Inhalt: "England in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
Eine neue Gouvernante übernimmt die Betreuung der Waisen Miles und Flora auf dem einsam gelegenen, herrschaftlichen Landsitz Bly. Doch die Idylle trügt. Schreckliches hat sich hier ereignet. Der böse Einfluss der vorherigen Gouvernante und des Hausverwalters scheint fortzuwirken, obwohl beide mittlerweile verstorben sind. Die neue Gouvernante beginnt immer mehr an den Unschuldsmienen ihrer Schützlinge zu zweifeln …
Kritik: Der amerikanische Autor ‚Henry James’ dürfte hierzulande vor allem bekannt sein durch die Verfilmung seines Romans ‚Portrait Of A Lady’ mit ‚Nicole Kidman’. Der im 19. Jahrhundert geborene Autor, der vor allem sehr gebildet in Literatur, Philosophie und Psychologie war, errang vor allem Ruhm durch seine Reisen nach Europa und die daraus entstehenden Werke über den Konflikt amerikanischer und europäischer Wertesysteme. Seine bekannteste Kurzgeschichte ist allerdings eine so genannte ‚ghost story’, die zahlreichen Schriftstellern in späteren Jahren als Vorbild dienen sollte: ‚The Turn Of The Srew’. Warum man den Titel der Geschichte im Deutschen mit ‚Die Unschuldsengel’ wiedergibt, ist zumindest mir unklar. Wer aber beim Hören des vorliegenden Hörspiels an den ebenfalls mit ‚Nicole Kidman’ gedrehten Film ‚The Others’ denken muss, dürfte sicherlich etwas von jenem Einfluss spüren.
Der Titel ‚Die Unschuldsengel’ weckt dabei mannigfaltige Assoziationen und Erwartungen. Der Hörer stellt sich sicherlich schon zu Beginn eine Ambivalenz der kindlichen Protagonisten vor. Kinder, die ein unschuldiges Äußeres besitzen, hinter deren lieblicher Fassade sich allerdings ein dämonisches Treiben verbirgt. Auch der Anreißer auf der CD Rückseite wirbt dafür. Dabei leitet der Titel etwas in die Irre. Und während ich noch immer mit dem Ende der Erzählung hadere, habe ich auch das Gefühl, dass die Umsetzung seitens ‚Titania Medien’ etwas in die Irre führt oder zumindest die Deutung auf die Gruselinterpretation der Erzählung verlagert. Die Diskussionen in amerikanischen Literaturboards hingegen eröffnen eine weitere Interpretation, die sich vor allem auf die Psyche der Gouvernante und Ich-Erzählern stürzt. Der Kern dieser Interpretation führt weg von der Gruselgeschichte hin zu einem psychologischen Ansatz, der den geistigen Verfall der Gouvernante zum Thema macht und die Ereignisse, die tatsächlich nur aus ihrer Sicht beschrieben werden, zu einem Gros als Einbildung im Wahn abtun. Dabei ist es der unterdrückte Libido der streng katholisch erzogenen Gouvernante, der für zahlreichen Wahnvorstellungen verantwortlich ist – und schließlich die sexuelle Beziehung zwischen den Verstorbenen ‚Peter Quint’ und ‚Violet Jessel’ in Gestalt zweier verdorbener Geister auferstehen lässt. Im Rahmen solcher Interpretation gehen die Leser sogar so weit, den Schulverweis des Jungen ‚Miles’ aufgrund des Versuches homosexueller Annäherungen zu deuten.
All dies ist mir beim Hören allerdings nicht in den Sinn gekommen. Durch den Serientitel schlicht auf das Horrorelement verlassend habe ich die Geschichte als das gesehen, als was sie ausgeschildert wird: als Horrorgeschichte. Vor allem der Verzicht auf blutige Elemente und der Einsatz subtilen Grusels, der sich sukzessiv steigert, und in dessen Hyperbel die Akteure ihr Spiel langsam steigern, ließ dabei Gefallen einsetzen. Die langsam ins Hysterische abgleitende ‚Rita Engelmann’ als Gouvernante, ‚Lucas Mertens’ und ‚Charlotte Mertens’ (die übrigens in ‚The Others’ ebenfalls die Kinder synchronisieren) als zwielichtige Kinder, ‚Regina Lemnitz’ als dumpfe ‚Mrs. Grose’, sowie ‚Arianne Borbach’ und ‚David Nathan’ als Geister (Wahnvorstellungen?) wissen dabei ein wirklich intensives Stück aufzuführen. Das mir nun allerdings erst einmal vor allem als Fragezeichen Kummer bereitet. Nehme ich das Stück als reine Geistererzählung, missfällt mir nach all meinen Deutungen und Erwartungen während des Stücks das Ende. Denke ich darüber hinaus aber unter dem Blick des psychologischen Ansatzes, so erhält das Ende einen äußerst bitteren, stark tragischen Geschmack. Und verschiebt mit der Interpretation aufgrund des Endes auch die Wertung. Denn wäre das ‚enttäuschende’ Ende nicht, würde ich in ‚Die Unschuldsengel’ aufgrund meines persönlichen Hangs zu solchen Geistergeschichten das bisher ‚schönste’ Stück der Serie ‚Grusel Kabinett’ sehen. Das sicherlich den Sprung zur Höchstpunktzahl sucht. So halte ich mich ein wenig bei der Wertung zurück, werde das Originalscript aufsuchen und anschließend ‚Die Unschuldsengel’ mit akribischem Ohr erneut auflegen. Interessant wäre sicherlich zu erfahren, welchen Interpretationsansatz ‚Marc Gruppe’, der für das Buch verantwortlich ist, mit der Umsetzung verfolgt hat. Und was denken andere Hörer?