Es gibt sie, gute deutsche Musik! Gut, im Radio nicht unbedingt oft, aber auch hier hat man bisweilen das Glück einer dieser Perlen zu hören, umso größer ist die Freude dann. Neben den üblichen Verdächtigen wie Blumfeld, Tocotronic oder Die Sterne tritt eine Band langsam, aber ganz gewaltig aus dem Schatten, der den Stempel Hamburger Schule verpasst bekommen hat. Kante. Schon mit „Zombi“ aus dem Jahre 2004 konnte die Band auf ganzer Linie überzeugen. Zu Beginn ihrer Karriere waren sie übrigens als Postrocker verschrien, davon ist nun nicht mehr viel übrig.
„Die Tiere sind unruhig“ macht mich immer wieder auf ein Neues fertig. Die Platte sowieso, aber ganz speziell der Song. Draußen nähern wir uns der 40 Grad Marke, Temperaturen wie in den Tropen, mit anderen Worten es ist Sommer. Ein Sommer, der so allerdings in Deutschland nicht zu erwarten war. Und nun kommen Kante mit „Die Tiere sind unruhig“. Wann bitteschön hat ein Song so gut zur Lage der Nation gepasst? „Es ist heiß und es ist schwül, das Licht zu hell, die Farben grell, die Vögel stumm, die Hunde bellen…Die Hitze kriecht die Straßen lang, das Fieber steigt, die Stadt vibriert“ Ich lege mich schon mal fest, dass ist der Sommerhit des Jahres (wer sind doch gleich noch mal die Sportfreunde Stiller?). Wer so perfekt den Sommer beschreibt (freilich konnte man, als der Song geschrieben wurde, nichts von der momentanen Hitze wissen) und vertont, der kann in der Endabrechung nur vorne liegen. Natürlich steht die ganze Geschichte nur als Metapher und Sinnbild für unsere Gesellschaft. Auch der „flirrende“ Aufbau des Stückes ist die perfekte Umsetzung für ein aufziehendes Gewitter. Groß! Größer! Kante!
Die Platte wurde im Übrigen zu großen Teilen live im Studio eingespielt, was den sieben Songs sehr gut zu Gesicht steht und so sicher für die ein oder andere (musikalische) Überraschung mitverantwortlich ist. „Ich hab´s gesehen“ knallt ganz gewaltig. Da muss die Band aber eine Vorliebe für die ein oder andere Stoner Rock Platte und ganz besonders für die Queens Of The Stone Age entwickelt haben. Bei „Nichts geht verloren“ sieht man in den fetten und rockigen Momenten glatt Josh Homme mit der Band im Studio stehen. Peter Thiessen bezeichnet den Track als „Eine Art Sexstück“ über eine jahrelang andauernde Beziehung. Text und Musik harmonieren hier hervorragend miteinander. Mit „Die größte Party der Geschichte“ verfolgen Kante dann einen satirischen Ansatz. „Vors Weltgericht geladen, kommt die Band zu spät, weil die Wegbeschreibung scheiße war. So schweigt der Himmel und die After-Showparty in der Hülle ist auch überfüllt.“ Musikalisch meint man hier und da, dass die „Fanta4“ um die Ecke blicken. Kante goes Rapp? Ja, denn Gitarrist Felix Müller rappt als Türsteher der Hölle. Lässiger Song, der wirklich Spaß macht.
„Die Wahrheit“ ist als Gegenentwurf zum Schulter klopfenden Befindlichkeitsdeutschrock dieser Tage zu verstehen. Hier rockt es wieder ordentlich, mit fetten Gitarren und Bass. Danach gibt es bei „Ducks and Daws“ einen Stilbruch zu verzeichnen. Das Instrumental ist nicht nur jazzig, sondern hat schon Anleihen an Free Jazz. Hier gibt es mit Micha Acher von The Notwist prominente Unterstützung an der Trompete und am Flügelhorn. Das siebte und letzte Stück „Die Hitze dauert an“ fängt also mit einem ähnlichen Thema an wie der Albumopener. Doch hier handelt es sich um ein tieftrauriges Lied. Hier wird das ganz große Gefühlskino aufgefahren (Eine Stimme, ein Klavier, dann Gitarren, Orchester und plötzlich ist Schluss) ohne im Kitsch zu versinken, können nicht viele.
Sieben Songs, alle zwischen 6-10 Minuten lang und kein Ton und Wort zu viel. Kante ist mit dieser Platte der große Wurf gelungen. Wie eine große Entdeckungsreise ist „Die Tiere sind unruhig“. Da wo Blumfeld mittlerweile auf halber Streck stehen bleiben, geht diese Band hier konsequent ihren Weg weiter. Wenn dabei ein so verdammt gutes, ach was schreibe ich, sehr gutes Album herauskommt, dann gehe ich gerne immer wieder auf ein Neues auf die Entdeckungsreise und tauche in das Album ein.