Ben Harper ist wohl einer der wenigen Musiker im Rockzirkus, der durch seine ungeheure Vielseitigkeit aus der breiten Masse herausragt. Der Mann pflügt immer quer durch den Gemüsegarten der verschiedenen Stile: Rock, mit viel Roll, Blues, Country, Jazz, Gospel, Reggae, Singer/Songwriter sind nur einige Genre, die er immer wieder beackert. Und wer jetzt denkt, dass diese ganze Mixtur zu einem Brei verarbeitet wird oder unausgegoren sei, der irrt ganz gewaltig. Der Ansatz des Mannes war immer freigeistig und offen zu sein. Seine Platten waren immer anspruchsvoll und eine wahre Wohltat und stachen aus dem Einheitsbrei des Musikgeschehens heraus.
Mit „Both Sides Of The Gun“ verfolgt der gute Ben nun erstmalig einen etwas anderen Ansatz und hat hier seine ruhige und seine laute Seite strickt getrennt. Die eine Hälfte der Songs ist spontan, roh, hart und offen, die andere Hälfte ist sehr zurückgenommen, introspektiv und persönlich. Harper selber versteht die Platte nicht als konventionelles Doppelalbum, sondern vielmehr als eine Platte, die zwei grundverschiedene Seiten beinhaltet.
Das Konzept geht hier voll auf und das ist vielleicht der beste Harper, den wir je gehört haben. Der Mann ist auch hier wieder sehr unbequem, nicht nur musikalisch, nein auch lyrisch. CD1 überzeugt durch extrem rauen und ungeschliffenen Gitarrenrock, der irgendwo in den 70ern angesiedelt ist. Hier hört man deutlich Anleihen und Referenzen an Hendrix, Stones, Led Zep oder auch Sly & The Family Stone. Auch wenn er sich hier eher auf alte Helden beruft, klingt die ganze Geschichte extrem homogen und kein bisschen altbacken. In seinen Texten ist er offen wie eh und je und rechnet hier mit den Medien, Waffennarren und den ganzen religiösen Fanatikern ab. Er selbst sagt, dass dies eine anklagende Platte wäre. Anklagend ist das Werk ganz bestimmt, aber ohne in die Peinlichkeit abzudriften. Musikalisch eingerahmt wird es, wie bei „Get It Like You Like It“, in schönster Stones-Rockmanier, oder kommt wie bei „Serve Your Soul“ als Groover um die Ecke. Aber nicht nur der „laute Harper“ weiß hier zu überzeugen, nein, auch der sanfte Leisetreter, den er uns auf CD2 gibt ist aller Ehren wert. Zur akustischen Gitarre, unterstütz durch sanfte Piano und Streicherklänge erzählt er uns seine Geschichten des Herzens. Geschichten die berühren und meilenweit von irgendwelchem Kitsch entfernt sind. Genauso soll es sein!
Mit „Both Sides Of The Gun“ liefert Ben Harper sein Meisterstück ab. Egal welche Richtung er hier einschlägt, welche Wendung seine Musik auch nimmt, man steht staunend daneben und ist hoch erfreut, dass es auch heute noch Künstler gibt, die sich in kein Korsett pressen lassen und ihr ganz eigenes Ding durchziehen. Liebe Leser, ich bin begeistert von dieser Platte und sie werden es auch sein – versprochen!