Inhalt: Der fest auf dem Boden der Tatsachen stehende Ich-Erzähler der Geschichte bezieht als Urlaubsdomizil ein altes Haus, das den Einheimischen als Spukhaus gilt. Er ist ein Rationalist, der nichts vom Geisteraberglauben der Dorfbevölkerung hält - obwohl auch er tief im Herzen eine geheime Furcht vor jener ‘anderen Welt’ trägt. Weniger geheim tragen seine Dienstboten diese Furcht zur Schau und suchen das Weite, als es im Haus nächtelang knarrt, klingelt und spukt. Kurz entschlossen lädt der Hausherr deshalb ein paar Freunde ein - allesamt Menschen mit kühlen Köpfen, die dem Spuk ein Ende bereiten, indem sie quietschende Wetterhähne und gluckernde Wasserrohre reparieren. Oder ist der Spuk vielleicht doch noch nicht zu Ende? Denn auf einmal erscheint dem Hausherrn der Geist des jungen Master B., der ihn in eine wundersame, ferne Welt entführt.
Kritik: Einer der unheimlichsten Filme, an den ich mich erinnern kann, ist der von John Huston gedrehte Freud, ein Schwarz-Weiß-Film über das Leben Sigmund Freuds mit Montgomery Clift in der Hauptrolle, der häufig die in Traumbildern gefangenen Patienten von ihren Psychosen zu befreien versuchte. Ähnlich wie in manchen Hitchcock Filmen lebt der Grusel in diesem Streifen von der eigenen drohenden Psyche. Dennoch würde man keinen dieser Filme als Spuk-, Horror- oder Gruselfilm klassifizieren.
Ähnlich verhält es sich mit der Erzählung Das Spukhaus von Charles Dickens. Der Titel führt den Rezipienten in die Irre. Und der Beginn der Geschichte, die Schilderung einer Bahnfahrt, wo ein Geisterseher angeblich im Zug dem Protagonisten Weisheiten anwesender Geister (u.a. Sokrates und Pythagoras) schildert, lenkt die Aufmerksamkeit ebenfalls auf das Übersinnliche. Erst einmal eingezogen in das unheimliche, abseits von den anderen Häusern stehende Haus, zeigt sich schnell, dass an den Geschichten über Geister und unheimliche Besucher nichts wahres dran ist, aber die Psyche den Anwesenden einen Streich spielt. Nach und nach fallen der Illusion die Bediensteten zum Opfer, bis der Hausherr schließlich mit befreundeten, durch Jahre vertraute Personen eine harmonische Wohngemeinschaft aufbaut.
Wo normalerweise an dieser Stelle das Grauen endgültig und unbarmherzig zuschlagen würde, bekommt die dicken’sche Erzählung eine kuriose Wendung, die ein wenig an die phantastischen Erzählungen Lovecrafts erinnert. Der Protagonist erhält Besuch von einem jungen Geist namens Master B., den er ebenso wie andere Gespenster rasiert und mit dessen Skelett er sich nachts zur Ruhe begibt. Während der Nacht nimmt Master B. ihn mit auf die Reise in phantastische Szenarien. Doch was sich anfangs noch als Phantastik präsentiert, deutet sich zum Schluss als Kniff der Psyche.
Ein besonderes Lob muss an dieser Stelle an Daniela Wakonigg gehe, die bei diesem Hörbuch Regie geführt hat. Es ist zum einen die musikalische Untermalung, die den Schauer des Zwielicht, die Erfahrung des Unheimlichen adäquat wiedergibt. Bezeichnend sind hier die Begegnungen, die der Erzähler alleine in seinem Zimmer hat. Wobei die Musik nicht nur das Sphärenhafte unterstreicht, sondern auch die anfänglich Komik der empfindsamen Dienstkräfte betont.
Zum anderen aber sind es gerade zum Schluss hin die dezent eingesetzten Hintergrundgeräusche, die die traumhaften Erlebnisse des Erzählers als Produkte der eigenen Phantasie entlarven. Man achte an dieser Stelle auf die Stimmen der so genannten Haremsdamen!
Matthias Haase als Erzähler liefert ebenfalls eine sehr ansprechende Leistung. Gerade die Tragik der von ihm dargestellten Person findet in seinem Spiel ebenso treffende Darstellung wie die anfängliche Belustigung über die kuriosen Ereignisse im alten Haus.
Das Spukhaus ist zwar kein Klassiker wie Dickens Weihnachtsmärchen oder Oliver Twist, besitzt aber die Elemente, die auch die anderen Geschichten so unverkennbar gemacht haben. Empfehlenswert!