Mit ‚Strength, Power, Will, Passion’ hat wieder eins der längst verschollen geglaubten Thrash-Metal Urgesteine aus Deutschland nach dreijähriger ‚Pause’ ein neues Schmankerle vorgelegt. Die einst aus Aachen stammenden und inzwischen im Norden ansässigen Holy Moses orientieren sich dabei wieder deutlich in die Richtung ihrer eigenen Vergangenheit, klingen stärker nach Old School Thrash, ohne sich aber selber zu kopieren. Frontlady und einzig verbliebenes Mitglied der ‚ursprünglichen’ Besetzung Sabine Classen gilt in Metalkreisen als äußerst freundliche, immer gut aufgelegte und redselige Person. Ihr Mitteilungsbedürfnis hat sie u.a. mit einer bunten Historie der Band bis zum Jahr 1990 auf der eigenen Homepage Ausdruck verliehen, damit aber sicherlich nicht alle Fragen beantwortet. Und so beginnt dieses Interview da, wo die Band 2002 mit Disorder Of The Order aufhörte – nämlich mit der Frage, ob die ‚Reunion’ oder das ‚Comeback’ erfolgreich war.
„Wenn eine Band sechs Jahre Pause macht, gibt es natürlich immer wieder die Zweifler, die fragen, ob die Band noch funktioniert und sich auch wie früher anhört. Die Reaktionen waren aber sehr gut. Vor allem auch international. Und man konnte den Leuten auch anmerken, dass sie sich freuen, dass wir wieder da sind.“
Allerdings mussten sich Holy Moses mit der obligatorischen Skepsis konfrontiert sehen, dass man bei einem solchen ‚Comeback’ schlicht Geldmacherei aber nicht idealistische, ehrliche Musik vermutet.
„Die Leute habe ich natürlich ausgelacht. Denn die Leute, die im Business drinstecken, dürften wissen, dass man mit einer Musikrichtung, die – wie ich gerne sage – ohne Kompromisse ist, keine Geldmacherei betreiben kann. Hätten wir nun Popsongs geschrieben, hätte ich eine solche Kritik verstehen können. Dann hätte es aber für den Holy Moses Fan nicht gepasst.“
Dass sie einen solchen Vorwurf als frech ansieht, hat Sabina den Leuten damals auch ins Gesicht gesagt und fährt erklärend fort:
„Ich mache Holy Moses seit 1981. Mein ganzes Leben ist von Holy Moses bestimmt gewesen. Als ich 1994 die Band verlassen habe, lag dies an vielen Businessgründen. Die Richtung der Band war nicht mehr klar. Gerade durch Dan Lilker (S.O.D., Nuclear Assault) kamen sehr viel Hardcore-Einflüsse in die Band. Und auch Andy stand auf Hardcore. Und unser damaliger Schlagzeuger kam ja auch noch von den Rykers, eh eine Hardcoreband. Ich wollte aber Holy Moses machen und die Musik, die wir immer mit der Band immer gemacht haben.“
Zu der damaligen Zeit fand auch ein musikalischer Positionswechsel statt. Thrash-Metal verlor plötzlich an Gewicht, war bei den Freunden harter Musik out und wurde von Hardcore abgewechselt.
„Was ich im Metal Bereich auch sehr albern finde. Heavy Metal ist eine Lebenseinstellung. Da gibt es kein ‚in’ und ‚out’. Das wird aber vor allem von den Menschen hinter der Musik, von den Managern in Plattenfirmen anders gesehen. Die wollen verkaufen und verlangen dann, dass man sich den Trends anbiedert. Wobei ich aber jetzt nicht den ehemaligen Bandmitgliedern den Vorwurf machen will, dass sie sich angebiedert haben. Bei ihnen war es ganz einfach ihre natürliche Entwicklung. Und ich bin ein Mensch, der auch sagt, dass jeder das tun soll, wozu er Lust hat. Allerdings war es für mich dann kein Holy Moses mehr.“
Als konsequenter Mensch zog Sabina damals einen Schlussstrich unter Holy Moses und machte erst einmal – nicht zuletzt auch aus Frust – mit Temple Of The Absurd ihr eigenes Ding. Allerdings nicht ohne einen gewissen Wehmut.
„Es war natürlich ein super harter Schritt, zumal sich zu der Zeit auch sonst sehr viele Dinge verändert haben. Ich habe mich damals von Andy getrennt, bin nach Hamburg gezogen. Aber das waren Dinge, die mussten halt für das Leben sein. Ich entscheide sehr stark aus dem Bauch heraus. Und damals war mir klar, dass ich die Notbremse ziehen muss, damit ich auch weiterhin noch ehrlich lächeln kann. Aber natürlich hat der Pipi in den Augen gestanden.“
Später folgten die Krebserkrankung und der schwere Motorradunfall. Auch Schicksalsschläge, die dazu beigetragen haben, dass Sabina erkannte, dass sie einfach ‚die Sabina von Holy Moses’ ist und es das ist, was sie wirklich machen will.
„Es war für mich daher auch keine musikalische Reunion, sondern eine Reunion für mich. Holy Moses war das, was ich machen wollte. Und ich wollte mich von diesem Weg nicht erneut abbringen lassen.“
Und auch wenn man zweifelnd nachfragt, ob sie sich selber 24 Stunden am Tag als ‚Sabina von Holy Moses’ sieht, erklärt sie…
„Das Leben ist nun einmal geprägt davon. Und wenn ich mich selber als ‚Sabina von Holy Moses’ bezeichne, dann steckt dahinter eine ganz starke Identifizierung. Ich lebe mich in der Musik aus, ich packe alles von mir in diese Musik hinein. Sowohl Kreativität und Aggressivität. Daher bin ich auch ein recht glücklicher Mensch, weil ich meine Träume in der Musik auslebe.“
Natürlich wundert man sich dann schon, dass es nach dem ‚Comeback’ Disorder Of The Order ganze drei Jahre gedauert hat, bis es wieder ein musikalisches Lebenszeichen von der Band gab.
„Das lag daran, dass wir uns als Band erst einmal wieder finden mussten. Wir mussten erst einmal als Band ein Feeling entwickeln. Und ich habe in der Band auch noch einiges ändern müssen, da ich gemerkt habe, dass einige Leute nicht dahinter standen. Zum Findungsprozess gehörte dann auch das Abreißen von möglichst vielen Auftritten, zumal viele Fans gerade die alten Songs auch wieder live präsentiert bekommen wollten.“
2002 stieß dann kurz vor der Tour auch noch Ex-Erosion-Gitarrist Michael Hankel zu Holy Moses und entpuppte sich als Seelenverwandter von Ex-Holy Moses-Gitarrist und Hauptsongwriter Andy Classen.
„Michael hat sehr schnell verstanden, was ich genau will. Für mich war aber nicht die Eile da, auf Teufel komm raus neue Songs zu schreiben. Denn wir haben richtig geile alte Songs und die neuen Lieder sollten halt genau den gleichen Standard haben. Als wir letzen Sommer feststellten, dass wir genügend Material zusammen hatten und auch die Fans langsam neue Songs forderten, war das genau der Zeitpunkt, endlich ins Studio zu gehen.“
Interessant dabei ist natürlich auch, wie das Songwriting in der Band funktioniert, da Sabina selber nur dürftig Gitarre und Bass spielt.
„Ich kann mich aber ausdrücken. Es ist auch möglich, dass ich Sachen vorsingen bzw. vorbrüllen kann. Und dass ich Emotionen weitergeben kann. Und so wie damals mit Andy jemand in der Band war, der diese Emotionen verstanden hat, ist jetzt mit Michi jemand in der Band, der diese Emotionen versteht.“
Etwas überraschend war dann die Trennung von Century Media, schien das Dortmunder Label doch recht erfreut über den prominenten Zugang.
„Wir hatten einen Vertrag über die zwei Platten, die wir bei Century Media gemacht haben. Und es lag auch ein neues Angebot von ihnen vor. Allerdings habe ich in der Zwischenzeit selber angefangen für Armageddon Music zu arbeiten. Und da ich ein neues Team im Songwriting und in der Band um mich hatte, bot es sich auch an, mit Armageddon zusammenzuarbeiten, die mir die Möglichkeiten boten, mit der Band auf Tour zu gehen wann ich will, gleichzeitig aber auch noch meine Funktion als Produkt Managerin in der Firma selber zu erfüllen. Zumal ich meine eigene Band auch gerne der Firma als Produkt angeboten habe, um gemeinsam zu wachsen.“
Auch wenn Sabina die Band zu Zeit von Disorder Of The Order noch nicht als ‚gefunden’ betrachtet hat, übt sie keine Kritik an dem 2002er Release.
„Jede Platte ist für mich wie ein Tagebuch. Und wenn ich die Platte höre und die Texte lese, dann weiß ich, was sich zu der Zeit in meinem Leben ereignet hat. Und das ist sehr schön, wenn man auf diese Art für sein Leben einen Rahmen abstecken kann. Und daher steht die Platte auch für sich. Und besonders wichtig ist, dass ich damals mit Andy die Platte zusammen geschrieben habe und wir uns über diesen Prozess wieder zusammen gefunden haben. Und inzwischen wie Bruder und Schwester miteinander umgehen. Das ist ein schönes Gefühl. Strength, Power, Will, Passion ist aber für mich jetzt der Beginn einer neuen Dekade von Holy Moses.“
Die Kritiken zur neuen Platte gehen allerdings in einzelnen Punkten auseinander. Auf der einen Seite sehen viele die neue Platte als runder an, vermissen aber Stampfer, wie sie noch auf Disorder Of The Order vertreten waren. Andere Kritiker sind froh, dass solche Songs nicht den Weg auf die Scheibe gefunden haben.
„Als Musiker macht man so etwas nicht bewusst, d.h. ein Stampfer wie I Bleed entsteht ebenso wenig bewusst wie ein neuer Song wie End Of Time. Die Songs kommen aus dem Bauch raus. Schreibt man so etwas bewusst, besteht die Gefahr, dass man sich selber kopiert. Und weil die Sachen aus dem Bauch kommen, kann ich sie auch schwer miteinander vergleichen. Und ich höre mir auch nicht die alten Platten an, bevor ich eine neue Platte aufnehme.“
Ein starker Kritikpunkt an der Master-EP und an dem folgenden Longplayer war zu der Zeit der hohe Gesang. Auf der neuen Platte singt Sabine wieder tiefer. Resultat von den Kritiken?
„Das habe ich damals gar nicht so gemerkt. Es fiel mir auch erst nach den Kritiken auf. Allerdings muss man dabei bedenken, dass meine Stimme nicht geschult ist, sondern sie ist einfach so ‚da’. Micha und ich haben jetzt allerdings im Studio ein paar Tage ausgetestet, was eigentlich meine Tonlage ist. Und auf dieser Tonlage haben wir die Songs auch eingespielt. Mein Ton ist das ‚D’. (lach) Ich habe also eine D-Stimme. Und da fühle ich mich am wohlsten. Nach 25 Jahren werden wir noch musikalisch. (lach) Die Änderung hat also nichts mit den Kritiken zu tun, sondern damit, dass ich mich wohl fühle in dieser Stimmlage.“
Wenn man in der optimalen Stimmlage singt, sollte das für die Stimme doch auch schonender sein. Gerade bei einem Extremsport, wie Sabine ihn betreibt.
„Du hast natürlich in einem gewissen Rahmen Recht. Das habe ich auch auf der Tour gemerkt, wo ich zwölf Tage ohne Dayoff abends auf der Bühne stand, aber keine Ermüdungserscheinungen zu erkennen waren. Allerdings würde ich eher dahingehen zu sagen, dass ich – wenn ich mir alte Platten anhöre – das Gefühl habe, dass ich bei dem und dem Song richtig scheiße gesungen habe, z.B. bei der ‚New Machine of Lichtenstein’…“
Eine Platte die alles, wirklich alles kann. Und wo sicherlich kein falscher Ton drauf ist…
„… wo ich mich aber stellenweise unwohl gefühlt habe…“
Wobei das Unwohlsein doch wunderbar zum Konzept der Platte passt…
„… ich selber aber heute das Gefühl habe, dass das nicht so passt…“
… der Hörer aber dachte, das muss so sein…
„…na gut, es ja auch so sein musste… (lach) Im Nachhinein hat es ja auch gefallen. Als Musiker kann aber schwer erklären, warum man sich manchmal unwohl fühlt.“
Schwierigkeiten bereitet dem Hörer sicherlich aktuell vielmehr das Konzept von Strength, Power, Will, Passion. Sowohl Cover, Titel als auch Texte drücken ein spirituelles Konzept aus. Was aber steckt genau dahinter?
„Der Hörer soll es auch gar nicht verstehen, was ich damit ausdrücken will. Er soll sein eigenes Ding daraus ziehen. Für mich war diesmal einfach wichtig, eine gewisse Mystik, die in meinem Kopf stattfindet, auszudrücken. Anhand des Songs Space Clearing kann ich das einmal erläutern. Es geht sich um ‚Luft rein machen’. Du hast viel zu tun, es stapelt sich das Geschirr, du musst Wäsche waschen, hast aber keine Lust, da du noch mehr zu tun hast. Und irgendwann ist weder Anfang noch Ende zu erkennen. Und das habe ich verglichen mit dem Leben. Denn wenn man sehr viel macht, muss man aufpassen, dass man sich nicht irgendwann verrennt. Je älter man wird, umso mehr Interessen entwickelt man. Und man erfährt mehr vom Leben. Und man fragt sich, ob man noch genug Zeit hat, alles zu machen. Und um sich auf eine Sache wirklich zu konzentrieren, muss man ab und zu einmal ein ‚Space Clearing’ ähnlich dem tatsächlichen Aufräumen machen.“
Für Sabina bestand das Entdecken dieser eigenen Mystik auch darin, dass sie jetzt konsequent ihren eigen Weg geht, das macht, wonach ihr der Sinn steht und dass sie sich auch von ‚Freunden’ verabschiedet hat, die in ihrem Leben eher ein Parasitendasein fristeten.
„Es geht dabei um Leute, die gemerkt haben, dass ich unglaublich viel Power habe, und die versucht haben, sich davon zu ernähren. Blutsauger halt. Und wenn es mir nicht gut ging, waren diese Freunde dann alle weg. Und da hätte ich einmal einen Pool gebraucht, woraus ich Kraft hätte ziehen können.“
Dieses innere Konzept in offener Form ähnlich einem Roman an den Hörer zu bringen, wurde von Sabina als zu schwierig erkannt. Vor allem, da ein Roman einen Höhepunkt, ein Anfang, ein Ende und eine Auflösung benötigt.
„Mein Leben hat aber noch keine Auflösung. Denn dann wäre ich tot. Das Spannende an dieser Mystik und Spiritualität ist, dass es halt noch weiter gehen kann. Und daher sind die Texte sehr stark in Metaphern gehalten, die ich selber verstehe, wo aber der Hörer etwas anderes rausziehen kann. Jemand anders kann nun mal nicht die gleiche Mystik haben wie ich, da er nicht den gleichen Lebensablauf hatte.“
Allerdings muss man bei aller Spiritualität nicht befürchten, dass Sabina irgendwann einmal auf den wirren Pfaden von Nina Hagen wandelt.
„Ich kenne Nina Hagen ja persönlich. Und ich muss schon sagen, dass sie sehr abgefahren und auch sehr gefangen in ihrer Spiritualität ist. Ich hoffe und denke aber, dass mir so etwas nicht passiert, da ich auch sehr realistisch bin und die Dinge mit offenen Augen sehe. Ich habe in meinen Umfeld genug Leute erlebt, die sich als sehr spirituell bezeichnet haben und auch meinten, sie müssten fett spirituell Drogen nehmen und irgendwann darauf hängen geblieben sind.
Ich selber hatte in der Schule Mathematik- und Philosophieleistungskurs. Und daran erkennt man schon meine kontroverse Geschichte. (lach)“
In diesem lyrischen Konzept haben dann auch vom Kritiker als Produktionsfehler gedachte Effekte ihren Sinn. Selbst die nasalen, blechernen Backgroundvocals haben ihre Bedeutung.
„Das drückt eigentlich genau die Warnsignale aus, die man ab und an in Situation mehr im Hintergrund hört, die sich im Kopf wiederholen. Daher sind in diesem Song auch die Backgroundvocals stark in den Hintergrund verschoben worden. Die Effekte, die auf der Platte verwendet worden, haben also schon ihre Bedeutung.“
Was genau macht Sabina eigentlich bei ihrer Tätigkeit am meisten Spaß: das bloße Musizieren, das Echo der Fans und Kritiker, der Blick hinter den Vorhang des Musikbiz?
„Das ist eine schwere Frage, da ich hier nicht differenziere. Es ist eigentlich das Gesamtpaket.
Heute bin ich froh, dass ich was das Business angeht, nicht mehr so naiv bin wie noch zu Ende der 80er. Damals war es ja so, dass ich selber ins Business gegangen bin, weil ich keine Lust mehr hatte, ständig verarscht zu werden. Interessant ist es dann natürlich, dass du schnell alle Neuerungen mitbekommst, wie z.B. jetzt die ganze Downloadgeschichte. Es macht auch Spaß, mit jungen Bands zu arbeiten und Erfahrungen weiterzugeben. Auch wenn ich nie sagen würde, mach das nicht. Denn ich denke, es schadet nichts, auf die heiße Kochplatte zu kommen, um für sich etwas zu verstehen.“
Wobei Sabina auch erkannt hat, dass es heute junge Bands wesentlich schwieriger haben als Holy Moses zu Beginn der 80er.
„Es gibt fast alle Riffs schon, es gibt fast alle Musikrichtungen. Heute etwas neues zu schaffen, ist nicht einfach. Wir hatten damals die Chance, unsere eigene Musik zu kreieren. Wir wussten ja nicht einmal, dass wir Thrash Metal machen. Das wurde uns erst später gesagt.“
Als wirkliche Spitze des ganzen Musikerdaseins sieht sie aber immer noch die eigene Musik.
„Da ich dort immer noch das machen und rauslassen kann, was ich will. Ich kann in meinen Texten sowohl die negativen als auch die positiven Dinge nennen. Ich kann mich einfach austoben. Und das schönste Geschenk ist, wenn man auf der Bühne steht und die Power, die man gibt, von den Fans auch zurückbekommt.“
Angesprochen wurde schon die eigens von Sabina verfasste Band Historie auf der Seite, die sehr liebevoll und detailliert geschrieben wurde, allerdings im Moment im Jahr 1990 feststeckt. In einem breiteren Rahmen würde sich eine solche Geschichte doch auch durchaus als autobiographisches Buch eignen.
„Ich habe auch schon dran gedacht. Und inzwischen habe ich auch einen Lektor, der die Texte korrigiert. Und in den nächsten Wochen werde ich erst mal mit 1990 weitermachen, da dann ja die Zeiten kommen, wo es schwieriger wurde. Irgendwann werde ich das aber sicherlich noch einmal in die richtige Verpackung bringen mit Photos. Sollte sich zeigen, dass das Interesse ausreichend ist, könnte man dies natürlich auch über einen Verlag veröffentlichen.“
Gerade die vielen Details in den Erinnerungen machen die Historie zum Lesegenuss. Allerdings ist es auch erstaunlich, dass Sabina sich nach der langen Zeit noch an so viele Einzelheiten genau erinnert.
„Viel ist erst beim Schreiben wieder hochgekommen, wo ich mich selber gewundert habe, wo ich die Erinnerung nun wieder hoch geholt habe. Und ich bin schon gespannt, was jetzt gerade in den schwierigen Jahren hochkommt, was bisher von Verdrängungsmechanismen verdeckt wurde. Und wie auch die emotionale Reaktion ausfällt. Auch auf der Tour sind viele solche Momente gewesen, wo einem an manchem Ort Erinnerungen hochkamen. Besonders wenn man wie ich gerne mit den Fans redet.“
Der Leser selber, der die Band damals in der Zeit ‚begleitet’ hat oder der von der Band in gewissen Momenten ‚begleitet’ wurde, verspürt beim Lesen mancher Zeilen schon etwas Nostalgie und Wehmut.
„Und genau das habe ich auch beim Schreiben empfunden. Obwohl sich in der heutigen Zeit soviel gar nicht geändert hat. Wo man damals seine Kraft draus gezogen hat, da zieht man auch heute seine Kraft raus. Was anfangs negativ erschien, hat einem später halt Kraft gegeben, weil man es ja irgendwie überstanden hat. Wenn einem alles so zufließt, dann hat man nichts mehr, wofür man kämpft.“
Auffällig ist auch beim Lesen der Historie, dass Sabina die treibende Kraft hinter der Band war und man sich manchmal fragt – auch im Hinblick auf die Schicksalsschläge in den 90ern – woher sie all die Kraft genommen hat.
„ Mir ist schon immer klar gewesen, dass in mir eine ganze Menge steckt. Ich bin ja auch schon mit 14 Jahren alleine nach New York zur Fußballschule von Franz Beckenbauer und Pele geflogen. Meine Eltern haben sich auch schon immer gewundert ‚Wer hat uns die den ins Nest gelegt’ (lach).“
Wobei es aber gerade auch beim Lesen der Historie auffällig ist, dass Sabine sich selber eher als ‚jungfräulich’ und ‚schüchtern’ betrachtet, aber in dem ausschlaggebenden Momenten dann doch recht ‚tough’ aufgetreten ist.
„Ich glaube aber, dass das etwas ist, was in vielen Menschen drin steckt. Viele leben es nur nicht aus. Bei mir ist aber so ein starker Wille, dass er mich dazu getrieben hat, es dann doch zu tun. Ich war selber zwar immer zurückhaltend und ruhig, hatte aber ständig ein Ziel vor Augen, wofür ich gekämpft habe. Und das hat halt auch vielen Menschen aus meinem Bekanntenkreis gefehlt, die sich diese Kraft dann aus Drogen geholt und schließlich daran zugrunde gegangen sind.
Vielleicht ist das auch ein Weg über die Historie zu zeigen, dass in jedem so ein Feuer lodert. Und wenn man auch nicht auf jeden Menschen zugeht, dass man zumindest die Kraft hat. Man muss sich selber in den Arsch treten. Und ich habe häufig gemerkt, dass Leute, die einen auf Big Macker machen, genauso verrückt sind wie ich und aufgrund der gleichen Story an diesen Platz, wo sie jetzt stehen, gelangt sind. Jeder kocht nur mit Wasser.“
Und auch bei Sabina gab es mindestens einen ausschlaggebenden Moment, wo der Knote geplatzt ist.
„Eine Geschichte ist ganz wichtig gewesen. Das war in New York, wo ich das Interview mit Gene Simmons gemacht habe. Auf der einen Seite ich mit meinem Schulenglisch, auf der anderen Seite dieser Typ, der mit allen Wassern gewaschen ist und über viel mehr Erfahrung verfügt. Ich wäre nur halb so nervös gewesen, hätte ich das Interview auf Deutsch machen können. Ich hatte ganz einfach Angst, dass er irgendetwas erzählt, was ich nicht verstehe. Und ich hatte vorher Interviews gesehen, wo er Leute hat auflaufen lassen. Und er hat auch versucht, mich damit zu verunsichern, indem er mir erzählt, wie viele Frauen er schon hatte und was für ein toller Typ er ist. Und ich habe ihn dann einfach gefragt, wie viele Frauen er denn nun schon gefickt hat. Er soll doch mal erzählen. Und man konnte richtig merken, wie er sich erschrocken hat. Und da ist bei mir ein Knoten geplatzt. Denn ich habe gemerkt, dass man auch einen Typ wie Gene Simmons verunsichern kann. Und auf einmal lief es auch mit dem Englisch. Da sind mir Worte eingefallen, von denen ich überhaupt nicht wusste, dass ich sie wusste. Und das war so ein Schlüsselerlebnis, das mir gezeigt hat ‚Man kann es, wenn man will’. Und was auch wichtig ist: Zuhören! Auf andere Menschen reagieren.“
Auch selber kommt es vor, dass Sabina, wenn sie interviewt wird, ihre Gesprächspartner taktiert, schaut, wie vorgegangen wird.
„Manchmal halte ich es aber nicht für notwendig. Das entscheide ich aus dem Bauch heraus. Es gibt Leute, denen erzähle ich nicht alles, weil sie es mir nicht wert sind. Es kommt ja auch darauf an, ob es mir Freude macht, mit der Person zu reden. Und ob mein Gesprächspartner sich wirklich interessiert oder er halt einfach nur seinem Job nachgeht.“
Sabina erwähnte, dass sie mit 14 Jahren nach New York in die Fußballschule flog. Sieht Sabina sich als verhinderte Birgit Fischer?
„Weiß ich nicht. Sie ist halt viel besser als ich. Es hat mir damals einfach nur viel Spaß gemacht. Und ich habe wohl auch ganz gut gespielt. Damals war der Frauenfußball in Amerika auch sehr populär, in Deutschland allerdings nicht. Und ich habe auch am Anfang noch bei den Jungs mitgespielt. Ab der C-Jugend durfte ich das allerdings nicht mehr. Und der Frauenfußball rund um Aachen war wirklich schrecklich, weil ich immer von riesigen Tonnen (Sabina ist heute ausgewachsen 1,68 m groß – d. Verf.) überrollt wurde. Und auch ständig vors Schienenbein getreten wurde. Und das hat mir einfach die Lust verdorben. In einer anderen Zeit und ohne die Band wäre vielleicht etwas aus meiner Fußballkarriere geworden. Allerdings hat mich auch der Vereinsklüngel gestört. Ich spiele heute auch nicht mehr, allerdings treffe ich auch noch den Ball, wenn einer auf mich zurollt. Meine Kondition ist auch nicht mehr so toll. Auch wenn ich Ballsport allgemein mag. Ich sollte daher einfach mal wieder etwas in die Richtung machen!“
Ein anderes Zugpferd von Sabine war auch das Webmagazin Bullet TV, das im Moment aber auch Brach liegt.
„Wir haben einfach keinen Sponsor mehr gefunden. Und es war zu teuer und zu zeitintensiv. Teile des Konzepts werden aber auf einem Portal namens Hardy Metal verarbeitet. Wir hatten letztes Jahr in Wacken schon Streaming und es wird in Zukunft auch Interviews zum Download geben.“
Berühren Sabina nach all den Jahren eigentlich Kritiken zu den Platten noch? Besonders wenn es sich um Verrisse handelt?
„Das nimmt mich nicht mehr mit. Da hat nun einmal mit Geschmack zu tun. Leute allerdings, die keinen Plan haben, sollten auch keine Kritiken schreiben. Wenn ich mir so etwas angucke, wie den Metal Hammer, lach ich bloß. Das war unqualifiziert. Da stand drin, dass ich emotionslos singe, dass sich alles gleich anhört, dass die Produktion schlecht sei, einfach alles. Und da sitzen Leute, die die Platte gut fanden. Warum schreiben die dann nicht die Kritik? Da lässt man lieber jemanden ran, der keine Ahnung vom Produkt hat und sich mit der Band nicht auskennt. Und so jemand schreibt dann mit einer Allgemeingültigkeit, als wäre er der Herrscher der Welt und müsste schreiben, was mit der Platte los ist!“
In der gleichen Zeitschrift wurde Sabinas Stimme auch schon einmal mit einem ‚angeschossen Elch’ verglichen.
„Ich bin im Laufe der Zeit schon beinahe mit jedem möglichen Tier verglichen wurden… (lach)… allerdings meine männlichen Kollegen nie.“
Was sehr auffällig ist, da Frauen die anders singen beargwöhnt werden, während Männer in dem Genre brüllen, schreien, grunzen, kotzen, stampfen können wie sie wollen.
„Ich finde es lustig und wundere mich. (lach) Was wollen die überhaupt. Es ist abgefahren. Ich merke das auch bei mir, weil ich manchmal auch das Gefühl habe, dass die Leute sich das gar nicht angehört haben. Da sind schon Melodien drauf und die Stimme hört sich auch ganz anders an.“
Nach dem Release der ‚New Machine Of Lichtenstein’ haben Holy Moses in Aachen gespielt, was auch vom WDR damals im Rahmen der Scream-Radiosendung übertragen wurde. Zu der Zeit wurden in China gerade die Studentenproteste blutig niedergeschlagen, wozu Sabina sich auch während des Konzerts kritisch äußerte. Vor kurzem hat der deutsche Bundeskanzler Schröder gefordert, das Waffenembargo gegen China aufzuheben, obwohl dort die Menschenrechte immer noch mit Füßen getreten werden.
„Gerade politische Sachen sind ein schwieriges Pflaster, wenn man Musiker ist. Man ist in vielen Ländern, es fehlen einem aber wichtige Hintergrundinformationen und man weiß leider häufig zu wenig. Ich bin aber immer dagegen, wenn Menschen so behandelt und von der Politik in ihrer Meinungsfreiheit eingeschränkt werden. China als Land selber mag ich aber sehr. Vor allem wenn man noch einmal auf die spirituelle Schiene zu sprechen kommt. Und es ist daher schockierend, wenn ich so etwas wie diese Brutalität, mit der dort vorgegangen wird, sehe, da gerade in China die Menschen noch viel geschulter in spirituellen und im Umgang mit natürlichen Dingen sind. Und die Politik dort stellt einen komplett krassen Gegensatz dazu dar. Das passt nicht zu dem China, was ich so toll finde. Und man fühlt sich halt hilflos. Gerade als Band, wo man dort viele Menschen trifft und wirklich direkt vor Ort die Probleme erzählt bekommt. So war es ja auch, als wir in Ex-Jugoslawien gespielt haben. Das Einzige, was wir als Band machen können, ist die Leute für einen Moment von ihren Problemen abzulenken und ihnen etwas Freude verschaffen.“