Rezensionen

Belle & Sebastian: The Life Pursuit By TIPP

(Rough Trade)

Autor: schlimm / Wertung: 11.5 von 12 Punkten / Kommentare: Bisher keine

Bild von Belle & Sebastian - The Life Pursuit ByBelle & Sebastian werden von Kritikern und von den Fans gleichermaßen verehrt und geliebt. Eine Band, die immer irgendwie anders war als der große Rest, der in den 90ern gemeinhin als Brit-Pop bezeichnet wurde. Angefangen von der Verweigerungshaltung gegenüber den Medien (Interviews gab es so gut wie keine, als Promo-Bilder mussten irgendwelche schnellen Schnappschüsse herhalten, auf denen die Band meist unkenntlich war), über die CD-Cover, auf denen meist Freunde der Band abgebildet waren, aber nie die Musiker selber, bis hin zur Musik, die nämlich alles andere als in die übliche Schublade des Brit-Pop passte. Die Glasgower Band verstand sich vielmehr als Fort- und Weiterführung der 80er Jahre und so verwundert es auch nicht, dass Stuart Murdoch seine eigene Band dann auch folgerichtig selber so einschätzt: „Die Idee hinter der Gruppe war für mich, dass wir die letzte Eighties-Band sein sollten. Eine typische Mid-Eigthies-Band, Mitte der 90er. Der Versuch, eine eigene Welt zu erschaffen, die Poesie an die erste Stelle zu setzen.“ Für eben diese Poesie und auch Drollig- und Putzigkeit werden Belle & Sebastian geliebt und zum Teil schon regelrecht auf einen Thron gehoben. Aber sind wir mal ehrlich, es war auch nicht immer alles Gold was die Band so gemacht hat. „Fold Your Hands Child, You Walk Like Peasant“ aus dem Jahre 2000 war zwar immer noch ein gutes Album, hatte aber auch einige Schwächen und über den Soundtrack „Storytelling“ hüllen wir lieber den Mantel des Schweigens.

Mit „The Life Pursuit By“ liegt nun mittlerweile das 7. Studioalbum des Klangkollektivs aus Glasgow vor. Aufgenommen wurde das neue Werk übrigens erstmalig in Los Angeles und wurde von Tony Hoffer (u.a. Beck, Turin Brakes, Air, Mercury Rev) produziert. Der Blick auf das Cover lässt erstmal vermuten, dass im Hause Belle & Sebastian alles beim Alten geblieben ist. Mit auf dem Cover des neuen Albums ist diesmal die ‚Catastrophe Waitress’ Gewinnerin Alexandra Klobuk aus Berlin. Die Musiker bleiben sich und ihrer Tradition also treu. Trotzdem ist diesmal alles anders. Was die Band hier klanglich zaubert, hätte in dieser Art und Weise sicher keiner erwartet. Der Einstieg mit „Act of the Apostle“ kann schon fast als Standard-Repertoire bezeichnet werden – sehr schöner Albumopener auf gewohnt hohem Belle & Sebastian Niveau. Weiter geht es dann mit einem dieser wunderschönen Pop-Songs, wie es wohl nur die Glasgower so lässig aus dem Ärmel zaubern können. Auch „Another Sunny Day“ kann auf ganzer Linie überzeugen. Der Hörer will es sich nun gerade gemütlich machen und stellt sich auf ein weiteres großes Album einer Band ein, welches sich nur in Nuancen vom bisherigen Schaffen unterscheidet. Tja, zu gemütlich sollte man es sich aber nicht machen, denn der dritte Track „White Collar Boy“ ist astreiner Glamrock! Ja richtig gelesen, jetzt werden nicht mehr die 80er bedient, sondern hier gibt es eine tiefe Verbeugung für das Jahrzehnt davor und das in einer Art und Weise, vor der ich meinen imaginären Hut ziehe. Mit „The Blues Are Still Blue“ geht es in diesem Stil weiter, aber jetzt kommen auch noch Elemente des Funk dazu – groß, ganz groß! Bei „Dress Up In You“ scheinen wieder die „alten“ Belle & Sebastian durch., nur um den Hörer mit „Sukie In The Graveyard“ erneut zu überraschen. Diesmal biegt die Band mit einer astreinen 60iger Jahre Reminiszenz um die Ecke, mit einem unwiderstehlichen Groove – ganz großes Kino.

Die zweite Albumhälfte wird von dem schmissigen „We Are The Sleepyheads“ eingeläutet. Mit „Song For Sunshine“ schüttelt die Band wieder einen sehr lässigen Funktrack aus dem Ärmel, der einem unweigerlich die Sonne ins Haus holt, auch wenn es draußen Minusgrade hat. Bläsereinsatz gibt es dann bei „Funny Little Frog“ was die Vielfältigkeit, die diesmal an den Tag gelegt wird, erneut unterstreicht und dem Klangspektrum eine weitere Facette hinzufügt. „To Be Myself Completely“ wartet mit einer dieser wunderschönen Popmelodien auf, die einem den ganzen Tag im Kopf umherschwirrt. Danach biegt die Band mit einer weiteren Überraschung um die Ecke, denn „Act of the Apostle II“ überzeugt mit seinen jazzigen Elementen auf ganzer Linie! Weiter geht es im bunten Gemischtwarenladen dann mit einem weiteren 60iger Pop-Song – „For the Price of a Cup of Tea“. Den richtigen Albumausklang bildet dann das countryeske „Mornington Crescent“, mit einem Gitarrensolo zum träumen.

„The Life Pursuit By“ ist sicher nicht unbedingt die Platte, die man von Belle & Sebastian erwartet hat oder erwarten konnte – und das ist verdammt gut so! Das vorliegende Werk ist sicher das vielfältigste Album der Band aus Glasgow. Der eigene Bandkosmos wurde um viele neue Elemente und Reminiszenz erweitert und das tut dem Gesamtsound hörbar gut. Viele werden sicher etwas ratlos sein, weil hier eben keine Erwartungshaltungen erfüllt wurden, ich für meinen Teil kann festhalten, dass Belle & Sebastian nie besser waren als heute und mit „The Life Pursuit By“ haben sie ihrem Gesamtwerk mindestens ein weiteres Meisterwerk hinzugefügt!

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