Tagebücher gibt es mittlerweile wie Sand am Meer. Jeder Hinz und Kunz teilt der ganzen Welt das eigene, kleine und langweilige Leben mit. Vermutlich meint der ein oder andere auch noch, dass er sich und der Menschheit einen großen Dienst erweist. Das Gegenteil ist meist der Fall und eigentlich geht es nur noch darum, sich an Peinlichkeit zu überbieten. Dies ist dann meist auch schon jenseits der Wahrnehmung der jeweiligen Verfasser. Gemeint sind hier übrigens die ganzen Blogs und Tagebücher, die das Internet wie eine riesige Flutwelle überschwemmt haben. Natürlich gibt es auch sinnvolles und erhellendes zu lesen, besonders, wenn es sich um Einträge von (Lieblings-)Bands und Künstlern handelt. Eine Kunst ist es aber ein Buch mit solchen Aufzeichnungen zu füllen und zwar ohne, dass der geneigte Leser über Insiderwissen verfügt. Dies dürfte auch erklären, warum diese Buchform dann doch eher überschaubar ist. Nun erscheint mit „Die Schönheit der Chance/Tage mit Tomte auf Tour“ eines dieser seltenen Exemplar. Und ohne jetzt schon zu viel von der folgenden Besprechung vorwegzunehmen, ein äußerst gelungenes Exemplar!
Wer die letzten Jahre nicht gerade im Tiefschlaf verharrt hat, dem dürfte Tomte durchaus ein Begriff sein – sollte sogar! Gerade die beiden Alben „Hinter all diesen Fenstern“ und „Buchstaben über der Stadt“ stehen exemplarisch für hervorragenden Indiepop aus deutschen Landen. Zusammen mit Kettcar bildet die Band so was wie die Keimzelle dieser Stilrichtung. Zudem sind sie ein Paradebeispiel dafür, dass deutsche Texte durchaus intelligent sein können und jenseits jeglicher Peinlichkeit möglich sind. Endlich, möchte man rufen. Eine Gruppe, über die mehr zu erfahren also lohnt. Der Autor Hilmar Bender hat die Band in den vergangenen Jahren begleitet und die Ereignisse von den Anfänge bis zur aktuellen Tournee dokumentiert. Dies erklärt auch, warum der Veröffentlichungstermin auf den Spätsommer diesen Jahres verschoben wurde, denn aktuell ist hier wörtlich zu verstehen, das Buch schließt nämlich mit dem Konzert vom 04.06.2006 bei Rock Im Park.
Der Leser sei an dieser Stelle gewarnt. Wer hier meint die großen Skandale und Peinlichkeiten vorzufinden, der wird herbe enttäuscht werden. Dies ist nicht Mötley Crüe mit „The Dirt“. Dies ist Hilmar Bender mit seinem Tourtagebuch über Tomte. Von Sänger Thees Uhlmann freundschaftlich „Hillu, die Frau ohne Haare“ genannt, war er als allabendlicher Merchandise-Verkäufer in den vergangenen drei Jahren auf den Konzerten immer dabei. Der Mann hat also einen tiefen Einblick in das Gefüge der Band und den Touralltag bekommen. Dies merkt man den geschriebenen Worten zu jeder Zeit an, das führt sogar so weit, dass man den Eindruck gewinnt, ein Bandmitglied höchstpersönlich hat das Werk verfasst. Sehr fein!
Eine Kunst eines Schreibers ist es, wenn sich der Leser mitten in der Handlung wieder findet. Dieses kleine Kunststück ist dem Autor hier hervorragend gelungen, man wird quasi für die Augenblicke des Lesens ein Teil der Band. Mit entwaffnender Ehrlichkeit berichtet Bender hier vom Zusammenleben mit der Band. Übrigens ohne dabei auf dicke Hose oder den coolen Rocker zu machen. Unaufgeregt berichtet er von den Ereignissen ohne dabei zu langweilen. Dabei erfährt man dann z.B., dass das Proll-Niveau auf Tour niedriger ist als in einer Bundeswehrkaserne, dass Uhlmann auch schon mal mit einer Bierflasche im Hotelbett einschläft (ist das jetzt Rock and Roll?) oder das Leben auf einer Konzertreise wenig glamourös ist. Da ist nichts mit allabendlichen und wilden Aftershowpartys, nein, eine Kneipe tut es da auch. Der Tag auf einem Festivalgelände wird bis zum Auftritt auch schon mal mit allerlei sinnfreiem wie Armdrücken überbrückt. Viele haben ja auch die fälschliche Annahme, dass Künstler auf Tour leben wie die Made im Speck. Das Gegenteil ist der Fall, da müssen dann auch schon mal Essensgutscheine für ein Grillwürstchen herhalten. Überhaupt ist die Ernährung wohl alles andere, aber nicht gesund. Ebenso lässt die Hygiene zu wünschen übrig.
Daneben erfährt der Leser auch etwas zu dem Film „Keine Lieder über Liebe“ und den darin handelnden Protagonisten. Jürgen Vogel ist also ein nettes Kerlchen. Ebenso wie Mehmet Scholl. Nein, der spielt in dem Film nicht mit, kommt wohl aber zu Konzerten von Tomte, nachzulesen auf den 256 Seiten. Wer sich schon immer gefragt hat, wie so das Zusammenleben in einem Nightliner funktioniert und dies für die großartigste Tourfortbewegungsmöglichkeit hält, der sollte hier mal aufmerksam die entsprechenden Zeilen dazu lesen. Und endlich, endlich gibt es für die gesamte Männerwelt die Legitimation im Stehen zu urinieren. Das männliche Sitzpinkeln ist vom heutigen Standpunkt der Evolution folglich unnatürlich. Warum? Weshalb? Wieso? In „Die Schönheit der Chance“ gibt es die Antwort.
Dieses Buch hier ist nicht nur für Fans von Tomte wertvoll. Nein, die „Schönheit der Chance“ ist auch an alle die gerichtet, die sich schon immer für den Touralltag einer aufstrebenden und dann erfolgreichen Band interessiert haben. Und das abseits der Konzerte. In der Hauptsache befasst sich der Autor hier mit dem Leben vor und nach einem Konzert, wer eine Doktorarbeit zu den einzelnen Konzerten erwartet ist hier falsch. Aber das sollte ja jedem klar sein, dass dieses Werk hier einen anderen Ansatz verfolgt (hat). Eine hervorragende Lektüre, die mehr als ein Tourbericht ist. Es ist zudem ein aufschlussreicher Blick hinter die Kulissen des Musikgeschäfts in Deutschland. Um es mal mit dem Buchtitel und dem gleichnamigen Song zu sagen: Die Schönheit der Chance wurde hier auf ganzer Linie genutzt. Absolute Kaufempfehlung!