Wenn es so was wie einen Indie-Papst gibt, dann dürfte der Name Beck sicher auch immer mit in der Lostrommel sein. Was hat der Mann der Musikwelt nicht schon alles um die Ohren gehauen?! Mal wird er als „ein zutiefst natürlicher Songwriter“ (The New Yorker) betitelt oder auch als „der berühmteste Absurd-Künstler der Generation X“ (Blender). Die Wahrheit dürfte hier irgendwo in der Mitte liegen. Fakt ist, dass sich Herr Hansen in kein Korsett pressen lässt und musikalisch völlig autonom handelt. Folk, Blues, Funk, Metal, Hip Hop - alles ist für den dreifachen Grammy Gewinner möglich. Einmal durch den Fleischwolf drehen und fertig ist das Beck-Gericht. Wenn einer zurecht die Bezeichnung Künstler verdient, dann ist es dieses Multitalent.
„The Information“ ist zwar das neue Album, aber die Arbeiten an dem Silberling wurden schon lange vor der Fertigstellung von „Guero“ aufgenommen. Insgesamt hat er sich drei Jahre Zeit dafür gelassen oder Zeit dafür genommen – kommt halt auf den Blickwinkel an. Das Konzept von dieser Langrille ist sicher das ungewöhnlichste von Beck und dürfte bisher auch einmalig für die gesamte Musikwelt sein. Nur auf die Musik kann man das Werk hier nicht reduzieren. Nein, nur in seiner Gesamtheit aus den drei Teilen Artwork, CD und DVD ergibt sich ein schlüssiges Bild.
Artwork? Gibt es in der uns bekannten herkömmlichen Form nicht. Man kriegt hier ein Blättchen mit Rechenkästchen geliefert. Hat was von Schule und in der Tat, kann man sich hier an die Arbeit machen. Es liegen nämlich Sticker der CD bei, die von amerikanischen und europäischen Designern entworfen wurden, ausgewählt vom Meister höchstpersönlich. Auf diese Weise kann sich ein jeder selbst sein individuelles CD-Cover gestalten. Mit anderen Worten, das Artwork ist mit unendlichen Möglichkeiten ausgestattet. So kann der Fan indirekt gestalterisch an „The Information“ mitarbeiten und hat letztlich ein individuelles Cover, ein Unikat. Da hat sich ja wirklich einer Gedanken gemacht, auch wenn diese Idee auf den ersten Blick verrückt erscheint, so ist sie doch ein sehr geschickter Schachzug und genial. In Zeiten von illegalen Downloads und Tauschbörsen muss man die Leute irgendwie ja hinter dem Ofen hervorlocken und mit diesem einfachen, aber dennoch sehr interessanten Konzept ist dies hier eindrucksvoll gelungen.
Die eigentliche CD besteht aus 15 Songs. Wieder lässt Beck den Hörer an seinen wahnwitzigen Vorstellungen von Musik teilhaben. Du liebe Güte, hier passiert so viel, dass man erstmal total überfordert ist. Ich muss gestehen, dass ich bei den ersten Durchläufen noch etwas enttäuscht war. Man muss dem Album Zeit geben oder besser gesagt, man muss sich jede Menge Zeit dafür nehmen und eintauchen in diese Welt. Die Belohnung fällt dann recht reichhaltig aus. Es ist schon der Hammer, was hier wieder alles verwurstelt wird. Dominiert wird „The Information“ mehr von elektronischen und Hip Hop Einflüssen, denn von Folk-Elementen. Dürfte schon beim Albumeinstieg „Elevator Music“ mit seinem Sprechgesang klar werden oder auch bei „Cellphone´s Dead“. Klassische Elemente der Rockmusik fehlen natürlich auch nicht „Strange Apparition“ hat schon fast was von einem Stones Song. Einen Hit für die Tanzböden der Indie-Discotheken dieser Welt dürfte mit „Nausea“ auch dabei sein. Groß! Ach was schreibe ich, GANZ GROß! Orientalische Klänge gewünscht? Bitte hier sind sie zu Beginn von „New Round“. Dazu gesellt sich dann noch das ein oder andere scratching und der schluffige Gesangsstil und fertig ist das Meisterwerk!
Als drittes Element für das Gesamtkonzept liegt noch eine DVD bei. Auf der DVD befindet sich aber nicht irgendwelcher sinnentleerter Inhalt (wie so oft bei solchen Beigaben), nein auch hier gibt es die Vollbedienung. Hier ist zu jedem der 15 Songs ein selbst gedrehtes Video zu finden! Unglaublich! Sämtliche Videos wurden während der Studio-Sessions aufgenommen. Teilweise hat der Betrachter dann noch die Möglichkeit hier auch wieder aktiv zu werden und verschiedene Einstellungen zu gucken. Durch diese visuelle Komponente wirken die Tracks noch mal ganz anders. Beck wäre nicht Beck, wenn hier nicht auch eine Menge passieren würde. Zwar sieht man immer wieder die selben Protagonisten, egal ob als Beatles oder Royal Tenenbaums verkleidet, aber man kann sich dem Bilderrausch gar nicht entziehen.
Mit diesem Album ist Beck wieder ein hervorragendes Werk gelungen. Mit dem Gesamtkonzept dürfte er nicht nur eine Duftmarke hinterlassen haben, sondern auch wieder Maßstäbe gesetzt haben. Der Mann scheint seiner Zeit immer etwas voraus zu sein. Schön, wenn einer Wert auf die Gestaltung seines gesamten Produktes legt. Ist halt ein Künstler, der Beck!