Wenn Legenden ein neues Album veröffentlichen ist dies sicherlich mit großer Freude und einer gewissen Erwartungshaltung verbunden. Auf der anderen Seite ängstigt der Gedanke, dass der Künstler vielleicht auch mal den berühmten Griff daneben getan haben könnte. Bob Dylan ist wohl ohne Zweifel eine lebende Legende. Unzählige Alben und Songs hat der Mann schon veröffentlicht. Viele musikalische Großtaten gehen auf das Konto des großen Songschreibers, aber verschweigen wollen wir auch nicht, dass es tatsächlich auch die ein oder andere Missetat von ihm gab. Mit seinen letzten beiden Alben „Time Out Of Mind" und „Love And Theft“ hat er Fans wie auch die gesamte Journaille zu Jubelstürmen veranlasst. Mit geballter Spannung wartet nun die Musikwelt auf das erste Studioalbum seit fünf Jahren.
„Modern Times“ heißt der neuste Streich von Bob Dylan. Zehn Songs verteilt auf fast 63 Minuten Spielzeit zeugen davon, dass der Mann in seinen Liedern eine Menge zu erzählen hat, logisch, denn hier werden ja auch Geschichten vertont, die sich garantiert nicht für 2 Minuten Punk-Kracher eignen. Aufgenommen wurden die Songs im vergangenen Winter in einem alten, zum Studio umgebauten Theatergebäude in New York. Der Meister selber steuert hier Mundharmonika, Gitarre, Keyboard und eigentlich überflüssig zu erwähnen, den Gesang bei. Die restlichen Instrumente werden von seiner Tourband bedient. Die nackten Fakten lassen erstmal keine weiteren Rückschlüsse auf die Qualität von „Modern Times“ zu.
Schon die ersten Klänge von „Thunder On The Mountain“ lassen erahnen, was da in der nächsten Stunde auf uns zukommt. Es rockt und es swingt, Dylan in Hochform. Irgendwie habe ich den Eindruck, dass der gute Bob hier sein ganz eigenes „Johnny B. Good“ geschrieben hat. Komplett entspannt geht es dann mit dem wunderschönen „Spirit On The Water“ weiter. Hier greift ein Rädchen in das andere. Dezentes, klassisches Bass- und Drumspiel, getragen vom Piano und den Gitarren. Über allem schwebt die Stimme von Dylan "I won’t be with you in paradise / And it seems so unfair / I can’t go to paradise no more / I killed a man back there“ um dann zum Ende den Track noch mit der Mundharmonika zu veredeln. „Rollin´ And Tumblin´“ ist eine tiefe Verbeugung vor Muddy Waters. Die Slide-Guitar jault hier, dass es eine wahre Freude ist. Mit „When The Deal Goes Down“ hat Dylan seine ganz eigene Version von einem Schiebeblues geschrieben, inklusive passendem und kurzem Gitarrensolo. Bei „Someday Baby“ rockt, swingt und bluest sich die Band durch den nächsten Höhepunkt der Platte.
"Workingman’s Blues # 2" läutet mit einem wunderschönen Pianothema die zweite Hälfte der Platte ein. Dezentes Streicherspiel verleiht dem Song zusätzlich eine fast feierliche Atmosphäre. „Beyond The Horizon“ ist ganz nett, aber bei der bisherigen Ansammlung an starken Tracks und Ideen fällt er ein bisschen ab. Guter Standard. „Nettie Moore“ wird getragen von Dylans sonorem und dunklem Organ und überzeugt mit auf den Punkt gebrachter Instrumentierung. Bei „The Levee´s Gonna Break“ fleht Dylan um die Rückkehr der Geliebten und lässt die sprichwörtlichen Hosen runter und verspricht der Dame allerhand. Die Band rockt sich auf traditioneller Art und Weise den sprichwörtlichen Popo ab. Man hört regelrecht, dass die Jungs eine Menge Spaß im Studio gehabt haben müssen. Danach wird es mit „Ain´t Talkin´“ tieftraurig, eine achtminütige Ballade, die sicher zum Besten gehört, was Dylan seit langem gemacht hat.
„Modern Times“ klingt etwas wie die Symbiose des düsteren „Time out of Mind“ und des eher traditionellen „Love And Theft“. Sicher ist damit die Trilogie abgeschlossen. Für mich ist das neuste Werk auch gleichzeitig das beste daraus. Ganz starke Leistung, auch gerade gesanglich. Kaum zu glauben bei Dylan? Doch, was der Mann hier mit seiner Stimme abliefert ist ganz großes Tennis. Natürlich ist hier eher alles traditionell und sicher wird das Rad nicht neu erfunden. Trotz allem klingt die Scheibe unheimlich frisch. Jack Frost hat hier auch einen sehr guten Job als Produzent erledigt. Kurzum bei „Modern Times“ passt alles, Dylan hat auch im Herbst seines Lebens noch eine Menge zu sagen, sowohl musikalisch wie auch durch seine Texte! Meine Erwartungshaltungen wurden hier im Übrigen bei weitem überflügelt.