Vielleicht fährt Alexander Hacke noch immer mit seinem Sanctuary in der ‚Buslinie 834’ durch Düsseldorf, strahlt Ingenieure und Schulkinder aus meinem blauen Medion Discman an und lädt sie dazu ein, auch einmal für eine Wegstrecke von 15 Minuten Richtung Oberkassel den persönlichen Musikhorizont zu erweitern. Mit mir wird Alexander Hacke auf diesem Weg nicht mehr kommunizieren, habe ich ihn doch zusammen mit meinem leicht zerkratzen portablen CD-Player in tiefster Gedankenverlorenheit am 1.6.2005, dem Tag, an dem ich mich endlich zur Magisterarbeit in Germanistischer Sprachwissenschaft angemeldet habe, in einem dieser blumigroten Busse zurückgelassen. Vergessen versteht sich! Nicht mit Absicht! Und aus den Tiefen meiner Seele kann ich sagen, dass es mit leid tut. Leid um Alexander Hacke und sein Sanctuary. Und vor allem um Giana Nannini, die wahrscheinlich mit ihrer imposanten Leistung beim Stück Per sempre Butterfly beim Pöbel im Bus einen zwiespältigen Eindruck hinterlassen wird, mich allerdings mit dieser herausragenden Stimmperformance vollkommen überrumpelt und beinahe auch etwas überrascht hat. Zwar bekam ich als Nannini-Anfänger schon vor kurzem eine erschreckend-lebhafte und außergewöhnlich tiefsinnige Darbietung der italienischen Dame am Piano in irgendeiner blöden Fernsehshow geboten, aber ganz ordinär gesagt: Per sempre Butterfly ist schon ne geile Nummer!
Überhaupt machte Sanctuary auf mich einen äußerst erfrischenden Eindruck. Der erste Track Minnie and me lässt zwar schwere und nur bedingt hörbare Kost erwarten, bei den restlichen Nummern liegt der Freund von eigenwilliger Pop- und Rockkultur, die man aus den Fingern von Hacke erwarten kann, aber goldrichtig. Dreh- und Angelpunk der Platte ist sicherlich das Titelstück, eine harte Industrialnummer, die nicht nur Hackes Neubauten-Vergangenheit neu belebt, sondern auch einige seiner Gastmusiker krachend ins Spiel bringt.
Mit Gastmusikern geizt der Neubauten-Bassist auf Sanctuary eh nicht. Auf seinen Reisen mit den Neubauten oder wenn es Projektarbeiten von ihm verlangten, hat er in den letzten zwei Jahren hier und da zusammen mit bekannten Musikern auf der ganzen Welt diese Nummern aufgenommen. Neben erwähnter Giana Nannini sind außerdem u.a. J.G. Thirlwell von Foetus, Algis Kizys von Swans, David Yow von The Jesus Lizard, Caspar Brötzmann, Andrew Chudy von den Einstürzende Neubauten und Vinnie Signiorelli von Unsane zu hören. Wem diese Herrschaften und ihr Wandeln und Handeln auf Erden ein Begriff sind, kann sich ungefähr vorstellen, wohin die musikalische Reise führt. Für mich fährt Alexander Hacke traurigerweise nur durch Düsseldorf. Hoffentlich führt es ihn irgendwann ins Fundbüro und damit zurück zu mir…