Heinrich Heine? Lyrik? Jazz? Nun wir sind ein ungewöhnliches Musikmagazin und haben auch keine Berührungsängste vor ungewöhnlichen und außergewöhnlichen Themen, die vielleicht auch etwas abseits der allgemeinen Hörgewohnheiten sind. So widmen sich die nachfolgenden Zeilen für ein Rockmagazin in weiterem Sinne ungewohnten Thema. Dies ließe sich auch auf die heutige Zeit übertragen, Lyrik und Jazz bestimmen ja nicht gerade den Alltag der Medien. Dennoch handelt es sich hier um keine innovative Idee der heutigen Zeit oder eines findigen Managers, nein, die hier vorliegende Produktion hat schon einige Jahre auf dem Buckel. Lyrik und Jazz hat seit den frühen 60er Jahren Tradition, in Konzerten und auch auf Schallplatte. Bei Philips erschien in den 60er Jahren eine kleine Reihe von Jazz und Lyrik-Platten auf dem Label Philips twen, an denen Joachim Ernst Berendt als Produzent und Gert Westphal als Sprecher mitwirkten.
Wir haben das Heinrich Heine Jahr und was würde da besser passen, als eine Neuauflage des legendären Albums? Eben! Die CD-Veröffentlichung ist eine 1:1 Wiederveröffentlichung der Erstausgabe der Schallplatte, mit dem Cover und Rückentext der damaligen LP. Ergänzt wir der Booklettext von Götz Alsmann. Musikalisch wurde die ganze Geschichte hier vom Attila-Zoller-Jazz-Quartett umgesetzt. Viele Tracks wurden nicht mehr überarbeitet und nur ein einziges Mal eingespielt. Der Sprecher und die Musiker waren im Studio nur durch eine Glasscheibe getrennt.
Musikalisch wird hier die ganze (Jazz-)Bandbreite aufgefahren. Mal laut, dann wieder leise, tonloses Flüstern nur von einer Flöte begleitet, swingend und beseelt oder doch im abgefahrenen Jazzgewand, die Spannbreite hier ist weit gefächert. Ein wahrer Fundus dürfte diese CD für Freunde des Jazz sein. Wer dazu noch Heine schätzt oder gar liebt und verehrt, der wird diese CD lieben. Alle anderen brauchen sicher etwas länger um einen Zugang zu diesem Werk zu bekommen, sofern überhaupt ein Zugang gelingt. Viele sind der Meinung, dass hier Sprache und Musik wie aus einem Guss wirken. Bei mir stellt sich dieses Gefühl nicht unbedingt immer ein. Erst bei Track drei habe ich das Gefühl, dass hier die Musik und der Vortrag von Westphal eine Einheit bilden, die auch zusammenpassen. Zu meiner Überraschung fügen sich aber ab dann die Einzelteilchen zu einer Gesamtheit zusammen. Die Lyrik von Heine ist hier sowieso über jeden Zweifel erhaben. Interessant wird es dann, wenn die musikalische Umsetzung fast den Geist eines Miles Davis oder John Coltrane heraufbeschwört. Viel Aufmerksamkeit ist hier gefragt. Ein Attribut, welches auf die heutige Wegwerf und/oder Gebrauchsmentalität der Gesellschaft nicht unbedingt zutrifft. Nebenbeihören ist hier sicherlich nicht. Die Texte erfordern die volle Aufmerksamkeit des Zuhörers, nur dann erschließt sich das Werk und nur dafür kann es gedacht sein, Heine ist ja schließlich keine belanglose Lyrik. Wenn man sich aber dann erstmal darauf eingelassen hat, dann gibt es viel zu entdecken, manches zu hinterfragen, auf jeden Fall regt es die grauen Zellen an und man wird von der Musik wie von der Lyrik gleichermaßen gefordert.
Wer die LP schon immer sein eigen nennt, der muss sich „Heinrich Heine Lyrik und Jazz“ sowieso auch in digitaler Form zulegen. Wer ein offenes Ohr für Jazz hat, der sollte hier ebenfalls reinhören. Und wer Heinrich Heine und Jazz mag, der muss hier zugreifen und dem kann dieses Werk hier unbesehen ans Herz gelegt werden.