Rezensionen

Grateful Dead: Wake Of The Flood / From The Mars Hotel / Blues From Allah

(21.04.2006)

Autor: schlimm / Kommentare: Bisher keine

Im Jahre 1973 gründeten Grateful Dead ihr eigenes Label ‘Grateful Dead Records‘. Zusätzlich wurde mit Round Records noch gleich eine Heimat für die zahlreichen Soloprojekte der Band geschaffen. Nach der Vertragsbeendigung mit Warner Brothers hatten die „Dead“ also endlich volle (kreative) Freiheit. Aus dieser Zeit kommen nun die ersten drei Grateful Dead Alben wieder auf den Markt. Jeder Fan und Sammler dürfte sich an der klangtechnischen Überarbeitung erfreuen, für zusätzlich Freudensprünge wird das umfangreiche Bonusmaterial sorgen.

Wake Of The Flood markierte seinerzeit die erste Veröffentlichung auf dem eigenen Label. Keith und Donna Godchaux gaben mit diesem Album auch gleichzeitig ihren Studioeinstand. Dieses Album kann durchaus als Eckpfeiler der Bandgeschichte gesehen werden. Es gibt ja nicht wenige Puristen, die immer und immer wieder behaupten, dass die Band im Studio nicht besonders gut war. „Wake Of The Flood“ straft genau diese Kritiker immer wider Lügen. Das gesamte Werk ist ein Klassiker und bildete immer das Gerüst der Live-Auftritte und das über die gesamte Karriere. Ist ja auch kein Wunder, denn wer die Improvisationsfreudigkeit der Band schätzt und liebt, der wird hier einen wahren Fundus davon vorfinden. Erstmals experimentierte die Band hier auch eindeutig mit eher jazzorientierten Klängen und Strukturen. Die klanglich aufpolierte CD kommt zusätzlich mit drei Bonus-Tracks daher. „Eyes Of The World“ gibt es zu der Studio-Version auch in einer sensationellen Live-Fassung, mitgeschnitten bei einem Konzert in Uniondale, einige Wochen nach Beendigung der Arbeiten an der Platte. Dazu gesellt sich eine Solo-Version von „Weather Report Suite“, gespielt von Bob Weir, die mir persönlich noch besser gefällt, als die „normale“ Album-Version. Ebenfalls findet man hier noch eine sehr dunkle Frühversion von „China Doll“. Dieses Werk sollte eigentlich in keiner gut sortierten Musiksammlung fehlen und wer die Grateful Dead kennen lernen möchte, der sollte hier zugreifen.

From The Mars Hotel folgte als zweites Album auf dem eigenen Label und war alles andere, aber nur keine Fortführung von „Wake Of The Flood“. Das gesamte Album ist ungleich zugänglicher. Nicht wenige sprechen bei diesem Werk von zu eiliger Fertigstellung. Hartnäckig hielt und hält sich das Gerücht, dass es für dieses Album nur einen einzigen Grund gab: Die Band brauchte dringend Geld. Der große Tross, mit dem sich die Band auf Tour befand verschlang Unmengen an Geldern und dann wirtschafteten wohl die eigenen Angestellten in die eigene Tasche, kurzum, die Band brauchte einen Hit oder noch besser, ein Hitalbum. „From The Mars Hotel“ wird bei Fans wie Kritikern gleichermaßen zu großen Teilen gehasst. Ich frage mich warum? Ganz ehrlich, so schlecht ist die Platte nicht und wieso durfte eine Band wie Grateful Dead nicht auch mal ein eher konventionelles Album aufnehmen? An einem erdigen Rocker wie „U.S. Blues“ im Stile der Allman Brothers gibt es rein gar nix zu meckern. Das ruhige „China Girl“ ist einfach ein wunderschöner und feinfühliger Track. Auch „Unbroken Chain“ ist positiv auf der Habenseite zu verbuchen, auch wenn manche Klangideen zuweilen nerven (können). „Loose Lucy“ ist ein erdiger Rocker, der einfach Spaß macht, Leute setzt die Cowboy-Hüte auf. Über „Scarlet Begonais“ kann man natürlich den Kopf schütteln, aber sind wir mal ehrlich, das Karibik-Flair, welches die Band bei diesem Kinderreim verbreitet, hat einfach was. Gut „Pride Of Cucamonga“ ist jetzt nicht so der Bringer und beim folgenden „Money Money“ wird es sogar leicht peinlich. „Ship Of Fools“ bildet dann mit seinen Gospel-Einflüssen einen versöhnlichen Album-Abschluss. Na da wollen wir mal kurz durchrechnen, da sind doch sechs gelungen Songs dabei, so schlecht kann das Album also doch nicht sein, es ist halt anders und dürfte eher die Americana-Fraktion ansprechen, aber so schlecht, wie die Platte manchmal gemacht wird, ist sie auf gar keinen Fall. Zusätzlich wurde beim Bonus-Material auch nicht gekleckert, sondern mit direkt sieben Songs (vier Live, drei Studio) geklotzt. Ich mag dieses Album und mit diesem Zusatzmaterial noch mehr! Einen Kritikpunkt habe ich aber, das ist ja mit Abstand eines der hässlichsten Albumcover – bäh.

Blues From Allah, das dritte Album auf dem eigenen Label, ist wieder komplett anders und verfolgte erneut einen ganz anderen Ansatz, was wiederum für die Wandlungsfähigkeit der Band spricht. Frei von jedem Druck und Vorgabe traf sich die Band jeden Tag in Bob Weirs Home-Studio und jammte dort ausgiebig, ohne dass es schon ein Konzept, geschweige denn Songmaterial gab. Es sollte hier lediglich der Spaß und die Kreativität im Vordergrund stehen und das hört man auch heute, drei Jahrzehnte später, noch. Der Jazz-Ansatz wurde weiter verfolgt und ausgebaut. Die Band muss damals schon ganz genau bei Miles Davis hingehört haben, hört man ganz deutlich bei den vertrackten Zwischenspielen wie z.B. „Slipknot“. Vielleicht ist „Blues From Allah“ das Werk mit den größten Ambitionen, auf jeden Fall präsentiert sich hier eine deutlich entspannte und gereifte Band. Die Texte sind zum Teil abstrakt und kryptisch, bilden aber immer eine klar erkennbare politische Aussage und wurde zum politischen Gebet für den nahen Osten, was die Platte heute wieder aktueller denn je erscheinen lässt. Als Bonus-Paket wurden sechs Songs hinzugefügt, die einen Einblick in den Entstehungsprozess von „Blues From Allah“ gewähren.

Tja, nun hat der geneigte Käufer natürlich die Qual der Wahl, welche der drei Silberlinge soll man sich zulegen? Am besten wirklich alle drei, denn die zeigen auf eindrucksvolle Weise die Entwicklung einer Band und welches Facettenreichtum bei den Improvisationskönigen immer vorhanden war. Übrigens kann sich die Aufmachung der Scheiben im Digi-Pack sehen lassen, wiederum eine sehr liebevolle Arbeit.

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