Ich kann mich noch an mein erstes Apoptygma Berzerk-Konzert erinnern. Vor ungefähr sieben Jahren in Köln. ‚Was für Dilettanten haben die denn da auf die Bühne gestellt?!’, habe ich mir damals gedacht. Als geradezu erschreckendes Tonwrack präsentierte sich damals vor allem Bandkopf Stephen Groth, der an jenem denkwürdigen Abend selten einen Ton traf und in seiner unauffälligen und ungelenken Art an einen tanzenden Physiker erinnerte. Das Geld für die Karte hätte ich besser in Billigbier von der Tanke investiert und mit irgendwelchen Parkalkis bunte Lieder vom blauen Rhein gesungen.
Einige Jahre später durfte ich dann nicht nur einem weiteren Konzert der so genannten ‚EBM-Götter’ beiwohnen, sondern sogar ein Bier beim Interview mit Stephen Groth schlürfen - den ich übrigens an diesem Abend wegen seiner geringen Körperstatur und schlichten Art erst für einen Roadie gehalten habe. Zwar präsentierte sich die Band an diesem Abend in wesentlich besserer Form, allerdings schien man sich einfach inzwischen der Technik bewusst zu sein, die so manchen Mangel in Musik und deren Umsetzung zu kaschieren weiß. Den Messias-Status, den man dem Apoptygma Berzerk Mastermind andichtet, ließ sich für mich damals erneut nicht erkennen. Außer beim Ego.
Jetzt wo scheinbar die gesamte Szene der schwarzen Tänzer und Tänzerinnen aufschreit und ihnen vor Empörung der Puder bröckelt, ziehe ich meinen Hut vor Stephen Groth. Er beißt förmlich in die Hand, die ihn füttert. Zumindest empfindet das die Hand so, denn sein bisheriges Publikum sieht in You and me against the world einen kommerziellen Streich, ein Anbiedern an das Mainstreampublikum und vor allem - durch einige dezente Gitarrentupfer - einen Ringelpitz mit dem momentanen Rocktrend. Lächerlich! Haarefärben verstopft die Gehörgänge! Apoptygma Berzerk ist weit davon entfernt, eine durchgestylte Rockband zu sein. Von ‚Modern Rock’ der Marke Nickelback sind die Skandinavier weit entfernt. (Dass Maze allerdings stark nach Placebo klingt, will ich nicht abstreiten) Und wenn die Lieder auf You and me against the world überhaupt einen kommerziellen Charakter haben, dann deshalb, weil sie in Nullkommanix in die Ohrmuschel wandern und sich dort festsetzen. Das ist natürlich ein Verkaufsargument. Ansonsten hat Stephen Groth nur seine persönliche Vorliebe für 80er Jahre Wavepop auf der neuen Scheibe ausgelebt und seinen persönlichen Idolen ein Denkmal gesetzt. So verwunder es auch nicht, dass das Kim Wilde-Cover Cambodia die Zielrichtung vorgibt.
<B>You and me against the world ist egal ob Makro- oder Mikroanalyse eine starke Platte mit klasse Melodien und großartigen Songs geworden. Für mich persönlich vielleicht die erste wirklich hörbare Platte der Band. Wenn das alte Publikum sich nun schmollend in die Ecke zurückzieht, kann das den Konzerten nur gut tun. Denn dann wäre man wahrscheinlich unter Leuten, die es nicht als persönliche Beleidigung ansehen, wenn ihnen jemand mehr als einen halben Meter zu nahe kommt. Vielleicht wird es dann richtig gesellig?!