Rezensionen

Kapaun: Intensiv

(Alive/EMG)

Autor: DJ / Wertung: 4.0 von 12 Punkten / Kommentare: Bisher keine

Bild von Kapaun - IntensivMan möchte beinahe meinen, die Musikindustrie gibt im Moment ein Erfolgsrezept für junge Bands heraus: Wenn ihr nichts könnt, keinen Hit in petto habt, dann versucht es dennoch. Aber bitte in Deutsch. Denn Deutsch vermittelt Erfolg - egal wie, halt irgendwie! Und wie der Vorentscheid zum Grand Prix wieder einmal belegt, kränkelt es in der deutschen Musiklandschaft im Pop- und seichten Rockbereich vor allem an Ideen und Kompositionsfähigkeit. Aber dafür wird endlich und gerne wieder die eigene Muttersprache vergewaltigt. Und da passt es dann auch, dass ein englischsprachiger Titel schließlich das Krönchen aufgesetzt bekommt, was später aber in einem gewaltigen Skandal gipfelt.

Ich glaube, es war zuletzt bei ‚Wer wird Millionär’, wo man noch einmal im Gedächtnis aufgefrischt bekam, was ein Kapaun ist. Der Hahn hat die Eier ab und wird nun voll gestopft, das ist ein Kapaun. Und das österreichische Trio hat den Titel sicherlich mit einer Mischung aus Selbstironie und Selbsterkenntnis gewählt. Den Kapaun klingen irgendwie nach kastriertem Hahn: eierlos, unmännlich, satt, langweilig und unspektakulär. Das Trio strebt eine Erfolgsspur mit EAV, Falco, Nirvana, den Ärzten und Linkin’ Park im Gepäck an. Was sich bescheuert liest, klingt auch bescheuert. Wie eine Schülercombo, die seit wenigen Wochen lärmt. Vollkommen uninspiriert und auch textlich recht idiotisch. Sozialkritik trifft Herzschmerz trifft Dünnpfiff. Da heißt es platt in Terrorismus: Flugzeuge fliegen in hohe Gebäude. Die dritte Welt in Hunger und Elend. Angst und Schreie in jeder Sekunde. Eine Frage: wo bleibt der Sinn., um im nächsten Lied (Nackte Schnecke) Insektenforschung zu betreiben: Ich habe eine Schnecke gesehen in unserem Garten. Sie lief einfach so vorbei ohne sich umzudrehen. Tomaten auf den Augen. Unkraut zwischen den Ohren. Schleim am Körper. Uns fehlen die Worte.[…] Ich habe eine Schnecke gesehen. Mit verdammt viel Frechheit. Sie lief einfach über unsere schöne Gurke. Keine Beautyfarm für Tiere. Wir sind doch nicht verblödet und haben sie lächelnd grausam ermordert.
Das Spiel ließe sich beliebig mit den anderen Songs fortsetzen. Aber an dieser Stelle schließe ich für mich einfach das Kapitel Kapaun.

Die Ärzte prägten vor einiger Zeit den Ausdruck Unrockbar. Bei Kapaun ist es einfacher und lexikalisiert: Die Jungs sind schlicht unhörbar.

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