Die Grand Dame des Thrash Metals (oder auch liebevoll die ‚Nena des Thrash’ genannt) Sabine Classen legt nach dem vor drei Jahren veröffentlichten ‚Comeback’ Disorder of the order nun einen neuen Longplayer mit dem laut tönenden Titel Strength, Power, Will, Passion nach. Erstmals ohne Einwirkung von Ex-Mitglied Andy Classen, sondern getragen von der songschreiberischen Kraft des früheren Erosion Gitarristen Michael Hankel und produziert vom Temple Of The Absurd Saitengreifer Schrödey blitzt vor allem die Erkenntnis auf, dass Holy Moses plötzlich wieder mehr nach ihren 80er Jahren Tugenden klingen als noch auf dem Vorgänger. Zwar verzichtet man diesmal auf deftige Stampfer wie die noch auf dem Vorgänger vertretenen Disorder Of The Order oder I Bleed und gibt deutlich mehr Gas, schafft es aber dabei wesentlich gezielter den metaphorischen Punkt zu treffen.
Der Opener Angel Cry und das folgende End Of Time geben dabei deutlich die Gangart vor. Symbol of Spirit ist zwar langsamer gehalten und streckt mit seinem peitschenden Rise die vor den heimischen Lautsprecherboxen Betenden nieder, zeigt aber gerade durch das streckenweise an frühe Paradise Lost erinnernde Lead eine weitere Tatsache auf: Holy Moses setzen auf dem neuen Longplayer vermehrt auf Häckchen setzende Leads, die für wieder erkennbare Harmonien im Gebretter, Gezimmer und Gemörtel sorgen. Und das tut der Platte hörbar gut. Fundamentalisten müssen da auch nörgeln, dass ihnen eine Nummer wie Space Clearing schon zu experimentell und luftig klingt, übersehen dabei aber, dass Strength, Power, Will, Passion auch solch Nummern braucht, um dem Titel vollkommen gerecht zu werden. Toleranteren Musikgenießern wird vor allem die eigene Note der Nummer gefallen, die mich etwas an die Schallplatten-Orgien von Philip Jeck erinnert oder an die Leere, wie sie Bohren & der Club of Gore in ihren Nummern schaffen.
Weitaus störender finde ich dann das klischeehafte Spiel mit der Gesamtlänge, die man durch Hidden Track Gedöns auf 66:06 Minuten drückt und somit das Pentagramm und Sabinas Hörnchen auf dem Frontcover unterstreicht. Zwar darf der ausharrende Hörer schließlich noch zusammen mit Sabina und Tom Angelripper in den Sonnenuntergang fahren, aber die eigentlich gelungene Coverversion des Henry Valentino Klassikers Im Wagen vor mir wurde u.a. von den Kassierern schon bissiger geboten.
Festhalten muss man als Fazit aber, dass die ‚66 Minuten’ neben den erwähnten Punkten auch zeigen, dass Sabina nach manch ungewöhnlichem Kreisch wieder zu alter Form und Stimmtiefe zurückgefunden hat. Aus tiefer Brust und der ihr innewohnenden Leidenschaft für diese Art von Musik legt sie vor dem Hörer einen Seelenstriptease hin, der allerdings durch seine Metaphorik nicht unbedingt wirklich nackte Tatsachen präsentiert. Ob wir Moses-Fans daran allerdings die Platte messen, glaube ich eh nicht. Befriedigung finden wir vor allem in originären Thrash-Gewittern. Und mit dem diesmal gelungenen Spagat zwischen Klassikern aus der eigenen Holy Moses-Discographie und modernen Klangzeichnungen legt man ein Werk hin, dass auch skeptische Nostalgiker glücklich stimmende dürfte. Dank je wel, Sabina!