Just läuft auf Kabel 1 die 20 besten Gruselfilme, da erstreckt sich vor mir Kelly Osbourne in schwarz-weißen Tönen auf einer Liege irgendwo im Nirgendwo. Verschwörungstheoretiker wittern bei dem feucht-warmen Klima mit New Orleans Tendenzen direkt einen Terroranschlag auf das nächste amerikanische Aushängeschild, schwebt des Satans Tochter doch auf dem Cover direkt vor der Golden Gate Bridge. Musikliebhaber und Kulturverteidiger erleben den Anschlag bereits nur bei dem Gedanken, dass die Osbourne-Zicke erneut ihre Stimme in den Äthern streckt. Und so ganz wohl war mir bei dem Gedanken auch nicht, erinnere ich mich nur zu gut an die Single Peitschenhiebe, die Kelly nach dem Erfolg der Osbourne-Soap neben und zusammen mit ihrem Vater, dem Prinz der Trunkenheit, auszuteilen wusste. Im Gegensatz zu Ozzy kenne ich allerdings niemanden, der die gute Kelly wirklich leiden mag. Außer irgendwelche Halbgaren, die während der Soap in ihren Hintern krochen, um plötzlich Teil des Medienspektakels zu sein.
Aber so wie das Osbourne-Töchterchen mit dezentem Outfit, schlanker Linie (Retusche?) und stilechter Perücke überrascht, so zeigt sie sich auch musikalisch in Geberlaune. Am Händchen gehalten von Linda Perry, Ex-Four Non Blondes und Ideengeber bei Pink und Gwen Steffani, weicht das Pummelchen aus dem Fernsehen schon mit der ersten Single Auskopplung One word deutlich vom Pop Punk Trip ab. New Wave, Disco und Electropop sind 2005 angesagt. Die Single erinnert nicht nur mich an Fade to grey von Visage, sondern bedient sich offenherzig und dreist am Klassiker. Dazu ein paar Stimmeffekte, lässiges Selbstbewusstsein und das naive Klangvolumen von Fräulein Osbourne - fertig ist der kleine Sensationshit.
Dieses Rezept behält man auch in den restlichen neun Songs bei. Hier mal ein wenig Blondie, dort ein wenig Kim Wilde, fertig ist ein rundes Retro-Album, das man Kelly so nicht zugetraut hat. Und auch nach dem Hören immer noch nicht zutraut. Gut, das Kind ist keine begnadete Sängerin. Aber nach all dem Gejaule, Tonleitersteigen – und fallen, dem extrovertierten Stimmgespiele ist man froh über einen Stimmeinsatz, der irgendwie den Charme einer vierbeinigen Spermamischung hat. Back to the roots, als die englische Sprache, schrille Outfits und ein ungewöhnlicher Tanzstil wichtiger als das Treffen der Töne waren. Aber auch darüber kann man streiten. Und wird es sicherlich auch – wie die geteilten Meinungen über diese Platte erkennen lassen. Persönlich wünsche ich dem verwöhnten Osbourne-Balg einen erfolgreichen Entzug, ein bisschen Schminke und Polster weniger und die Muße, in ihrer Zelle das eine oder andere lehrreiche Buch aufzuschlagen. Vielleicht sehen wir dann Kelly auf der nächsten Platte mit einem Werk von Schoppenhauer schmusen. Musikalisch ist sie auf jeden Fall auf dem richtigen Weg. Und Sleeping In The Nothing durchaus eine Scheibe für die 80er Jahre Wave Sammlung. Und jetzt dürft ihr mich steinigen, weil ich es gut finde!