Berliner Band „Knorkator“ am 05.02.2006 in der Krefelder Kulturfabrik

Die Köpenicker Chaos-Truppe „Knorkator“ dürfte spätestens nach ihrem sensationellen Auftritt bei der deutschen Vorausscheidung zum Grand Prix Eurovision de la Chanson im Jahre 2000 einigen Leuten ein Begriff sein. Den ganz großen Durchbruch hatte die Band zwar noch nicht, aber man ist sich selber sicher, dass dieser kommen wird. Mehr über die Ansichten von Keyboarder Alf Ator und Gitarrist Buzz Dee erfuhr ein tapferer SoundBase-Mitarbeiter. Diese machten sich an jenem verregneten Sonntag auf nach Krefeld, um in einer knapp 30 minütigen Privataudienz einen Einblick in den knorkatorischen Mikrokosmos zu erhalten.

UG: Ihr habt kürzlich ein CD / DVD - Paket veröffentlicht. Ist Euch der visuelle Aspekt in Zusammenhang mit Eurer Musik wichtig?

Alf Ator: Wissen Sie, es ist in der Tat so, dass ein Großteil unserer Wirkung auf das Publikum optischer Natur abläuft, weswegen wir dann auch den Entschluß fassten, ein Medium zu wählen, in dem wir optisch glänzen können (Anmerkung: Diesen Satz hat der gute Alf wortwörtliche gesagt, mit dem Hinweis von Buzz Dee, dass er so auch sofort druckreif wäre, was ich hiermit auch brav umgesetzt habe).

UG: Ihr macht auch regelmäßig Lesungen. Muss man sich das wie bei Henry Rollins vorstellen, der locker Geschichten aus seinem Leben erzählt?

Alf Ator: Nein, denn im Gegensatz zu Henry Rollins haben wir ein Buch geschrieben, aus dem wir vorlesen. Unterstützt wird die Lesung durch einen Overhead-Projektor, der Bilder an die Wand wirft. Musik gibt es auch, denn wir spielen Unplugged-Versionen unserer Lieder, die aber in der akustischen Darbietung fast nicht wieder zu erkennen sind.

UG: Wer entwirft denn eigentlich Eure schicken Bühnen-Outfits?

(völlig überraschend schaltet sich Gitarrist Buzz Dee in das Gespräch ein)

Buzz Dee: Ich entwerfe unsere Bühnenklamotten. Das hat sich einfach so ergeben. Vor 10 Jahren habe ich mir eine Nähmaschine gekauft. Ich war es Leid, immer zu einer Bekannten zu gehen, wenn ich mal einen Knopf angenäht haben wollte. Da habe ich mir dann einfach selber so eine Maschine gekauft und bin dadurch auf den Geschmack gekommen. Erst habe ich mir selber eine Hose genäht und dann immer kompliziertere Sachen. Nur mit den Fellklamotten ist das immer eine Sauerei, denn diese Fellfussel fliegen überall in der Wohnung herum- sogar im Kühlschrank. Deshalb haben wir auch keine Vollfellkostüme mehr, aber etwas Fell ist immer noch geblieben.

UG: Berlin wird in den Medien immer als musikalische Oase präsentiert, wo einem die Inspirationen nur so zufliegen und überall trendweisende Bands wie Pilze aus dem Boden schießen? Seht Ihr das auch so?

Buzz Dee: Sicher hat Berlin einiges in Punkto Musik zu bieten. Es ist aber auch ein Überangebot da, denn jeden Abend kann man in Berlin auf 50 Konzerte gehen, was zur Folge hat, dass manche Bands vor leeren Häusern spielen müssen.

Alf Ator: Berlin war aber auch immer ein gutes Pflaster für Underground-Musik. Bands, die neue Wege gegangen sind haben meist in Berlin ein breites Echo erfahren. Sei es nun im Punk oder auch im Jazz. Als stinknormale Party-Rock-Kapelle hatte man es dagegen eher schwer an der Spree.

UG: Wie steht Ihr denn der ganzen „Aggro-Berlin“ und Hip-Hop-Szene gegenüber? (Anmerkung: Hier haben wir aber richtig ins Schwarze getroffen)

Buzz Dee: Oh nein, das Reizthema Hip-Hop. Das ist eine Sache, die mich echt nervt. Dieser ganzen Hip-Hop-Schiene kann ich nichts, aber auch gar nichts abgewinnen. Man muss Hip-Hop allerdings zu Gute halten, dass es aus dem Untergrund kommt und nicht direkt steuerbar ist. Leider ist aber heutzutage Hip-Hop nur noch eine Karikatur seiner selbst und hat mit Underground nichts mehr zu tun. Man kann die Musiksender anschalten wann man will: Immer nur Hip-Hop. Das ist heute der Mainstream. Allerdings wollen wir nicht klagen, denn auch wir können in Berlin gut leben und wir sind froh, wenn es so läuft, wie es im Moment ist.

UG: Habt Ihr schon einmal ein Feedback von Originalkünstlern Eurer Coverversionen bekommen?

Buzz Dee: Die Pudhys waren von unserer Version von „Geh zu ihr“ (Anmerkung: Alter DDR-Evergreen aus den 70ern mit der gigantischen Zeile „Geh zu ihr und lass deinen Drachen steigen“) ganz angetan. Außerdem bekamen wir eines Tages eine Mail aus Schweden von einem der Mitglieder von Ace of Base. Man hatte unsere Version von „All that she wants“ gehört, fand sie toll und man konnte sich sogar einige Zeit lang unsere Version von der offiziellen „Ace of Base-Homepage“ runterladen. Sie haben bestimmt stolz verkündete: „Wir hatten das große Glück, von Knorkator gecovert zu werden“ (allgemeines Gelächter) So etwas freut einen als Künstler natürlich sehr, wenn der Originalinterpret unsere, zugegeben doch etwas andere Version, auch mag.

UG: Habt Ihr schon mal versucht, gezielt einen Hit zu komponieren?

Buzz Dee: Du kannst nicht gezielt einen Hit schreiben. Das hat noch bisher bei keinem funktioniert- außer bei Dieter Bohlen.

Alf Ator (völlig entsetzt): Das ist das, was ich seit Jahrzehnten versuche (großes Gelächter). Natürlich versuchen wir schon, den Leuten zu gefallen, aber wir sind uns schon im Klaren, dass man mit unserer Auffassung von Musik und auch mit unseren Texten nicht die breite Masse ansprechen kann. Das ist aber auch nicht schlimm, denn wir sind mit der jetzigen Situation schon ganz zufrieden. Natürlich würden wir uns freuen, wenn noch mehr Leute zu unseren Konzerten kommen würden.

UG: Trotzdem ist es doch sicher manchmal frustrierend, wenn Ihr eine gute Platte macht, in Berlin vor vollem Haus spielt, aber in der Provinz kennt man Euch nicht?

Alf Ator (holt sehr bedeutungsschwanger aus): Ich hatte das große Glück, vor kurzem mit Hilfe einer Zeitmaschine eine Reise in die Zukunft machen zu dürfen. Dort habe ich dann in einem Lexikon den Begriff „Neoelementarismus“ entdeckt. Hinter diesem Begriff steht
„Neoelementarismus ist eine von Knorkator gegründete Musikrichtung. Knorkator selber waren eine frühe Art dieser Musikrichtung, die aber erst in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts zur wirklichen Größe gelangte“. Mit solchen Aussichten erträgt man natürlich viel besser das jetzige Stadium, denn wir wissen jetzt, dass dies nur der Anfang ist.

UG: Natürlich muss ich Euch auch mal auf den Grand Prix-Vorentscheid im Jahre 2000 ansprechen. Wie kam es überhaupt dazu?

Alf Ator: Eigentlich war es nicht so eine große Sache. Damals hat die Plattenfirmen uns als Band vorgeschlagen und wir sind dann einfach zur Vorausscheidung gefahren. Es war lustig, dass sich dann die ganze Nation inkl. Bild-Zeitung über uns aufgeregt hat. Es war eine Woche Spaß, aber uns war schon klar, dass wir dort nicht gewinnen werden.

UG: Stimmt eigentlich die Geschichte, dass Du, Alf, Visitenkarten mit deinem Penis verteilt hast

Alf Ator: Witzig, dass sich noch jemand daran erinnert. Ja, das stimmt. Ich denke, dass eine Visitenkarte etwas sehr persönliches ist und was passt besser auf eine persönlich Karte als sein Penis, der ja auch sehr persönlich und individuell ist. Natürlich haben sich da auch alle drüber aufgeregt, aber es hat schon Spaß gemacht (lacht). Leider bin ich danach umgezogen und musste den Karton mit den Visitenkarten wegschmeißen. Tausend Schwänze in den Müll (lacht).

UG: Zum Schluss habe ich noch eine Sache, die mich persönlich interessiert. Ich habe Euch 1999 auf dem Bizarre-Open-Air in Köln gesehen. Damals hattet Ihr eine Art Gemüsekanone auf der Bühne, die leider an dem Tag den Dienst versagte. Gibt es die Kanone noch und kommt sie heute noch zum Einsatz?

Buzz Dee: Zwischenzeitlich hatten wir sogar mal zwei Kanonen und fanden das auch ganz lustig. Leider fanden das die Veranstalter aber gar nicht lustig, denn der Gurken-Kartoffelmatsch aus der Kanone hat in den Clubs ganz schöne Sauereien angerichtet. Einige mussten danach sogar den Laden komplett neu renovieren und manche Clubs wollen uns seit dieser Zeit auch nicht mehr. Bei mir war es sogar soweit, dass ich den penetranten Gurkengeruch auf der Bühne nach einer Zeit nicht mehr riechen konnte. Unseren Fans hat es aber immer gut gefallen und manche sind extra mit weißen T-Shirts zu den Konzerten gekommen und haben sich dann vor die Maschine gestellt, um sich komplett mit diesem Matsch einsauen zu lassen. Das heißt aber nicht, dass wir das nie mehr machen. Die Gemüsehäcksler haben nur eine kreative Pause und stehen im Keller. Irgendwann wird aber der Zeitpunkt kommen, wo wir uns auch wieder kreativ mit dem Thema Gemüse auseinandersetzen.

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