Inhalt: London 1865 - Daniel Douglas ist vom Wunsch besessen, einmal eine Nacht in einem Spukhaus zu verbringen. Durch einen Freund erfährt er von einem offenbar mehr als geeigneten Objekt: dem verfluchten Haus in der Oxford Street.
Seit Jahren blieb dort kein Mieter länger als ein paar Tage. Daniel Douglas beschließt dennoch, die Nacht in dem verfluchten Haus zu verbringen …
Kritik: Wenn man trotz stechender Blase nachts nichts aus dem Bett kommt, dann liegt es nicht (nur) am Herbst und der damit verbundenen nächtlichen Kälte, sondern mit größerer Wahrscheinlichkeit daran, dass vor dem Einschlafen noch Das verfluchte Haus von Edward Bulwer-Lytton die Dunkelheit noch dunkler hat erscheinen lassen. Die sechste Folge des Grusel Kabinett ist bis dahin auch die unheimlichste, die fies und perfide nach und nach für Unbehagen sorgt. Gerade Geschichten um unerklärliche, nicht fassbare Phänomene, deren Geheimnis tief in der Vergangenheit zu suchen sind, Erzählungen, die Spuk- und Kriminalelemente verknüpfen, sind – meine Ansicht nach – die wirklichen Gänsehauterzeuger. Und Das verfluchte Haus ist ein Paradebeispiel dafür.
Dabei beginnt der Besuch Daniel Douglas und seines Dieners in dem alten Haus noch recht amüsant. Vor allem die unbeeindruckte Art des Protagonisten und das steife Wesen seines anfangs noch furchtlosen Dieners dämpfen die Gruselatmosphäre. Aber spätestens wenn sich die geisterhaften Erscheinungen mehren und sich in den dunklen, kalten Räumen verschiedene Stimmen aus dem Nichts melden, zieht man die Bettdecke ein wenig höher. Die Stimmauswahl ist hier ebenso effektvoll wie die Wahl der Figuren: ein Kind, welches immer wieder um Hilfe ruft, während seine Tante es ohne Nahrung wegsperrt (das Grauen wird hier noch durch den aktuellen Bezug fett unterstrichen), eine alte, hysterische Frau, die immer wieder das Unleben der Toten beschwört und schließlich eine dominante Männerstimme, die seiner Frau Untreue vorwirft, um sie schließlich hinzurichten. Je weiter die Nacht voranschreitet, umso aktiver werden die nicht fassbaren Besucher. Verschlossene Türen öffnen sich, offene Türen werden versperrt, Gegenstände werden gestohlen, Gewalt wird ausgeübt. Und als man das Geheimnis mittels gefundener Briefe endlich lüften kann, werden auch diese von frostiger Hand entrissen.
Die Schrecken des nächtlichen Geister-Karussell vermischen sich mit orchestralen Klängen, sphärischen Stimmen, drohend, flüsternd, weinend, um Beistand flehend. Der Hörer selber kann nur erahnen, was sich wirklich in den Räumen abspielt, so dass die eigene Phantasie zum persönlichen Horror wird. Und hier liegen deutlich die Vorteile des Hörspiels – wenn es denn an einen Hörer mit guter Vorstellungskraft gerät. Allen anderen wird bei der Auflösung geholfen, welche die kryptischen Andeutungen und aus ihrem Kontext gerissenen Aussagen der Gespenster deutet. Und noch einmal den kriminalistischen Touch der Erzählung belegt.
Wirklich klassischer, tief gruseliger Spuk, den das Produzententeam Marc Gruppe und Stephan Bosenius hier zusammen mit Sprechern wie Patrick Winczewski, Claus Wilcke und Torsten Michaelis vorlegen. Und damit die letzte Folge Die Unschuldsengel sogar noch übertreffen.